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Literaturkritik ohne Sprachkritik?

Theodor Fontane, Alfred Kerr, Karlheinz Deschner, Marcel Reich-Ranicki und Kollegen

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Nicole Kaminski

Das Buch hat überhaupt keine Sprache! Mit diesem Urteil einer prominenten Kritikerin lassen sich viele Rezensionen überschreiben: Literatur- und Theaterkritiker enthalten sich oft einer Bewertung der Sprache – das gilt für berühmte Kritiker aus dem 19. Jahrhundert, wie Theodor Fontane oder Alfred Kerr, ebenso wie für Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen. Nach welchen Kriterien bewertet Fontane die Sprache? Warum kritisiert Reich-Ranicki die Sprache so selten? Wodurch werden Sprachbewertungen verdrängt? Die Autorin analysiert über 1550 Rezensionen aus Tages- und Wochenzeitungen, Literaturzeitschriften und Essaysammlungen. Durch die Kategorisierung und Auswertung der zahlreichen Sprachurteile gelingt es ihr, generelle Tendenzen der Literaturkritik und ihres Verhältnisses zur Sprachfrage aufzuzeigen.
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1 Einleitung

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← 14 | 15 → „Die Sprödheit eines Satzesläßt die echte Literatur so gleichgültigwie seine melodische Weichheit.“

Jorge Luis Borges1

„Das Buch hat überhaupt keine Sprache“, lautete Sigrid Löfflers finales Sprachurteil im „Literarischen Quartett“, bevor sie die Büchersendung endgültig verließ.2 Beim Lesen von Literaturkritiken entsteht nicht selten der Eindruck, das rezensierte Buch habe tatsächlich „keine Sprache“. Häufig wird die sprachliche Qualität einfach übergangen.

Den Stil eines literarischen Textes zu bewerten, hält nicht nur manch ein Kritiker für bloßes „Kratzen an der Oberfläche“. Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges schreibt in einem Essay von 1930, die „abergläubische Vergötzung des Stils“ habe eine einseitige Art zu lesen hervorgebracht, bei der nur noch die augenfälligen sprachlichen Fertigkeiten des Autors, wie Vergleiche, Interpunktion oder Syntax, Beachtung fänden. Der „eigentlichen Überzeugung oder Emotion“, bemängelt er, stünden solche Leser gleichgültig gegenüber: „Sie suchen nach ‚Technikerien‘ […], die sie darüber belehren sollen, ob das Geschriebene ein Recht hat oder nicht, ihnen zu gefallen.“3

Was für Borges „Stileitelkeiten“ sind, ist für Schopenhauer untrennbar mit der Substanz des Textes verbunden. Denn: „Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken“, so Schopenhauer. „Ist doch der Stil der bloße Schattenriß des Gedankens: undeutlich oder schlecht schreiben heißt dumpf oder konfus denken.“4 Nach dieser Definition wäre die Qualität des Stils eine Größe, die der Literaturkritiker...

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