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Literaturkritik ohne Sprachkritik?

Theodor Fontane, Alfred Kerr, Karlheinz Deschner, Marcel Reich-Ranicki und Kollegen

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Nicole Kaminski

Das Buch hat überhaupt keine Sprache! Mit diesem Urteil einer prominenten Kritikerin lassen sich viele Rezensionen überschreiben: Literatur- und Theaterkritiker enthalten sich oft einer Bewertung der Sprache – das gilt für berühmte Kritiker aus dem 19. Jahrhundert, wie Theodor Fontane oder Alfred Kerr, ebenso wie für Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen. Nach welchen Kriterien bewertet Fontane die Sprache? Warum kritisiert Reich-Ranicki die Sprache so selten? Wodurch werden Sprachbewertungen verdrängt? Die Autorin analysiert über 1550 Rezensionen aus Tages- und Wochenzeitungen, Literaturzeitschriften und Essaysammlungen. Durch die Kategorisierung und Auswertung der zahlreichen Sprachurteile gelingt es ihr, generelle Tendenzen der Literaturkritik und ihres Verhältnisses zur Sprachfrage aufzuzeigen.
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7 Reich-Ranickis Rezensionen von Werken Nabokovs und Wellershoffs

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← 166 | 167 → „Man kann nicht umhin, gewisse Eigenheitenvon Nabokovs Manier ärgerlich zu finden,seine beiläufige Verwendung von Begriffen,die wenig bekannte Wissenschaftlerfür wenig bekannte Krankheiten erfunden haben“

Nabokov641

Der oben zitierte Ausspruch stammt nicht von Reich-Ranicki, sondern von Nabokov selbst, der als sein eigener, ironischer Rezensent seine Autobiographie „Erinnerung, sprich“ – insbesondere deren Sprache – kritisiert. Aus Reich-Ranickis Rezensionen erfährt man einiges über Nabokov und seine Werke, aber nur wenig Konkretes über dessen sprachliche „Manier“, obwohl die Sprache zu den vier Qualitäten zählt, die er an Nabokov besonders schätzte.

Im Klappentext der Aufsatzsammlung „Vladimir Nabokov“ erklärt Reich-Ranicki, an dem Erfolgsroman „Lolita“ habe ihn der Stil beeindruckt: „Hier war jeder Satz durchsichtig, ohne simpel zu sein, und reichhaltig, ohne schwerfällig zu sein.“642 Die Erwartung, dass er in der Rezension noch ausführlicher auf die Sprache eingehen würde, wird aber weitgehend enttäuscht.

Im ersten Aufsatz von 1960 erfährt der Leser nur im Zusammenhang mit der Übersetzung von der Nabokovschen Sprachqualität. Es sei dem Übersetzer gelungen, „die Ironie der sorgfältig ziselierten Sprache ins Deutsche hinüberzuretten“, lobt Reich-Ranicki. Dieter E. Zimmer habe die „Biegsamkeit, die Eleganz, die Grazie dieses verführerischen Stils“ ← 167 | 168 → wiedergegeben.643 Ein anderes Mal wird die Sprache Nabokovs als Fremdsprache thematisiert. Reich-Ranicki stellt fest: „Denn in Wirklichkeit ist auch das Englische seine Muttersprache, die er so virtuos beherrscht wie kein anderer Schriftsteller unserer Tage.“644 Wodurch sich diese Virtuosit...

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