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Myopische Steuerungsperspektive versus Nachhaltigkeitsorientierung: Einfluss auf den langfristigen Markterfolg

Eine empirische Analyse deutscher Unternehmen

Series:

Frank Tiefenbeck

Einen wohl nicht ganz unwesentlichen Beitrag zur Finanzkrise von 2008 und deren Folgen leisteten kurzfristige Anreize für Manager, Gewinne zu realisieren, die die langfristigen Entwicklungen von Unternehmen beeinträchtigen. Ziel des Autors ist es, Impulse zur Gestaltung, ggf. auch verpflichtenden Gestaltung, von Unternehmensplanung und -controlling zu geben, um eine kontinuierliche nachhaltige Unternehmensentwicklung zu fördern. Dabei gilt es insbesondere zu prüfen, ob bestimmte Designs von Planung, Controlling und Nachhaltigkeitsorientierung, die eine übermäßige Kurzfristorientierung von Managern fördern oder verhindern, negativ bzw. positiv auf den langfristigen Markterfolg von Unternehmen wirken. Daraus wird ein Leitbild zur nachhaltigen Unternehmensplanung abgeleitet.
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D. Datenerhebung und Messmodell

D. Datenerhebung und Messmodell

1. Fragebogen

Ziel des Fragenbogens ist es, alle für die Untersuchung relevanten Konstrukte, mögliche moderierende Größen und die Stichprobe beschreibende Größen über einen Fragebogen zu erheben.

Zielgruppe der im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführten Befragung waren Entscheidungsträger und Fachreferenten im Controlling von Unternehmen sowie Geschäftsführer/Vorstände/Bereichsleiter von Unternehmen bzw. Unternehmensteilen. Dabei sind organisationale Merkmale festzustellen. Persönliche Merkmale oder Eigenschaften des Antwortenden sind nur im Sinne seiner hierarchischen Stellung (Level) innerhalb der Organisation Bestandteil des Fragebogens.

Um eine hohe Validität der Antworten zu gewährleisten, wurde den Teilnehmern der Umfrage volle Vertraulichkeit im Umgang mit ihren Daten zugesichert. Die Fragen wurden weiterhin thematisch gruppiert.138 Auf die Darstellung eines inhaltlichen Leitfadens, die Nutzung einer kausalen Reihenfolge von Themengruppen sowie eine übergreifende Benennung von Fragegruppen wurde bewusst verzichtet, um ein strategisch gesteuertes Antwortverhalten zu verhindern. Lediglich am Beginn des Fragebogens erfolgte eine kurze Einleitung in das Untersuchungsziel der Umfrage.

Um den Einstieg in den Fragebogen zu erleichtern, wurden Fragen, die die Zielgruppe des Fragebogens eher einfach und schnell beantworten kann, an den Anfang des Fragebogens gestellt. Um für mögliche moderierende Einflüsse wahrheitsgemäße Antworten zu erhalten, erfolgte keine Abgrenzung oder Benennung der Fragengruppen hinsichtlich ihres möglichen moderierenden Einflusses.

Um die Übersichtlichkeit zu wahren, umfasst eine Seite des Fragebogens nicht mehr als acht Fragen. Zu einzelnen Fragen wurden kurze Erläuterungen unterhalb des Frageblocks gegeben.

In der Regel wurden geschlossene Fragen verwendet. Freie Einträge im Sinne der Frage waren lediglich hinsichtlich der Ergänzung der Mitgliedschaft in Börsenindizes und hinsichtlich der genutzten Rechnungslegungsstandards möglich. Freie Darstellungen waren ausschließlich im Rahmen der abschließenden Frage nach Kommentierungen bzw. ergänzenden Äußerungen möglich. Diese ← 55 | 56 → Möglichkeit wurde von den Befragten in nur sehr geringem Maße genutzt und geht nicht in die Analyse der Daten ein.

Insofern die Fragen ordinal zu bewerten waren (z. B. „trifft zu“ vs. „trifft nicht zu“), gibt der Fragebogen eine jeweils sechsgliedrige Skalierung vor. Um Verzerrungen im Antwortverhalten zu verringern, ist die Skalierung vollständig verbalisiert und unidirektional. Um dem Antwortenden keinen Fluchtpunkt zu geben, wurde auf eine Mittelkategorie verzichtet.139

Auf Grund der Überzeugung, dass alle Fragen grundsätzlich von allen Personen der Zielgruppe beantwortet werden können, wurde auf eine Kategorie „nicht anwendbar“ verzichtet. Dieser Ansatz fand im Rahmen eines Tests mit fünf Praktikern aus dem Bereich der Zielgruppe und 20 Studenten einer Finance Master Class im Vorfeld der Durchführung der Befragung Bestätigung.

