Show Less
Restricted access

Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

Series:

Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
Show Summary Details
Restricted access

1. Dorfromane der Spätaufklärung

Extract

In einer langen Reihe von Texten der Volksaufklärung, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch die ländlichen Mittel- und Unterschichten zu Adressaten wählen, ist Heinrich Pestalozzis 1781 erschienener Roman Lienhardt und Gertrud2 der erste, in dem das Mittel der erzählenden Fiktion als wichtiges Instrument zur Realisierung einer aufklärerischen Wirkungsabsicht eingesetzt wird. Zuvor gab es Ratgeber für den Landmann, Schriften zu ökonomischen Sachfragen einer modernen Landwirtschaft - über Kleeanbau, Mergeldüngung, Stallfütterung, neue Fruchtfolgen -, belehrende Darstellungen wie etwa Johann Friedrich Mayers Abriss der Pragmatischen Geschichte des Amtes Kupferzell3. Daneben erschienen, eigentlich nicht für ein bäuerliches Lesepublikum, Beschreibungen vorbildlicher Landwirte wie Christian Gotthold Hoffmanns Bericht über den „gelehrten Bauern“ Johann Ludewig4 und Hans Caspar Hirzels Beschreibungen der Wirtschaft Jakob Guyers aus Wermatswil, der als „philosophischer Bauer“ eine europäische Berühmtheit wurde.5

Die Titel der beiden schwer erreichbaren Texte können leicht eine unzutreffende Vorstellung von den Konzepten vermitteln, die den Beschreibungen des „gelehrten“ und des „philosophischen“ Bauern zugrunde liegen. Der „gelehrte Bauer“ Hoffmanns war gebildet im Sinne der akademischen Schulgelehrsamkeit; er hatte sich u. a. mit der Wolffschen Philosophie, mit Mathematik, Astronomie und Literatur, d. h. mit Gegenständen außerhalb seines bäuerlichen Bildungskreises befasst. Zwar begann seine ← 11 | 12 → autodidaktische Ausbildung damit, dass er als Akziseneinnehmer in seinem Dorf Rechenkenntnisse brauchte; aber von diesem konkreten Anlass hatte sich seine Bildung ganz entfernt, und es macht in den Augen seines städtischen Entdeckers die eigentliche Bedeutung dieses...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.