Show Less
Restricted access

Aleksandr Nikolaevič Radiščev (1749-1802)

Leben und Werk

Peter Hoffmann

Aleksandr Nikolaevič Radiščev, geboren 1749, erhielt seine juristische Ausbildung an der Leipziger Universität. Er gehört zu den bedeutenden Schriftstellern Rußlands in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seine von der europäischen Aufklärung beeinflußten radikalen Anschauungen werden nicht in Frage gestellt, trotzdem wird sein Werk, besonders «Die Reise von Petersburg nach Moskau», unterschiedlich interpretiert – entweder wird er als konsequenter Revolutionär oder als Vorläufer des russischen Liberalismus charakterisiert. Dieses Buch will diese Einseitigkeit überwinden und sein Werk in den Kontext der Aufklärung des 18. Jahrhunderts einordnen. Das bedeutet, die verschiedenen Komponenten im Werk Radiščev als gleichwertig anzusehen.
Show Summary Details
Restricted access

10. Rezeption und Polemik

Extract

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ergaben sich für die Rezeption des Wirkens Radiščevs neue Bedingungen. Die aktuellen politischen Entwicklungen nach dem Tod Nikolaus I., die Vorbereitung und Durchführung der Bauernbefreiung sowie der folgenden bürgerlicher Reformen, gaben seinem Werk eine neue Aktualität – nicht zufällig hatte Lev Tolstoj 1905 in einer Notiz angemerkt: „Die Bauern wurden nicht von Alexander II. befreit, sondern von Radiščev, Novikov, den Dekabristen.“1 Zugleich weckte die Liberalisierung der Zensurbestimmungen Hoffnungen auf Veröffentlichungsmöglichkeiten auch für Schriften Radiščevs, die jedoch weitgehend unerfüllt geblieben sind.

Es war dem Charakter der Zeit geschuldet, daß damals das Werk Radiščevs nicht in seiner umfassenden Radikalität dargestellt werden konnte. Es war ja dessen besondere Stärke, auf Alternativen hinzuweisen. Daß sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Interpretation seiner Schriften in den wenigen von der Zensur in Rußland zugelassenen Veröffentlichungen vor allem auf die Reformen propagierenden, einer liberalen Interpretation zugänglichen Alternativen in seinem Schaffen richteten, ist verständlich; das darf nicht als eine „Verfälschung“ dieses Erbes angesehen werden – es war eine Einseitigkeit, genauso einseitig wie die andere, in der Sowjetzeit dominierende Sicht, die die revolutionären Alternativen im Werk Radiščevs heraus isolierten.

Festzuhalten bleibt, daß erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Herausbildung der beiden auf Radiščev aufbauenden Traditionslinien – der liberalen einerseits, der radikal-revolutionären andererseits – einsetzte.

Für eine Ver...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.