Der Fragebogen wurde per E-Mail sowohl als Link auf eine Internetseite des Umfrageanbieters UNIPARK140 als auch in Form einer PDF-Datei an die potenziellen Teilnehmer versandt.141 Die Umfrage stand den Teilnehmern vom 23.05.2011 bis zum 15.08.2011 online zur Verfügung. Ein Vorblättern des Online-Fragebogens war nur möglich, wenn alle Fragen der betreffenden vorhergehenden Seite vollständig beantwortet worden waren. Ein Zurückblättern war in jedem Fall von Seite zu Seite möglich.

Fragebögen auf Basis der PDF-Datei wurden in ausgedruckter Form ausgefüllt und als eingescannte Datei per E-Mail oder in Papierform per Post zurückgeschickt. Im Falle nicht vollständig ausgefüllter Fragebögen wurde per E-Mail oder telefonisch um vollständige Beantwortung aller Fragen gebeten. In die Analyse der Daten sind ausschließlich vollständig ausgefüllte Fragebögen eingegangen. In der überwiegenden Mehrzahl wurden die Fragebögen online ausgefüllt, rund 11% der Fragebögen wurden als Hardcopy ausgefüllt.

2. Grundgesamtheit und Vorgehensweise zur Datenerhebung

Insgesamt wurde der Fragebogen an 2.368 Personen versandt. Basis für die Grundgesamtheit bildeten die Adressdatenbank der Professur für BWL IV – Controlling und integrierte Rechnungslegung an der Justus-Liebig-Universität Gießen hinsichtlich der 1.500 größten Unternehmen Deutschlands, die Kundendatenbank ← 56 | 57 → des Unternehmens BearingPoint GmbH mit Ansprechpartnern im Controlling von Unternehmen sowie zusätzlich einzelne private Kontakte des Autors. Neben der Inkludierung der 1.500 größten Unternehmen Deutschlands wurde sichergestellt, dass alle Unternehmen der wichtigsten deutschen Börsenindizes DAX, MDAX, TecDAX und SDAX in der Grundgesamtheit enthalten sind.

Um einen hohen absoluten Rücklauf von Beginn an abzusichern, wurden schweizerische und österreichische Großunternehmen in die Grundgesamtheit aufgenommen. Um den Rücklauf zu maximieren, wurden teilweise mehrere Personen in einem Unternehmen angeschrieben. Wenn mehrere Zielpersonen eines Unternehmens geantwortet hatten, wurden diese Datensätze durch Bildung von Mittelwerten für alle Antworten eines Unternehmens konsolidiert.

Eine Identifizierung war durch die Verwendung von personifizierten Links zum Onlinefragebogen möglich. Eine Identifizierung von per E-Mail zurückgesandten Fragebögen erfolgte auf Basis der E-Mail. Eine Identifizierung der per Post zurückgesandten Fragbögen erfolgte auf Basis der für den Versand der Ergebnisse eingetragenen E-Mail-Adressen. Eine Auswertung von personifizierten Daten erfolgte zu keiner Zeit und ist in keiner Weise Bestandteil dieser Arbeit.

Um den Rücklauf der Antworten zu erhöhen, wurde den Teilnehmern der kostenlose Versand eines Benchmarking-Berichts im Anschluss an die Fertigstellung der Arbeit vorangekündigt. Dazu hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, ihre E-Mail-Adresse für den Versand des Berichts anzugeben. Von dieser Möglichkeit haben 84% der Teilnehmer der Umfrage Gebrauch gemacht.

