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Literaturkritik ohne Sprachkritik?

Theodor Fontane, Alfred Kerr, Karlheinz Deschner, Marcel Reich-Ranicki und Kollegen

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Nicole Kaminski

Das Buch hat überhaupt keine Sprache! Mit diesem Urteil einer prominenten Kritikerin lassen sich viele Rezensionen überschreiben: Literatur- und Theaterkritiker enthalten sich oft einer Bewertung der Sprache – das gilt für berühmte Kritiker aus dem 19. Jahrhundert, wie Theodor Fontane oder Alfred Kerr, ebenso wie für Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen. Nach welchen Kriterien bewertet Fontane die Sprache? Warum kritisiert Reich-Ranicki die Sprache so selten? Wodurch werden Sprachbewertungen verdrängt? Die Autorin analysiert über 1550 Rezensionen aus Tages- und Wochenzeitungen, Literaturzeitschriften und Essaysammlungen. Durch die Kategorisierung und Auswertung der zahlreichen Sprachurteile gelingt es ihr, generelle Tendenzen der Literaturkritik und ihres Verhältnisses zur Sprachfrage aufzuzeigen.
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3 „K…r“ – Der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr

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← 66 | 67 → „Nicht erfolglos wird mein Werk nur bei Euch sein[…];ihr fühlt, daß in der Entwicklung der Menschensprachehier ein Kilometerstein unverwechselbar leuchtet.“

Alfred Kerr258

„Unter dem Uebel der Premiere hat die Theaterkritik arg zu leiden“, bedauert Hans Knudsen mitfühlend das Theater, das sich vor der Bühne abspielt. „Denn dieses eingeladene Publikum will partout den großen Mann, den Kritiker-Löwen sehen.“259 Einen solchen „Kritiker-Löwen“ verkörperte, ähnlich wie Marcel Reich-Ranicki in der Literaturkritik, Alfred Kerr von 1895 bis zu seiner Flucht vor dem Naziregime im Februar 1933. Er wird mit ebenso schillernden Begriffen tituliert, wie der „Literaturpapst“ der BRD: in Anlehnung an die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Pan“ etwa als „satirischer Mittagsgott“260 oder, durchaus spöttisch, als „Messias der Literatur.“261 Aber nicht allen galt er als der „unbestrittene Meister des Berliner Feuilletons.“262 Kerr hatte auch viele Feinde. Einer der wortmächtigsten war der kritische Zeitgenosse Karl Kraus, der in Kerr nur ein „kleines, charakterloses Schreibtalent“ sah, eine „Feuilletonschlampe“.263

← 67 | 68 → Gleich, ob man ihn als „Berliner Kritikerheros“264 oder lediglich als erfolgreichen „Animierkritiker“265 einschätzt, eines ist unbestreitbar: dass Kerr – auch im Ausland – als „the most famous critic of the Weimar Republic“,266 als „Germanys most celebrated critic“ angesehen wurde.267 „Kerrs Rezensionen von Berliner Theaterpremieren waren ‚bestsellers’“, bilanziert Traute Schöllmann in einem Aufsatz über Alfred Kerrs Verhältnis zu Jean Paul. „Man las sie in ganz Deutschland und auch jenseits der Reichsgrenze...

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