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Wege zur späten Lyrik von Elisabeth Langgässer

Übersinnliches erfahren im sinnlich Wahrnehmbaren

Niels Kranemann

Elisabeth Langgässer (1899–1950) war in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine der literarischen Hoffnungsträgerinnen in Deutschland. Doch nachdem sie 1936 als Halbjüdin im NS-Staat Schreibverbot erhalten hatte, musste sie unter ständigen Schikanen und Bedrohungen leiden. In ihren letzten fünf Lebensjahren entstand eine Reihe von Gedichten, die sie unter dem Titel Metamorphosen herausgeben wollte. Ihr früher Tod vereitelte jedoch diese Absicht. Acht der Metamorphose -Gedichte werden in diesem Band interpretiert. Die Textanalysen zeigen, dass Langgässer «das Sinnliche für das Übersinnliche, die Natur für das Jenseits-aller-Natur transparent» zu machen verstand, wie ihr Ehemann W. Hoffmann einmal schrieb. Sie zeigen aber auch, welch breiten Varianten-Spielraum es in diesen aus Naturbeobachtung, antiker Mythologie und christlichem Glauben geschaffenen Textmontagen gibt. Die Gedichte zählen zu den virtuosesten, bilder- und gedankenreichsten Sprachkunstwerken des 20. Jahrhunderts.
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„Da haben Sie meine Situation“

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In einem Brief an ihren Verleger Henry Goverts vom 20. Juni 1947 schreibt Elisabeth Langgässer: „Ein eben entstandenes Gedicht Arachne lege ich diesem Brief bei. Vielleicht können Sie es in der Neuen Rundschau unterbringen!“1 Mit Schreiben vom 5. Juli 1947 fragt sie noch einmal nach: „Apropos: Gorgonenhaupt – hat Sie das Gedicht erreicht? Ich meine Arachne. Und haben Sie es irgendwo angeboten?“ 2 Zusammen mit den Gedichten In den Mittag gesprochen und Samenzug ist Arachne dann in der Zeitschrift Die Neue Rundschau 1947 (S. 431) erschienen. Die vorstehende Fassung des Gedichts bringt diesen Text.

Der Brief vom 5. Juli enthält – im Zusammenhang mit der Anfrage nach der Drucklegung des Gedichts – eine kurze Charakteristik des künstlerischen Stils der Autorin. Ihre Art zu schreiben sei „ein Impressionismus und Pointillismus der Oberfläche, die in fortwährender Bewegung ist und, wenn sie aufreißt, immer wieder das Gorgonenhaupt sichtbar macht und den lautlos schreienden Mund der Medusa.“ Sie fährt fort: „bei dieser Art des Schreibens wird mir oft selber angst.“ Ein halbes Jahr später, am 4. Februar 1948, schreibt sie an Erich Fried: „Ich schicke Ihnen das Gedicht Arachne mit diesem Brief. Da haben sie meine Situation.“3

Eine Interpretation der Arachne, in der die Aussageabsicht der Autorin erhellt werden soll, darf den autobiographischen Hintergrund, wie er in den genannten Briefstellen skizziert ist, nicht außer Acht lassen.

Der Titel stellt das Gedicht in die Nachfolge des gleichnamigen antiken...

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