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Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

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Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
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3. Hermannsschlachten als Kulturkampf. Literarische Legitimationsdiskurse zu einem nationalen Mythos

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Als martialische Ikone der deutschen Einigungsbewegung im 19. Jahrhundert steht das Hermannsdenkmal auf der Grotenburg bei Detmold im Teutoburger Wald, und es hat, so scheint es, mit seiner kriegerischen Emblematik den Arminius-Stoff (und über ihn die deutsche Geschichte) auf Blut und Eisen, auf Krieg und Sieg und auf den Kampf gegen den „Erbfeind“ im Westen festgelegt. Aus den römischen Berichten über die Germanen, über Arminius und über die Varusschlacht sollte die Gründungsurkunde eines deutschen Nationalmythos entstehen, deren Wirkungsmacht mit der Entdeckung der Handschrift von Tacitus’ Germania im Jahre 1519 begann und die sich bis an die Schwelle der Gegenwart erstreckt.1

So sollte es sein. Aber war es auch so? Gelegentlich wundert sich ein Kenner der Stoffgeschichte, dass gerade Tacitus’ Bericht über die Germanen die Folie eines deutschen Nationalmythos abgeben soll; denn „mit seiner Beschreibung der herrschsüchtigen germanischen Völkerschaften stärkt Tacitus in der ‚Germania‘ eher den Eindruck eines frühen, […] um jeden Preis bewahrten Partikularismus“2. Und außerdem ist das, was von römischen Geschichtsschreibern als Geschichte des historischen Arminius überliefert ist, nicht nur die Geschichte eines (übrigens eher ephemeren) Sieges, sondern auch (und vor allem) die Geschichte eines „innenpolitischen“ Scheiterns.3 Die Geschichte des ← 57 | 58 → historischen Arminius endet nicht (wie in den Bearbeitungen des Stoffes von Schlegel, Kleist und Grabbe) mit dem „Endsieg“ der Varusschlacht, sondern sie endet (wie bei Möser und Klopstock) mit Hermanns Tod. Nach der gewonnenen Schlacht geht der Kampf weiter, er ist keineswegs nur siegreich, und er...

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