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Wege zur späten Lyrik von Elisabeth Langgässer

Übersinnliches erfahren im sinnlich Wahrnehmbaren

Niels Kranemann

Elisabeth Langgässer (1899–1950) war in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine der literarischen Hoffnungsträgerinnen in Deutschland. Doch nachdem sie 1936 als Halbjüdin im NS-Staat Schreibverbot erhalten hatte, musste sie unter ständigen Schikanen und Bedrohungen leiden. In ihren letzten fünf Lebensjahren entstand eine Reihe von Gedichten, die sie unter dem Titel Metamorphosen herausgeben wollte. Ihr früher Tod vereitelte jedoch diese Absicht. Acht der Metamorphose -Gedichte werden in diesem Band interpretiert. Die Textanalysen zeigen, dass Langgässer «das Sinnliche für das Übersinnliche, die Natur für das Jenseits-aller-Natur transparent» zu machen verstand, wie ihr Ehemann W. Hoffmann einmal schrieb. Sie zeigen aber auch, welch breiten Varianten-Spielraum es in diesen aus Naturbeobachtung, antiker Mythologie und christlichem Glauben geschaffenen Textmontagen gibt. Die Gedichte zählen zu den virtuosesten, bilder- und gedankenreichsten Sprachkunstwerken des 20. Jahrhunderts.
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Mit dem Mythos im Dialog

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Wer jemals vor der im Jahre 1970 restaurierten Fassade der Celsus-Bibliothek in Ephesus gestanden und sich bewusst gemacht hat, dass dieses hellenistische Prachtgebäude hundert Jahre nach dem Aufenthalt des Apostels Paulus in Ephesus erbaut wurde, und wer dann die ganz in der Nähe befindlichen, aus dem ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert stammenden römischen Hanghäuser besucht hat, in denen es eine Fülle von Mosaiken und Fresken mit mythologischen Darstellungen gibt – dem wird erstmals oder erneut klar geworden sein, dass der christliche Glaube seine Ausprägung während der ersten Jahrhunderte seiner Geschichte in einer von griechischen und römischen Denk- und Glaubensvorstellungen erfüllten Welt erfahren hat. Noch als Julian Apostata im Jahre 361 das etwa 300 km nördlich von Ephesus gelegene Troja besuchte, fand er dort nicht nur einen christlichen Bischofssitz, sondern auch einen immer noch geöffneten Athenatempel vor.

Von neuzeitlichen christlichen Theologen werden die Spuren, die die unvermeidlichen Kontakte und Kontaminationen mit dem hellenistischen Denken im Glauben der Christen hinterlassen haben, unterschiedlich gewertet. Man kann „mit Karl Barth verkünden, das Christentum sei keine Religion, mit Kierkegaard, es sei keine Philosophie, und mit Bultmann, es sei kein Mythos“ – schreibt Hans Urs von Balthasar im dritten Band von Herrlichkeit, um dann fortzufahren: Die Bibel „von Religion, Philosophie und Mythos ‚reinigen‘ zu wollen, hieße biblischer sein wollen als die Bibel“1. Urs von Balthasar scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang von „Synkretismus“ in der Bibel zu sprechen: „Er beginnt...

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