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Die Praxis der/des Echo

Zum Theater des Widerhalls

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Edited By Veronika Darian, Micha Braun, Jeanne Bindernagel and Miroslaw Kocur

Der Band versammelt Lektüren gegenwärtiger und historischer Konstellationen in Theater, Text und Kunst, die Echo als Figur und Phänomen nachspüren. Im antiken Mythos ist die Nymphe Echo zur ohnmächtigen Wiederholung fremder Rede verdammt. Sie wird zum Sinnbild eines defizitären, vom Anderen abhängigen Wesens. Doch birgt der Widerhall mehr in sich, verweist er doch auf das widerständige Moment einer Zergliederung jedes «eigentlichen» Ausdrucks. Echos körperlose Stimme gemahnt an die Medialität der Kommunikation, das Entgleiten des Sinns, die Grenzen der Mitteilbarkeit und die Ambivalenzen einer Aneignung der Vergangenheit. Damit aber wohnt ihr ein entschieden theatrales Element inne. Echo wird als eigene Praxis wirksam.
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Theaterversuche »Mit Tokatonton«. Zur Vielfalt der Echo-Kräfte in Chitens Tokatonton to

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1.  Konstellationen zwischen Geschichte, Theater und Echo

1946, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verfasste der japanische Schriftsteller Osamu Dazai die kurze Erzählung Tokatonton (deutscher Titel: Kling klang kling klang).1 Sie besteht aus dem Monolog eines jungen Mannes, den in der Nachkriegszeit der ständig im Kopf tönende Echoklang »tokatonton« zur Verzweiflung treibt. Der sechsundzwanzigjährige Mann, kurz nach der japanischen Kapitulation aus dem Militärdienst entlassen und in seine Heimat Kanakimachi/Aomori zurückgekehrt, wollte eigentlich einen Neuanfang in seinem Leben wagen: Neuer Job, Liebe zu einer Frau, einen Roman schreiben, leidenschaftliche Beobachtungen der Arbeiterbewegung in der demokratisierten, aber auch opportunistischen Nachkriegsstimmung Japans. Doch jedes Mal, wenn er für den Neuanfang aktiv wird, hört er im Kopf den Klang »tokatonton«, fühlt sich ohnmächtig und hat keine Lust mehr zu weiteren Aktivitäten. Dieses Echo hat für ihn zwei Wirkungen: Einerseits merkt er wegen des Wiederholungseffekts, dass es sich bei den neuen Versuchen um die andere Variante derselben Menschen handelt, die während des Kriegs vom Nationalismus fanatisiert waren – nun aber, nach dem Krieg, bekennen sie sich leidenschaftlich zur freien demokratischen Gesellschaft. Andererseits beraubt es ihn seiner Handlungskraft, der Klang im Kopf (ver)stört seine Aktivitäten gründlich.

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