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Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

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Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
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6. Literarische Voraussetzungen, Kontexte und Nachwirkungen von David Friedrich Strauß‘ Leben Jesu im Vormärz

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Strauß hat an die Bedeutung seines Buchs Das Leben Jesu geglaubt. Rückblickend erklärte er, dass es nach 25 Jahren nur deshalb „wenig mehr gelesen [werde], weil es längst in alle Adern der Wissenschaft eingedrungen“ sei.1 Dem entspricht, dass seine Bedeutung für die Geschichte der Philosophie, der Theologie und der Literatur oft hoch eingeschätzt wird. „In den […] Anleihen bei David Friedrich Strauß‘ Leben Jesu“2 vermuten manche Autoren die Quelle der religionskritischen Spitzen in den Schriften der jungdeutschen Schriftsteller, von Strauß‘ Leben Jesu wird häufig der Beginn der Hegelschen Linken datiert, und schon in der zeitgenössischen Diskussion wird die textkritische Theologie auf sein Wirken zurückgeführt.

Nun kann Strauß‘ Einfluss auf die Schriftsteller des Jungen Deutschland schon aus Gründen der Chronologie nicht erheblich sein3, in Bezug auf die Hegelsche Linke spricht Martin Hundt von Heinrich Heines Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (die 1833/34 entstand) als „der frühesten (und besten) theoretischen Grundlegung des Junghegelianismus“4, und gegen die Behauptung, Strauß habe ihn als Theologen beeinflusst, setzt sich Christian ← 125 | 126 → Ferdinand Baur in einer Abgenöthigten Erklärung5 zur Wehr. Das Leben Jesu wäre demnach theologisch nicht originell, ohne Einfluss auf die Literatur und philosophiegeschichtlich ephemer. Und doch ist es ein Werk von eminenter Bedeutung, und „man muss wohl bis in die Reformationszeit zurückgehen, um eine Parallele für dieses heute fast unvorstellbare öffentliche Interesse an einer theologischen Monographie zu finden“6. Es liegt allerdings nicht...

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