3. Deskription der Stichprobe

3.1 Reduktion der Stichprobe

Insgesamt haben 238 der insgesamt 2.368 angeschriebenen Personen den Fragebogen vollständig ausgefüllt. Die Rücklaufquote liegt somit bei rund 10%. Dank des guten Rücklaufs konnte die Stichprobe zur Schärfung der Aussagekraft und Repräsentativität auf deutsche Unternehmen beschränkt werden, Antworten von österreichischen und schweizerischen Unternehmen wurden aus der Stichprobe ausgeschlossen. Des Weiteren wurden Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern ausgeschlossen, so dass keine Verzerrung durch allzu kleine Unternehmen möglich ist. Nach Konsolidierung der Mehrfachantworten pro Unternehmen verbleiben in der Stichprobe 172 Datensätze. Diese 172 Datensätze stellen den Ausgangspunkt für alle weiteren Analysen dar. Die folgende Tabelle stellt die Reduktion der Stichprobe nach Reduktionskategorien quantitativ dar: ← 57 | 58 →

Tabelle 7: Stichprobe – Reduktion der Daten

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3.2 Repräsentativität der Branchenverteilung

Um die Branchenverteilung hinsichtlich ihrer Repräsentanz zu testen, wurden die von den Teilnehmern der Umfrage im Fragebogen angegebenen Branchen auf Basis der SIC Code Division142 zusammengefasst. Folgende Tabelle stellt das Mapping dar. ← 58 | 59 →

Tabelle 8: Branchen – Mapping auf SIC Code Divisions

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← 59 | 60 →

Im Falle, dass der Teilnehmer hinsichtlich der Branche die Auswahl „sonstige“ getroffen hat, wurde das Unternehmen über die Zuordnung des personalisierten Links bzw. über die angegebene Versandadresse zum Erhalt des Benchmarking-Berichts identifiziert und einer SIC Code Division auf Basis von Internetrecherchen zugeordnet. Dies war bei 27 Unternehmen (rund 16% der Stichprobe) der Fall. Die folgende Tabelle zeigt die Zuordnung der hinsichtlich der Branchenzuordnung mit „sonstige“ gekennzeichneten Datensätze zu SIC Code Divisions.

Tabelle 9: Branchen – Zuordnung „Sonstige“ zu SIC Code Divisions

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Die Repräsentanz der Stichprobe hinsichtlich der Branchenverteilung wurde auf Basis der Branchenverteilung der Unternehmen und der Summe der Indizes143 DAX, MDAX, TecDAX und SDAX geprüft144. Die Indizes wurden ausgewählt, da diese die Industrieverteilung für wichtige und namhafte Unternehmen Deutschlands anzeigen. Die Zuordnung der Branchen zu den Unternehmen ← 60 | 61 → erfolgte auf Basis der SIC Code Division. Ein Chi-Quadrat-Test ergab, dass es signifikante Unterschiede zwischen der Branchenverteilung in der Stichprobe und der Branchenverteilung der Summe der Unternehmen des DAX, MDAX, TecDAX und SDAX gibt. Da das Fünfer-Kriterium145 im Rahmen der Prüfung der Branchenverteilung nicht vollständig eingehalten werden konnte, verdeutlichen die Hochrechnung der Branchenverteilung der Summe der Unternehmen von DAX, MDAX, TecDAX und SDAX auf 172 Datensätze (Anzahl der in der Stichprobe enthaltenen Datensätze) und die Differenz zur Anzahl der im Datensatz der Umfrage pro Branche enthaltenen Unternehmen die Abweichungen in den Verteilungen. ← 61 | 62 →

Tabelle 10: Branchenverteilung – Vergleich Summe DAX, MDAX, TecDAX und SDAX versus Datensatz

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Auffällig sind die Unterschiede der Branchenverteilung im Bereich der Netzwerkindustrien (Transportation, Communication, Electric, Gas und Sanitary Services) sowie der Finanzindustrie (Finance, Insurance and Real Estate). Die Ursache liegt in beiden Fällen neben dem subjektiven nicht beeinflussbaren Antwortverhalten der Umfrageteilnehmer an dem relativen Übergewicht von Unternehmen im Transport- und Energiesektor und relativen Untergewicht der Finanzindustrie in der Grundgesamtheit der angeschriebenen potenziellen Teilnehmer der Umfrage. Das Untergewicht der Finanzindustrie ist vor allem der Industrielastigkeit der Grundgesamtheit durch die Verwendung der Datenbank der Professur BWL IV – Controlling und integrierte Rechnungslegung der Justus-Liebig-Universität Gießen über die 1.500 größten Unternehmen geschuldet. Der hohe Anteil des Transport- und Energiesektors an der Grundgesamtheit ist in der Verwendung einer Adressdatenbank der Firma BearingPoint mit Schwerpunkt auf den Transport- und Energiesektor, die einen wesentlichen Anteil der Grundgesamtheit einnimmt, zu vermuten.

