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Die Praxis der/des Echo

Zum Theater des Widerhalls

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Edited By Veronika Darian, Micha Braun, Jeanne Bindernagel and Miroslaw Kocur

Der Band versammelt Lektüren gegenwärtiger und historischer Konstellationen in Theater, Text und Kunst, die Echo als Figur und Phänomen nachspüren. Im antiken Mythos ist die Nymphe Echo zur ohnmächtigen Wiederholung fremder Rede verdammt. Sie wird zum Sinnbild eines defizitären, vom Anderen abhängigen Wesens. Doch birgt der Widerhall mehr in sich, verweist er doch auf das widerständige Moment einer Zergliederung jedes «eigentlichen» Ausdrucks. Echos körperlose Stimme gemahnt an die Medialität der Kommunikation, das Entgleiten des Sinns, die Grenzen der Mitteilbarkeit und die Ambivalenzen einer Aneignung der Vergangenheit. Damit aber wohnt ihr ein entschieden theatrales Element inne. Echo wird als eigene Praxis wirksam.
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Echo, die Zuschauer

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Korf erfindet eine Art von Witzen, die erst viele Stunden später wirken. Jeder hört sie an mit Langerweile.

Doch als hätt ein Zunder still geglommen, wird man nachts im Bette plötzlich munter, selig lächelnd wie ein satter Säugling.2

Wir können eine Theatererfahrung machen, weil es möglich ist, uns als homo spectator zu verhalten und uns dem »passiven« Zuschauersein als einem »Spiel« zu überlassen. Vielleicht ist – Marie-José Mondzain zufolge – der Zuschauer (mit dem wir im Folgenden auch immer die Zuschauerin meinen) geboren worden, als die ersten Steinzeitmenschen die Hand von einem Abdruck, den sie auf der Felswand hinterließen, zurückzogen.3 In dem Moment, da die Hand zurückweicht, als der Mensch sich von der eigenen Ritzung oder Färbung im Stein als von einem starken Eindruck distanzierte, sprang Tun in Zuschauen um und lernte man in dieser gleichen Geste, sich als Betrachter mit einem »Bild« zu konfrontieren.

Was dachte der Zuschauer und sagte es nicht? Als Zuschauer des Theaters sind wir in der Lage der Nymphe Echo, die sich in den Anblick des Schönen verliebt und verliert, aber nicht von sich aus sprechen kann. Nur Bruchstückchen, die letzten Stücke des Geschehenden spricht oder denkt sie nach. Wir sind affektives oder ungewiss reflektierendes Echo knapp vor der Sprachlosigkeit – wenn es denn gut gegangen ist und wir nicht den segensreichen mythischen »Fluch« der Sprachlosigkeit gleich wieder auflösen in jene Geschwätzigkeit, f...

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