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Hugo von Hofmannsthals «Elektra»

Eine quellenbasierte Neuinterpretation

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Dorothée Treiber

In ihrem Buch setzt sich Dorothée Treiber kritisch mit der weitverbreiteten These auseinander, Hugo von Hofmannsthals Elektra leide an einer klinischen Hysterie. Der Autorin zufolge hält diese Behauptung einer eingehenden Analyse der Quellenlage nicht stand. Dagegen wird deutlich, daß Wien zur Jahrhundertwende von zwei spektakulären Kindesmißhandlungsskandalen erschüttert wurde. Daß diese auch in Hofmannsthals Theaterstück Spuren hinterlassen haben, soll hier gezeigt werden. Darüber hinaus wird deutlich, daß sich seine Bearbeitung nahtlos in die Tradition der Elektratragödien einfügt und Freuds Hysteriekonzeption alles andere als Vorbildcharakter hatte. Untersucht wird auch der Einfluss der Tagespresse sowie der Schriften Tardieus über Kindesmißhandlung und Mißbrauch.
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I. Elektras angebliche Hysterie

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Bereits 1911 schrieb Ernst Hladny in einem seiner beiden Aufsätze über Hofmannsthals Elektra:1 „Mit Absicht wurde bisher ein Wort umgangen, das die Kritiker dieses Stückes gern schon in der ersten Zeile anführten, es lautet: Hysterie.“2

Und dann:

„Freilich, hat man einmal das praktische Wörtchen Hysterie in der Hand, so ist es leicht, dem Stücke beizukommen: jede der drei Frauen stellt einen hysterischen Typus vor;“3

Als hätte Heinz Politzer diese Zeilen wörtlich genommen, erklärte auch er in einem Aufsatz aus dem Jahr 19734 alle drei Frauen des Dramas, Elektra, Klytämnestra und Chrysothemis, für hysterisch5 und versuchte tatsächlich mit dem „praktischen Wörtchen Hysterie“ der gesamten Tragödie Herr zu werden.6 ← 15 | 16 → Michael Worbs ging noch einen Schritt weiter und glaubte, in Hofmannsthals Antwort auf die Frage, „ob er bei der Formulierung seiner Charaktere wissenschaftliche Bücher, die sich mit der Nachtseite der Seele beschäftigen, zu Rate gezogen“7 habe, nicht nur einen eindeutigen Quellennachweis, sondern sogar die beiden maßgeblichen Quellen zur Elektra erfahren zu haben. Doch „wie zahlreich die Einflüsse sind, die in einem einzigen Werk zusammenwirken“, hat Martin Stern in seiner Ausgabe des Lustspielfragments Silvia im ‚Stern‘ 8 gezeigt, wo allein für dieses Stück vierundzwanzig Quellen nachgewiesen werden“,9 und auch Ritter ist überzeugt, daß „die vom Dichter nur zum Teil genannten Quellen zu seinen eigenen Arbeiten“ „zahllos“ seien.10 Bereits aus der Jedermann-Forschung wissen...

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