Show Less
Restricted access

Apologien Russlands

Ein russisch-deutsches Presse-Projekt (1820–1840) und dessen Gestalter Fedor I. Tjutčev und Friedrich L. Lindner

Series:

Svetlana Kirschbaum

Ende der 1820er Jahre erschienen in einem der bedeutendsten Presseorgane Europas, der Augsburger Allgemeinen Zeitung, zahlreiche russlandkritische Artikel. Als Gegenreaktion engagierte die russische Gesandtschaft in München den renommierten Publizisten Friedrich L. Lindner, um das außenpolitische Ansehen Russlands wiederherzustellen. Die Autorin rekonstruiert den Verlauf dieser prorussischen Presse-Aktivitäten im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Unter Heranziehung von bislang unveröffentlichtem Archivmaterial wird untersucht, welche Rolle hierbei der bedeutende russische Dichter und Publizist Fedor Tjutˇcev, ein Mitarbeiter der Gesandtschaft, spielte. Im Mittelpunkt der Studie stehen die russlandapologetischen Konzepte Lindners und Tjutčevs, die aufgrund dieser Zusammenarbeit entstanden sind.
Show Summary Details
Restricted access

5. Tjutčev – ein russischer Patriot?

Extract

Jurij Tynjanov fasst die Beziehung Tjutčevs zu Russland auf folgende Weise zusammen: „У Тютчева ни слова тоски о России, напротив, даже в поздние годы он с тоской подумывает о возвращении к нелюбезным берегам дорогой родины“ (Тынянов 1977a, 351).1 Tjutčevs Verwurzelung in der westeuropäischen kulturellen Tradition spiegele sich auch in seiner Wahrnehmung Russlands wider: „Там, где Тютчев хвалит Петербург […] или петербургское общество, – он хвалит их приближение к европейскому, милое для него сходство“ (ebd.).2 Die Übertragung des Europäischen auf das Russische – dieses Prisma, durch das Tjutčev auf sein Heimatland sah, – führte offensichtlich zu einem konstruierten Bild Russlands, das er in mehr oder weniger offiziellem Rahmen als seine apologetische Botschaft an die Öffentlichkeit sandte. Tynjanov wurde allerdings durch Tjutčevs vordergründige Russland-Apologie nicht getäuscht: „Сквозь политическую и философскую любовь к России явно в Тютчеве личное равнодушие, человеческая нелюбовь“ (ebd.).3

Tjutčevs „philosophische Liebe“ zu Russland steht im Gegensatz zu seiner kritischen Einstellung gegenüber der russischen Innenpolitik, die in seinen nicht für das breite Publikum bestimmten Texten und Äußerungen präsent ist. Die „unverhüllte persönliche Gleichgültigkeit“ bzw. „die menschliche Abneigung“ Tjutčevs gegenüber Russland, sowie seine „politische Liebe“ sind daher im Kontext seiner kritischen Wahrnehmung der russischen Innenpolitik zu betrachten. Die russischen Politiker beschuldigt Tjutčev der Maskierung. Vgl. in dieser Hinsicht sein Epigramm an Nikolaj I. Н<иколаю> П<авловичу> (1855): „Ты был не царь, а лицедей“4 (Тютчев 1987, 193). Vgl. auch den Vermerk Vjazemskijs vom 26. Februar 1846 in seinem Notizbuch: „Тютчев говорит, что Нессельроде напоминает ему египетских богов, которые скрывались в овощи: „On sent bien qu’il y a un dieu, caché là-dessous, mais on ne voit qu’un ← 197 | 198 → légume“ (Вяземский 1963, 298).5 Walter Koschmal widersprach allerdings der These Tynjanovs über Tjutčevs persönliche „Gleichgültigkeit“ gegenüber Russland und sah in Tjutčevs Kritik der innerrussischen Politik nicht nur keine „Gleichg...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.