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Interpassives Mittelalter?

Interpassivität in mediävistischer Diskussion

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Edited By Silvan Wagner

In diesem Band wird zum ersten Mal innerhalb der Mediävistik versucht, das vom Konzept des performative turn geprägte Bild vom interaktiven Mittelalter zu hinterfragen. Ausgangspunkt ist Robert Pfallers Entwurf eines interpassiven Aktionsmodus: Das Mittelalter wird hierbei eben nicht als interaktive Kultur gesehen, die politisch, religiös und literarisch von performativ-interaktiven Gruppenphänomenen gekennzeichnet ist. Vielmehr können Menschen, statt selbst zu agieren, Interaktion offenbar auch an andere delegieren, haben dabei aber dennoch in gewisser Weise Teil an dieser Interaktion. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Germanistik, Geschichtswissenschaft und Theologie untersuchen in den Beiträgen dieses Bandes, welche Konsequenzen sich daraus für das Bild vom interaktiven Mittelalter ergeben. Sie spiegeln die Ergebnisse einer interdisziplinären Fachtagung zum Thema «Interpassivität und Mediävistik» wider.
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Über das Ungute am Genuss. Warum wir ihn nicht selbst haben wollen und ihn aber doch nicht ganz lassen können

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0. Vorbemerkungen: Aufklärung nicht ohne Aufheiterung

Dass die aktuelle Mediävistik sich für die von mir seit 1996 entwickelte Theorie der Interpassivität zu interessieren beginnt, ist nicht nur eine Ehre und Freude für mich, sondern scheint mir auch gute theoretische Gründe zu haben. Zwar weiß ich selbst nur wenig über das Mittelalter, aber ich weiß zumindest, wofür viele prominente Theoretiker der Neuzeit seine Bewohner hielten und heute noch halten. Viele meinen, wie Hans-Georg Gadamer oder Georg Lukacs, die Menschen im Mittelalter hätten so brav an Gott geglaubt, dass sie sich in der Welt äußerst geborgen gefühlt haben müssten, während wir armen Aufgeklärten hingegen desillusioniert und traurig in „transzendentaler Obdachlosigkeit“ durch die Welt irrten.1

Man kann sagen: die Bewohner des Mittelalters fungieren in dieser Auffassung als unsere interpassiven Medien. Sie genießen stellvertretend für uns ein Glück der Naivität, das uns nicht mehr zugänglich ist und dem wir uns auch nicht mehr gewachsen fühlen. Interessant aber ist dem gegenüber, dass offenbar auch die mittelalterlichen Menschen das Übertragen von Naivität kannten und, wie Silvan Wagner und andere inzwischen gezeigt haben, mit Motiven von „stellvertretender Dummheit“2 und Figuren „vorgeschobener Idioten“ operierten.3 Nicht immer freilich müssen sie so fest wie wir Neuzeitlichen an die Existenz solcher dummer oder naiver Anderer geglaubt haben. Aber entweder verspürten sie ähnlich wie wir einen Druck, ein unerträglich gewordenes Gl...

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