Wird von der Verzerrung im Bereich der Netzwerk- und Finanzindustrien abgesehen, und fasst man Groß- und Einzelhandel zum Segment-Handel zusammen, so weist die Stichprobe eine hinreichend gute Repräsentanz der Branchenverteilung der Summe der Unternehmen von DAX, MDAX, TecDAX und SDAX auf.

3.3 Existenz eines Antwort-Bias

Um festzustellen, ob an der Befragung eher am Thema der Umfrage interessierte Personen oder auch weniger interessierte Personen teilgenommen haben, wurde der Gesamtdatensatz (238 Antworten) geteilt. Der Gesamtdatensatz vor Reduktion und Konsolidierung wird verwendet, um das Fünfer-Kriterium nach Möglichkeit zu erfüllen.146 Basis für die Teilung in je 119 Datensätze war der Median hinsichtlich des Zeitpunktes des Eingangs des beantworteten Fragebogens. Es wird unterstellt, dass die eher schnell antwortenden Personen ein höheres Interesse am Thema der Umfrage aufweisen, eher spät antwortende Teilnehmer ein geringeres Interesse und somit nicht antwortenden Personen, die wenig oder gar kein Interesse an der Umfrage haben, am ähnlichsten sind.147

Ein Chi-Quadrat-Test zeigt, dass ein Unterschied in den Verteilungen der Antworten der frühzeitig Antwortenden im Vergleich zu den spät Antwortenden nicht ausgeschlossen werden kann. Berücksichtigt wurden die Antworten ← 63 | 64 → von Fragen/Items, die ordinal zu bewerten waren und in späteren Analysen im Rahmen von Strukturgleichungsmodellen verwendet wurden. Auf Grund der Restriktion durch das Fünfer-Kriterium konnte der Test lediglich für ein Item im Bereich der myopischen Steuerungsperspektive148 und für ein Item im Bereich der Nachhaltigkeitsorientierung149 durchgeführt werden. Der Test wurde für die Verteilung aller Items im Bereich des Konstrukts Nachhaltigkeitsorientierung in Summe ohne Beachtung des Fünfer-Kriteriums für jedes der vier Items des Konstrukts Nachhaltigkeitsorientierung wiederholt. Die Items des Konstrukts Nachhaltigkeitsorientierung wurden ausgewählt, da im Anschreiben zur Umfrage explizit der Nachhaltigkeitsbegriff verwendet wurde. Auch in diesem Fall ergibt der Test, dass ein Unterschied in den Verteilungen der Antworten hinsichtlich der ersten Hälfte der Antwortenden im Vergleich zur zweiten Hälfte der Antwortenden nicht ausgeschlossen werden kann. Insofern sind die Antworten der Umfrage tendenziell als Antworten von am Thema interessierten Personen zu bewerten.

3.4 Weitere deskriptive Merkmale zur Relevanz der Stichprobe

Basis für die Stichprobe für deutsche Unternehmen sind 172 Datensätze von 172 Unternehmen. Vor Konsolidierung der Antworten für Personen, die demselben Unternehmen angehören, umfasste der Datensatz 208 personenbezogene Antworten.

Die Hierarchieebenen für die 208 personenbezogenen Antworten verdeutlichen die Relevanz des Datensatzes. 88% der Teilnehmer besetzen eine wesentliche leitende Funktion in ihrem Unternehmen (Abteilungsleiter, Bereichsleiter oder Vorstand), davon arbeiten 38% auf der zweiten Führungsebene ihres Unternehmens (Bereichsleiter und Direktoren) und 20% sind Vorstand oder Geschäftsführer. Die Präsenz des hohen Hierarchielevels deutet auf ein hohes Maß an Erfahrungen bei der Bewertung des Fragebogens hin. ← 64 | 65 →

Abbildung 6: Verteilung der teilnehmenden Personen in der Stichprobe nach Hierarchieebenen

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Fast drei Viertel (128 Unternehmen, rund 74%) aller teilnehmenden Unternehmen weisen einen Umsatz von jährlich mehr als 500 Mio. Euro aus. Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Unternehmen (88 Unternehmen, rund 51%) hat einen Jahresumsatz von mindestens einer Milliarde Euro und immerhin gut ein Fünftel der Unternehmen (rund 21%) weist mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz pro Geschäftsjahr aus. Die folgende Grafik gibt einen Überblick über die Verteilung der teilnehmenden Unternehmen nach Umsatz in Euro pro Geschäftsjahr150. ← 65 | 66 →

Abbildung 7: Verteilung der Unternehmen der Stichprobe nach Jahresumsatz in Euro

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Die Höhe des Umsatzes in Euro pro Geschäftsjahr der 172 in der Stichprobe enthaltenen deutschen Unternehmen unterstreicht somit die Wesentlichkeit und Relevanz der an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen.

