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Hugo von Hofmannsthals «Elektra»

Eine quellenbasierte Neuinterpretation

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Dorothée Treiber

In ihrem Buch setzt sich Dorothée Treiber kritisch mit der weitverbreiteten These auseinander, Hugo von Hofmannsthals Elektra leide an einer klinischen Hysterie. Der Autorin zufolge hält diese Behauptung einer eingehenden Analyse der Quellenlage nicht stand. Dagegen wird deutlich, daß Wien zur Jahrhundertwende von zwei spektakulären Kindesmißhandlungsskandalen erschüttert wurde. Daß diese auch in Hofmannsthals Theaterstück Spuren hinterlassen haben, soll hier gezeigt werden. Darüber hinaus wird deutlich, daß sich seine Bearbeitung nahtlos in die Tradition der Elektratragödien einfügt und Freuds Hysteriekonzeption alles andere als Vorbildcharakter hatte. Untersucht wird auch der Einfluss der Tagespresse sowie der Schriften Tardieus über Kindesmißhandlung und Mißbrauch.
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5. Der Einfluß der Familie Cenci

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„Ich hatte damals das leidenschaftliche Verlangen, mich der dramatischen – nicht mehr dramatisch-lyrischen – Form extensiv zu bemächtigen…“1199 Walter Jens meint, daß „im gleichen Augenblick, da Hofmannsthal die Ohnmacht des Wortes und die Bedeutungslosigkeit momentaner Verbalmagie durchschaute, ihn die im Drama beschriebenen Handlungen und Taten [reizten]. Was die Lyrik nicht darstellen konnte, war in der griechischen Tragödie vorgebildet: antithetisches Spiel, Handeln voll Verpflichtung und Konsequenz, Leiden und Tun, Verstrickung und Erkenntnis im Tod.“1200Elektra steht somit am Beginn einer neuen Schaffensperiode. „Hofmannsthal suchte Exempla Classica“, so Nehring, „die ihn in seinem Streben nach einem dramatischen Stil bestärken konnten. Er brauchte den Anschluß an große Form (A 370). Hier konnte er Dramenstruktur, Personenkonstellationen, Aufbau dramatischer Charaktere und verschiedene Möglichkeiten einer Dramensprache studieren.“1201 Auch Sophokles’ Elektra las er zunächst nur, um für das geplante Drama Pompilia, in dem er zum ersten ← 449 | 450 → Mal eine „wirklich dramatische Aufgabe“1202 sah, „gewisses zu lernen“.1203 Diese Exempla classica fand Hofmannsthal in einer Vielzahl von Autoren, die mehr oder weniger deutliche Spuren hinterlassen haben. Einer davon ist Shelley. Im Vorwort zu seiner Cenci-Tragödie setzt er sich vor allem mit theoretischen Aspekten der Dramengestaltung auseinander.

Eine frappante Parallele zu Hofmannsthals Elektra-Drama findet sich in der Geschichte der Familie Cenci, in deren Mittelpunkt die sechzehnjährige Beatrice steht, die nach langem Leiden und Dulden letztlich keinen anderen Ausweg mehr weiß als ihren Vater umzubringen. Zunächst fand Hofmannsthal die Geschichte bei Shelley, dessen dramatische Bearbeitung des...

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