Show Less
Open access

Randzonen des Willens

Anthropologische und ethische Probleme von Entscheidungen in Grenzsituationen

Series:

Edited By Thorsten Moos, Christoph Rehmann-Sutter and Christina Schües

Der Band untersucht anthropologische, psychologische, rechtliche und ethische Probleme des Willenskonzepts. Die Medizin führt Menschen in Grenzsituationen, in denen «ihr Wille» in vielerlei Hinsichten problematisch wird: Kinder sollen in die Durchführung medizinischer Maßnahmen einwilligen; Menschen mit Demenz können sich zu Therapien manchmal nicht mehr klar äußern; potentielle Teilnehmende einer klinischen Studie sind durch deren Komplexität überfordert, sollen aber zustimmen. Der Band fokussiert bewusst Randzonen, in denen nicht klar ist, was ein Wille ist und ob eine Willensäußerung vorliegt. An diesen Randbereichen wird besser als in thematischen Kernzonen sichtbar, was Idee und Praxis des Willens leisten und was sie verdecken. Daraus ergeben sich neue Fragen zur Problematik des Entscheidens und der Einwilligung in Grenzsituationen.
Show Summary Details
Open access

C) Informierte Einwilligung bei klinischen Studien

| 323 →

II. Entscheidungskonstellationen

C) Informierte Einwilligung bei klinischen Studien

Damit es ethisch zu rechtfertigen ist, mit Menschen Experimente durchzuführen oder Untersuchungen mit ihnen anzustellen, gibt es eine Reihe von mittlerweile international anerkannten Kriterien. Die Forschung muss einen gesellschaftlichen Wert aufweisen; soweit sich Belastungen und Risiken nicht vermeiden lassen, müssen sie in einem ausgewogenen Verhältnis zum Nutzen für die betroffene Person selbst stehen; eine unabhängige Ethikkommission muss die Studie geprüft und zugelassen haben usw. In dieser Liste von Kriterien ist eines besonders wichtig, nämlich das Kriterium der Freiwilligkeit. Menschen müssen sich freiwillig zu einer Teilnahme an der Studie entscheiden können. D.h. sie müssen die Teilnahme, ohne dass für sie daraus Nachteile entstehen, auch ablehnen können. Man darf nicht mit Zwang oder Nötigung oder Druck zu einer Versuchsperson gemacht werden.1 Was kann aber die Freiwilligkeit in den hochkomplexen Kontexten moderner klinischer Forschung bedeuten, die zudem als Studienteilnehmende Patienten benötigen, deren Handlungsfähigkeit in verschiedenen Hinsichten eingeschränkt sein kann?

Der informed consent soll hier als ein Instrument der Willensfeststellung in Grenzbereichen kritisch thematisiert werden. Seine Überzeugungskraft zur Legitimierung durch Verfahren beruht auf Prämissen, die nicht alle als selbstverständlich gelten können. Es werden im Folgenden zwei Fälle behandelt, bei denen es nicht klar ist, wie dieses Instrument in der Praxis zur Geltung kommen kann. ← 323 | 324 → Entsprechend ist es fraglich, ob die informierte Zustimmung als formelle Prozedur den „Willen“ von möglichen Studienteilnehmenden angemessen zuerst bilden und dann auch zum Ausdruck bringen kann. Die Fälle werden zunächst aus der Perspektive einer Forschungsethikkommission vorgestellt und sodann aus drei unterschiedlichen ethischen Perspektiven diskutiert.


1 Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (Hrsg.): Forschung mit Menschen. Ein Leitfaden für die Praxis. Bern 2015; Lenk, Christian / Duttge, Gunnar / Fangerau, Heiner (Hrsg.): Handbuch Ethik und Recht der Forschung am Menschen. Heidelberg: Springer 2014.