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Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

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Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
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18. Satirische Struktur und Realitätszitate in Heinrich Manns Roman Der Untertan

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Ob Heinrich Manns Roman Der Untertan als Satire zu bezeichnen ist, darüber haben Schriftsteller, Kritiker und Literaturhistoriker seit dem Erscheinen der Buchausgabe im Jahre 1918 gestritten. In den Betrachtungen eines Unpolitischen stellte Thomas Mann mit Blick auf den Roman seines Bruders die Reihe Satire - Groteskkunst - Expressionismus auf.1 und sprach vom Untertan als einem Roman, „der Unternehmer schilderte, die es nicht gibt, Arbeiter, die es nicht gibt, soziale ‚Zustände‘, die es allenfalls ums Jahr 1850 in England gegeben haben mag […]“2. Da das, was im Roman gezeigt werde, so eklatant nicht der Wirklichkeit entspreche, sei diese „Sozialsatire […] ein Unfug“3, und wenn man ihm einen „vornehmeren Namen“ geben wollte, „so lautete er: Ruchloser Ästhetizismus“4.

Das Grundmuster dieser Kritik aus den Betrachtungen findet sich, zum Teil sehr simplifiziert, in der zeitgenössischen Literaturkritik und in der älteren germanistischen Literatur. Hier spielt die Frage nach der empirischen Authentizität, nach der Entsprechung von literarischem Bild und politisch-sozialer Wirklichkeit meist die entscheidende Rolle, wobei in der älteren Diskussion die zustimmende wie die ablehnende Kritik mit den selben Motiven arbeitet und sie nur mit anderen Vorzeichen versieht. So haben Verächter wie Verehrer Heinrich Manns die Diskussion des Untertan auf die Frage des Realitätsbezugs fixiert, wobei die Qualifizierung des Romans als Satire in beiden Fällen nur eine negative Bedeutung haben konnte. Exemplarisch sei auf Kurt Tucholsky verwiesen, der im Untertan das „Herbarium des deutschen Mannes“5 sah, und der 1927 in anderem Zusammenhang auf sein damaliges...

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