Fast ein Viertel der in der Stichprobe enthaltenen Unternehmen (39 Unternehmen, 23%) sind in einem der deutschen Top-Börsenindizes verzeichnet. Von 30 im höchsten Standard der Deutschen Börse, dem DAX, gelisteten Unternehmen sind mehr als die Hälfte, 17 Unternehmen, in der Stichprobe enthalten. Dies zeigt, dass vor dem Hintergrund der umfangreichen Anforderungen für eine Listung in einem dieser Börsenindizes Unternehmen mit besonders hohem Professionalisierungsgrad in wesentlichem Umfang in die Stichprobe eingegangen sind. ← 66 | 67 →

Abbildung 8: Verteilung der Unternehmen der Stichprobe nach Börsenindex-Notierung

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4. Das Messmodell

4.1 Vorbereitung: Kardinalisierung der Daten

Grundsätzlich wurden alle ordinalen Bewertungen pro Frage/Item in eine kardinale Skala von eins bis sechs überführt. Die Entsprechungen sind in der folgenden Tabelle abgebildet. ← 67 | 68 →

Tabelle 11: Kardinalisierung der Daten / Invertierung von Daten

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Bevor die Daten im Rahmen der Analysen genutzt werden, wurden alle Fragen/Items, die negativ auf ein potenzielles Konstrukt laden würden, invertiert, so dass alle Items gleichgerichtet positiv auf ein potenzielles Konstrukt laden. Die folgende Tabelle zeigt die Invertierung. Im Fragebogen wurde von einer einheitlichen Gleichrichtung bei der Bewertung von Fragen abgesehen, um stereotypes Antwortverhalten zu verhindern. Invertierte Items werden im Rahmen des folgenden Kapitels 4.2 Konstrukte des Messmodells benannt.

Tabelle 12: Invertierung von Bewertungen

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4.2 Konstrukte des Messmodells

4.2.1 Kurzfristorientierung der Planung/Kurzfristorientierung

Das Konstrukt Kurzfristorientierung stellt einen Bestandteil des Second-Order-Konstrukts Kurzfristorientierung der Planung dar. Die Items des Konstrukts basieren auf Fragen zur Bewertung der Fähigkeit zur Langfristorientierung einer Organisation, bestehend aus vier reflektiven Items151 und bilden insbesondere Items, die eine Bewertung des Budgetdrucks anzeigen, ab.

Damit das auf das Second-Order-Konstrukt zur Abbildung von Kurzfristorientierung der Planung ladende Konstrukt und die mit dem Konstrukt verbundenen Items positiv laden, wurden die im Konstrukt verwandten Items hinsichtlich der Bewertung invertiert. Die mit dem Konstrukt verbundenen Fragen sind im Vergleich zum Fragebogen als verneinend formuliert zu interpretieren (siehe Worte und Zeichen in Klammern in der Tabelle zur Deskription und zu Qualitätsmaßen).

Die deskriptive Betrachtung zeigt eine leichte Linksverschiebung des Mittelwerts, also insgesamt eine eher geringe Kurzfristorientierung. Die Bewertung der Würdigung von Engagement in Langfristthemen durch Entscheidungsträger (KFO1) fällt zurückhaltender aus als die Bewertung der Mehrbetonung der langfristigen Ergebnisse gegenüber kurzfristigen Ergebnissen (KFO1) und der Bewertung der Balance zwischen Kurz- und Langfristzielen (KFO2).

