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Interpassives Mittelalter?

Interpassivität in mediävistischer Diskussion

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Edited By Silvan Wagner

In diesem Band wird zum ersten Mal innerhalb der Mediävistik versucht, das vom Konzept des performative turn geprägte Bild vom interaktiven Mittelalter zu hinterfragen. Ausgangspunkt ist Robert Pfallers Entwurf eines interpassiven Aktionsmodus: Das Mittelalter wird hierbei eben nicht als interaktive Kultur gesehen, die politisch, religiös und literarisch von performativ-interaktiven Gruppenphänomenen gekennzeichnet ist. Vielmehr können Menschen, statt selbst zu agieren, Interaktion offenbar auch an andere delegieren, haben dabei aber dennoch in gewisser Weise Teil an dieser Interaktion. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Germanistik, Geschichtswissenschaft und Theologie untersuchen in den Beiträgen dieses Bandes, welche Konsequenzen sich daraus für das Bild vom interaktiven Mittelalter ergeben. Sie spiegeln die Ergebnisse einer interdisziplinären Fachtagung zum Thema «Interpassivität und Mediävistik» wider.
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Literarische Didaxe als Arbeit am Glauben der Anderen

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0. Vorbemerkungen

Die regelmäßige Rezeption von höfischer Literatur erzieht im Mittelalter sittlich und moralisch; Babys werden bei regelmäßiger Beschallung mit Mozart-Musik intelligenter;1 Computerspiele dienen der Verbesserung der haptischen Geschicklichkeit unserer Herzchirurgen, die bei regelmäßiger Anwendung besser operieren können.2

Die Legitimation von Kunst über ihren praktischen Nutzen für den Rezipienten und seine Gesellschaft ist offensichtlich eine kulturelle Konstante, spätestens seit Platon in seiner Politeia die musikalische Verwendung von Tonarten nach ihrer staatstragenden bzw. staatszerstörenden Wirkung auf die Zuhörer gliederte.3

Gemeinsam ist diesen im Einzelnen sehr divergenten Beispielen damit auch der Mythos der Interaktivität: Die Rezipienten würden sich in Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk verändern und es in gewisser Weise erst mit ihrem anschließenden Handeln in der Gesellschaft vollenden. Dies gilt natürlich auch in negativer Hinsicht: Der topische Jüngling verweichlicht wegen Musik in lydischer Tonart, er wird Sünder wegen der Lügenmären, er verdummt wegen Heavy Metal, er läuft Amok wegen Killerspielen.

Ich möchte in diesem Beitrag diesen interaktiven Mythos am Beispiel der mittelhochdeutschen Epik mit Robert Pfallers Theorem der Interpassivität gegenlesen; sicherlich wird damit ein komplementärer Mythos geschaffen, denn zumindest für die mittelalterliche vulgärsprachliche Literatur fehlt jede empirische Basis, um eine behauptete Wirksamkeit von Literatur zu überprüfen. Doch vielleicht wird ein Oszillieren zwischen interaktivem und interpassivem Verständnis der mittelalterlichen Literatur gerechter als eine einseitige Betrachtungsweise.

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