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Hugo von Hofmannsthals «Elektra»

Eine quellenbasierte Neuinterpretation

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Dorothée Treiber

In ihrem Buch setzt sich Dorothée Treiber kritisch mit der weitverbreiteten These auseinander, Hugo von Hofmannsthals Elektra leide an einer klinischen Hysterie. Der Autorin zufolge hält diese Behauptung einer eingehenden Analyse der Quellenlage nicht stand. Dagegen wird deutlich, daß Wien zur Jahrhundertwende von zwei spektakulären Kindesmißhandlungsskandalen erschüttert wurde. Daß diese auch in Hofmannsthals Theaterstück Spuren hinterlassen haben, soll hier gezeigt werden. Darüber hinaus wird deutlich, daß sich seine Bearbeitung nahtlos in die Tradition der Elektratragödien einfügt und Freuds Hysteriekonzeption alles andere als Vorbildcharakter hatte. Untersucht wird auch der Einfluss der Tagespresse sowie der Schriften Tardieus über Kindesmißhandlung und Mißbrauch.
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V. Hofmannsthals Reaktionen

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In seiner allerersten Ausgabe der Fackel wirft Karl Kraus Hofmannsthal vor, daß er „in dem Studium aller Schönheitsepochen des menschlichen Geistes verloren, keine Schallwelle von dem eklen Gekreisch unseres Theatertums an sich herankommen ließ“, weil er „das Leben floh“ und „sein Wesen der ‚gemeinen Deutlichkeit der Dinge‘ widerstrebe.“708 Hofmannsthal „nach seiner Weltanschauung zu fragen“, so formuliert Kraus, „nach jenem Etwas, das von seinen Versen übrig bleibt, wenn man sie von Costüm und Anklängen befreit, wäre müßig. Genug, er flieht noch immer das Leben und liebt die Dinge, welche es verschönern.“709 Dies war im Frühjahr 1899, ein halbes Jahr vor den Kindesmißhandlungsprozessen. Kurz nach den Kindesmißhandlungsprozessen beginnt Hofmannsthal, seinen Stil vollkommen zu ändern. „Die Hinwendung zum Dramatischen und die Abkehr von der Lyrik bezeichnen die Wende.“, bemerkt Walter Jens.710 Alewyn bemerkt dazu, Hofmannsthal habe „um die Jahrhundertwende mit einem plötzlichen Entschluß sein Jugendwerk mitten im Zuge abgebrochen – der Brief des Lord Chandos gibt darüber Rechenschaft – um Leben und Dichten auf einer anderen Ebene mit anderen Mitteln wieder aufzunehmen.“711 und spricht von einer „Wandlung“, die „einer neuen Geburt“ gleichkäme. Entsprechend formuliert Jens: „Loris war tot, das Frühwerk abgetan; der Mythos von der schönsten Dichtergestalt der Weltliteratur für immer dahin. Der Brief des Lord Chandos vom Jahre 1901 bezeugt den Wandel der Zeiten.“712 Die Tendenz dazu war jedoch schon seit längerer Zeit latent vorhanden, denn bereits am 19. Juli 1892 schreibt Hofmannsthal seinem...

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