Die statistischen Qualitätsmaße zur Homogenität reflektiv gemessener Konstrukte (Cronbach’s Alpha, Konstrukt Reliabilität und durchschnittlich erklärte Varianz) sind in sehr guter Weise erfüllt. ← 69 | 70 →

Tabelle 13: Konstrukt Kurzfristorientierung – Deskriptive Statistik und Qualitätsmaße

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← 71 | 72 →

4.2.2 Kurzfristorientierung der Planung/Mangelnde Integration der Planungsprozesse

Das Konstrukt Mangelnde Integration von Planungsprozessen stellt einen weiteren Bestandteil des Second-Order-Konstrukts Kurzfristorientierung der Planung dar. Bei diesem Konstrukt handelt es sich um ein selbstentwickeltes Konstrukt. Es besteht aus vier reflektiven Indikatoren basierend auf Fragen zur Bewertung der Integration des Planungsanlasses Mittelfristplanung mit den Langfristprozessen Strategie152 und Risikomanagement153, der Integration der Planungsanlässe Mittelfristplanung und Budget untereinander sowie der Integration von operativen Geschäftseinheiten bei der Entwicklung von Szenarien. Das Konstrukt bildet somit insbesondere die Items ab, die unter der Idee des integrativen Ansatzes von Performance Measurement Systemen insbesondere die Fähigkeit zur Integration von Unternehmensplanung wiederspiegeln. ← 70 | 71 →

Damit die auf das Second-Order-Konstrukt zur Abbildung von Kurzfristorientierung der Planung ladenden Konstrukte und die damit verbundenen Items hypothetisch positiv laden, wurden die im Konstrukt verwandten Items hinsichtlich der Bewertung invertiert. Die mit dem Konstrukt verbundenen Fragen sind im Vergleich zum Fragebogen als verneinend formuliert zu interpretieren (siehe Worte in Klammern in der Abbildung zur Deskription und zu Qualitätsmaßen).

Die deskriptive Betrachtung zeigt eine leichte Linksverschiebung der Mittelwerte. Die Integration zwischen Mittelfristplanung und Budget (MP2) ist deutlich stärker ausgeprägt als die Integration der Mittelfristplanung mit dem Strategie- (MP1) oder dem Risikomanagementprozess (MP3). Auch die Durchführung von Szenariobetrachtungen (MP4) ist vergleichsweise zur Integration zwischen Mittelfristplanung und Budget (MP2) wenig ausgeprägt.

Die statistischen Qualitätsmaße zur Homogenität reflektiv gemessener Konstrukte (Cronbach’s Alpha, Konstrukt Reliabilität und durchschnittlich erklärte Varianz) sind auch hier durchgängig in sehr guter Weise erfüllt.

Tabelle 14: Konstrukt Mangelnde Integration der Planungsprozesse – Deskriptive Statistik und Qualitätsmaße

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4.2.3 Ergebnisdruck

Das Konstrukt Ergebnisdruck besteht aus drei reflektiven Indikatoren. Das Konstrukt stellt ein selbstentwickeltes Konstrukt dar. Die Items des Konstrukts basieren auf der Art der variablen Vergütung des Managements.154 Das Konstrukt spiegelt somit die Idee des kurzfristigen Charakters von variabler Vergütung bei Konzentration auf finanzielle Größen wieder.

Die Teilnehmer der Umfrage weisen eine relativ hohe Tendenz zur Nutzung variabler Vergütungsinstrumente der Entscheidungsträger auf.

Die statistischen Qualitätsmaße zur Homogenität reflektiv gemessener Konstrukte (Cronbach’s Alpha, Konstrukt Reliabilität und durchschnittlich erklärte Varianz) sind wiederum in sehr guter Weise erfüllt.

Tabelle 15: Konstrukt Ergebnisdruck – Deskriptive Statistik und Qualitätsmaße

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4.2.4 Nachhaltigkeitsorientierung

Das Konstrukt Nachhaltigkeitsorientierung besteht aus vier reflektiven Indikatoren. Das Konstrukt stellt ein selbstentwickeltes Konstrukt dar. Die Items basieren auf der Intensität der Nachhaltigkeitsorientierung in Bezug zum Nachhaltigkeitsreporting und der Verankerung von Nachhaltigkeit in der Strategie. Um die Aussagekraft des Konstrukts zu stärken, wurden die Themen Verankerung der Nachhaltigkeit bei den Mitarbeitern und bei operativen Entscheidungen mit einbezogen. ← 72 | 73 →

Die deskriptive Betrachtung zeigt eine Rechtsverschiebung des Mittelwerts. 3% der Teilnehmer bewerten die Nachhaltigkeitsorientierung mit gut bis sehr gut, circa 47% der Teilnehmer bewerten die Nachhaltigkeitsorientierung mit ausreichend bis befriedigend, 14% der Teilnehmer bewerten die Nachhaltigkeitsorientierung als mangelhaft bis nicht existent. Nachhaltigkeit als Anliegen eines jeden Mitarbeiters (NO3) sowie als Bestandteil der Strategiediskussion (NO2) wird deutlich höher eingeschätzt als der Ausgangspunkt der Internalisierung der Nachhaltigkeitsorientierung, das Nachhaltigkeitsreporting (NO1).

