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Verdinglichung und Subjektivierung

Versuch einer Reaktualisierung der kritischen Theorie

János Weiss

Georg Lukács hat Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts die damalige Krise und das Krisengefühl nach dem ersten Weltkrieg mit dem Begriff der Verdinglichung zu erfassen versucht. Davon ist die Tradition der kritischen Gesellschaftstheorie ausgegangen. Dieses Werk hat zwei Ziele: einerseits soll gezeigt werden, dass dieser Begriff heute durch die Subjektivierung ergänzt werden muss, andererseits soll die These untermauert werden, dass diese Ergänzung in Ansätzen schon einige Vertreter der Frankfurter Schule vorgenommen haben.
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Einleitung

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Ein erster Ansatz zu einer kritischen Ding-Theorie ist m. E. bei Meister Eckhart zu finden. Er schreibt in einem zentralen Aufsatz: „Der Geist soll also frei sein, dass er an allen nennbaren Dingen nicht hange und dass sie nicht an ihm hangen.“5 Dieser normative Satz setzt eine ursprüngliche Situation voraus, in der die Dinge und der Geist noch miteinander verflochten sind; d. h. Geist und Dinge durchdringen einander. Erstaunlich genug, dass Meister Eckhart die Paradies-Analogie vermeidet und die ursprüngliche Situation als „inauthentisch“ ansieht. Es ist eine Situation, die überwunden werden muss oder musste. Der Geist muss sich befreien, wovon aber? Von den Dingen, oder besser gesagt: von seiner eigenen Verdinglichung. Die so entstehende Freiheit des Geistes erfasst Meister Eckhart mit dem Begriff der „Abgeschiedenheit“. „Vollkommene Abgeschiedenheit achtet auf nichts und stellt sich weder unter noch über eine Kreatur. Sie will weder unten noch oben sein; sie will weder Gleichheit noch Ungleichheit; sie will nichts anderes als abgeschieden sein. Durch sie wird kein Ding beschwert.“6 Eckharts Formulierung ist aber nicht ganz eindeutig, weil er nicht nur von Dingen, sondern auch von Kreaturen spricht. Unter „Kreaturen“ versteht man vor allem die Lebewesen, aber auch die menschliche Seele. („Die Seele ist eine Kreatur, die alle […] Dinge empfangen kann […].“)7 Genauer betrachtet bedeutet die Befreiung von den Dingen bei Meister Eckhart eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber allerlei Hierarchien der menschlichen Gesellschaft. Die Abgeschiedenheit kann also nicht einfach mit der Befreiung von Dingen identifiziert werden, sie ist vielmehr...

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