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Interpassives Mittelalter?

Interpassivität in mediävistischer Diskussion

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Silvan Wagner

In diesem Band wird zum ersten Mal innerhalb der Mediävistik versucht, das vom Konzept des performative turn geprägte Bild vom interaktiven Mittelalter zu hinterfragen. Ausgangspunkt ist Robert Pfallers Entwurf eines interpassiven Aktionsmodus: Das Mittelalter wird hierbei eben nicht als interaktive Kultur gesehen, die politisch, religiös und literarisch von performativ-interaktiven Gruppenphänomenen gekennzeichnet ist. Vielmehr können Menschen, statt selbst zu agieren, Interaktion offenbar auch an andere delegieren, haben dabei aber dennoch in gewisser Weise Teil an dieser Interaktion. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Germanistik, Geschichtswissenschaft und Theologie untersuchen in den Beiträgen dieses Bandes, welche Konsequenzen sich daraus für das Bild vom interaktiven Mittelalter ergeben. Sie spiegeln die Ergebnisse einer interdisziplinären Fachtagung zum Thema «Interpassivität und Mediävistik» wider.
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Lesen lassen. Stellvertretende Lektüren in den Titurel-Dichtungen

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0. Vorbemerkungen

Das Bild des Intellektuellen, der sich mit Begeisterung in der Bibliothek Bücher verschafft, diese dann zur Kopiermaschine trägt und dort kopiert, die so erzeugten Kopien aber nie liest, gehört zu den Standardbeispielen, die der Philosoph Robert Pfaller zur Illustration des von ihm entwickelten Interpassivitätstheorems heranzieht.1 Der Erleichterung darüber, dass der Kopierapparat die Bücher stellvertretend für einen selbst zu lesen scheint, man die Lektüre also an die Maschine auslagern kann, liegen nach Pfaller ähnliche interpassive Mechanismen zugrunde wie dem Ansehen einer Comedy-Fernsehsendung, die das an der Stelle der Pointen eigens in die Tonspur eingespielte ‚Dosengelächter‘ enthält: Die Rezeptionsleistung und der damit verbundene Genuss werden an eine andere Instanz oder gar an das rezipierte Artefakt selbst delegiert.2

Vergleicht man die beiden Beispiele genauer, dann könnte man sich allerdings fragen, ob es sich bei der stellvertretenden Lektüre der Kopiermaschine tatsächlich um einen ausgelagerten Genuss handeln soll wie beim ‚Dosengelächter‘ oder vielmehr um das Delegieren von Arbeit, also einer tendenziell unerfreulichen Tätigkeit. Wenngleich natürlich jeder anständige Intellektuelle versichern würde, dass der Konsum von Büchern immer ein Vergnügen sei, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, dass das Lesen im Grunde eine mühevolle Angelegenheit ist, die zur Prokrastination einlädt; und wenn diese Prokrastination wie im Falle der Kopiermaschine mit dem guten Gewissen einhergeht, ‚etwas getan zu haben‘, umso besser.

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