Die statistischen Qualitätsmaße zur Homogenität reflektiv gemessener Konstrukte (Cronbach’s Alpha, Konstrukt Reliabilität und durchschnittlich erklärte Varianz) sind durchgängig in sehr guter Weise erfüllt.

Tabelle 16: Konstrukt Nachhaltigkeitsorientierung – Deskriptive Statistik und Qualitätsmaße

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4.2.5 Strategische Konsistenz

Das Konstrukt Strategische Konsistenz besteht aus fünf reflektiven Indikatoren. Das Konstrukt stellt ein selbstentwickeltes Konstrukt dar. Es beinhaltet zunächst die Frage nach der Existenz einer Strategie überhaupt.155 Danach folgen Fragen, ← 73 | 74 → inwieweit Entscheidungen156, die Unternehmenskultur157 und die Führungsleitlinien158 einen Bezug zur Strategie des Unternehmens aufweisen. Schließlich erfolgt die Einbeziehung der Transparenz von Strategie.159

Insgesamt ist der Mittelwert der Strategischen Konsistenz etwas nach rechts verschoben. Die Bewertung der klaren Definition der Strategie (SK1) fällt positiver aus als die Bewertung der Strategie, die in geeigneter Form in Teilaufgaben für die Mitarbeiter heruntergebrochen wird (SK5).

Die statistischen Qualitätsmaße für die Homogenität reflektiv gemessener Konstrukte (Cronbach’s Alpha, Konstrukt Reliabilität und durchschnittlich erklärte Varianz) sind durchgängig in sehr guter Weise erfüllt.

Tabelle 17: Konstrukt Strategische Konsistenz – Deskriptive Statistik und Qualitätsmaße

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← 74 | 75 →

4.2.6 Anpassungsfähigkeit

Das Konstrukt Anpassungsfähigkeit basiert auf einem Item zur Bewertung der Fähigkeit eines Unternehmens, sich an unvorhergesehene Ereignisse anzupassen.

Die Anpassungsfähigkeit wird von 80% der Umfrageteilnehmer als eher hoch bis sehr hoch eingeschätzt. Etwa 20% schätzen die Anpassungsfähigkeit höchstens eher geringer ein. Die Qualitätsmaße zur Beurteilung der Homogenität von Konstrukten sind in diesem Fall nicht relevant, da das Konstrukt über nur ein Item gemessen wird.

Tabelle 18: Konstrukt Anpassungsfähigkeit – Deskriptive Statistik und Qualitätsmaße

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4.2.7 Langfristiger Markterfolg

Das Konstrukt Langfristiger Markterfolg besteht aus zwei reflektiven Indikatoren. Das Konstrukt stellt ein selbstentwickeltes Konstrukt dar. Dazu wurden Wachstum und Profitabilität als wesentliche Indikatoren des Markterfolgs verwendet. Um den Einfluss branchenspezifischer Marktentwicklungen zu neutralisieren, beschreiben die Items eine relative Bewertung des Unternehmens in Relation zu seiner Branche. Um den langfristigen Charakter des Erfolgs zu berücksichtigen, beziehen sich die Items auf die letzten fünf Jahre.

Die deskriptive Betrachtung des Konstrukts zeigt, dass zwei Drittel der Umfrageteilnehmer ihr Wachstum und ihre Profitabilität relativ zur Branche eher etwas geringer oder eher etwas höher einschätzen. Etwa ein Viertel der Teilnehmer bewertet Wachstum und Profitabilität im Vergleich zur Branche als hoch. Die beiden Items des Konstrukts sind sehr gleichförmig bewertet worden.

