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Hugo von Hofmannsthals «Elektra»

Eine quellenbasierte Neuinterpretation

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Dorothée Treiber

In ihrem Buch setzt sich Dorothée Treiber kritisch mit der weitverbreiteten These auseinander, Hugo von Hofmannsthals Elektra leide an einer klinischen Hysterie. Der Autorin zufolge hält diese Behauptung einer eingehenden Analyse der Quellenlage nicht stand. Dagegen wird deutlich, daß Wien zur Jahrhundertwende von zwei spektakulären Kindesmißhandlungsskandalen erschüttert wurde. Daß diese auch in Hofmannsthals Theaterstück Spuren hinterlassen haben, soll hier gezeigt werden. Darüber hinaus wird deutlich, daß sich seine Bearbeitung nahtlos in die Tradition der Elektratragödien einfügt und Freuds Hysteriekonzeption alles andere als Vorbildcharakter hatte. Untersucht wird auch der Einfluss der Tagespresse sowie der Schriften Tardieus über Kindesmißhandlung und Mißbrauch.
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III. Hofmannsthal und die mißhandelten Kinder

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Im Juli 1892 erhält Hofmannsthal einen Brief von Marie von Gomperz, worin sie schreibt: „Ich habe mich letzthin wieder einmal in die Kinderzeit zurückgedacht und zwar im Gespräch mit einem kleinen Mädchen, einer Waisen, die wir aus dem Elende eines Arbeiterhauses, – wo sie bei Kohlenarbeitern unentgeltlich in der Pflege war und mehr Prügel als Wassersuppe bekam, – unter uns wohlbekannte, gute Leute verpflanzt haben, die hier im Dorfe einen kleinen Kaufladen besitzen. […] Ihr Gesicht erinnert etwas an die Mona562 Lisa von Leonardo da Vinci, es hat ein so feines Oval, sie hat große graublaue Augen mit langen Wimpern und volle, wenig geschwungene Lippen, in ihrem ganzen Wesen liegt etwas sehr Weibliches, Anmutiges, gerade das, was ich an den meisten Frauen sosehr vermisse, vielleicht verstecken sie es, weil es aus der Mode gekommen ist. […] Sie erzählt mir sehr viel und immer mehr traurige Episoden tauchen aus ihrer Vergangenheit auf […] ich sagte ihr, dass sie nicht glauben müsse, dass wir nichts thun, nur in den ‚schönen Zimmern‘ sitzen und reden, da erwiderte sie mit großem Ernst: ‚ich weiß, jeder Mensch muß etwas thun‘.“563 Auch hier gilt der bereits zitierte Satz Hermann Brochs über das Wiener Bürgertum, das sich „seine Welt zur Genußfähigkeit zurechtschminkte und verklärte“, und zwar „unter Vertuschung alles Elends.“ Auch Marie von Gomperz betreibt eine Art Ästhetizismus, wenn sie das Leiden der kleinen Adda hinter ihre geschwungenen Lippen à la Leonardo zurückdrängt und sich das...

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