Die statistischen Qualitätsmaße für die Homogenität reflektiv gemessener Konstrukte (Cronbach’s Alpha, Konstrukt Reliabilität und durchschnittlich erklärte Varianz) sind wiederumin sehr guter Weise erfüllt. ← 75 | 76 →

Tabelle 19: Konstrukt Langfristiger Markterfolg – Deskriptive Statistik und Qualitätsmaße

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Die Korrelationsmatrizen der Konstrukte sind im Anhang beigefügt.

4.3 Diskriminanzvalidität der Konstrukte

Die Abgrenzung der Konstrukte im Bereich der Messung von Kurzfristorientierung, Mangelnder Integration der Planung, Ergebnisdruck, Nachhaltigkeitsorientierung, Strategischer Konsistenz, Anpassungsfähigkeit und Langfristigem Markterfolg wird über das Fornell-Larcker-Kriterium geprüft. Dabei muss die durchschnittlich erklärte Varianz des Konstrukts (DEV)stets größer sein als die quadrierte Korrelation eines Konstrukts mit allen anderen Konstrukten. Das Kriterium ist für alle Konstrukte, wie in der folgenden Abbildung dargestellt, erfüllt.

Tabelle 20: Abgrenzung der Konstrukte – Fornell-Larcker-Kriterium

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Das zweite Kriterium zur Abgrenzung der Konstrukte sind die Cross Loadings. Im Rahmen dessen müssen die Items des jeweiligen Konstrukts stärker auf die Items des eigenen Konstrukts laden als auf alle Items anderer Konstrukte. Auch dieses Kriterium ist, wie folgende Abbildung zeigt, erfüllt. ← 76 | 77 →

Tabelle 21: Abgrenzung der Konstrukte – Cross Loadings

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← 77 | 78 →



← 78 | 79 →

                                                   

138 Vgl. Porst (2008).

139 Vgl. Porst (2008).

140 UNIPARK ist ein Anbieter von Onlineumfragesoftware, die sich an Studenten, Dozenten oder Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen richtet, siehe auch www.unipark.de.

141 Der Fragebogen ist im Anhang dieser Arbeit enthalten.

142 United States Department of Labor (2012).

143 Vgl. Deutsche Börse AG (2008).

144 Vgl. Deutsche Börse AG (2008). Die Prüfung erfolgte auf Basis der per 04. Januar 2012 in den Indizes DAX, MDAX, TecDAX und SDAX gelisteten Unternehmen.

145 Das Fünfer-Kriterium erfordert für die hinsichtlich der Verteilung zu prüfenden beiden Datenmengen in jeder der beiden Datenmengen und jeder möglichen Ausprägung eine Mindestanzahl von fünf Datensätzen, vgl. Bellgardt (2004).

146 Vgl. Bellgardt (2004).

147 Vgl. Armstrong/Overton(1977).

148 Betrifft das Item Szenario-Betrachtungen im Rahmen der jährlichen Planungsprozesse werden auf operative Geschäftseinheiten heruntergebrochen im Konstrukt Mangelnde Integration der Planung.

149 Betrifft das Item Das Thema Nachhaltigkeit ist Bestandteil der Berichterstattung im Konstrukt Nachhaltigkeitsorientierung.

150 Die Angaben basieren auf den Antworten der teilnehmenden Personen.

151 Das Konstrukt basiert auf dem Konstrukt zur Bewertung der Fähigkeit zur Langfristplanung im Rahmen der seit 2010 einmal jährlich durchgeführten Mitarbeiterbefragung der Firma BearingPoint. Das Konstrukt beinhaltet ursprünglich fünf Items. Das Item „Wir wissen, was wir strategisch erreichen wollen“ wurde auf Grund der inhaltlichen Nähe zum Konstrukt Strategische Konsistenz nicht verwendet.

152 Vgl. de Wit/Meyer (2003).

153 Vgl. Kölle (2008).

154 Vgl. Healy (1985), Gaver/Gaver (1993), Cheng/Warfield (2005), Bergstresser/Philippon (2006).

155 Vgl. Lingle/Schieman (1996).

156 Vgl. Richter/Schmidt (2005).

157 Vgl. Sackmann (2006).

158 Vgl. Govindrajan/Fisher (1990).

159 Van der Stede/Chow/Lin (2006) untersuchen insbesondere die Abhängigkeit des Unternehmenserfolgs von strategiespezifischen Erfolgsmaßen. Dies setzt eine Zuordnung von Erfolgsmaßen zu Mitarbeitern und eine dementsprechende Aufgabenzuordnung voraus.