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Literaturkritik ohne Sprachkritik?

Theodor Fontane, Alfred Kerr, Karlheinz Deschner, Marcel Reich-Ranicki und Kollegen

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Nicole Kaminski

Das Buch hat überhaupt keine Sprache! Mit diesem Urteil einer prominenten Kritikerin lassen sich viele Rezensionen überschreiben: Literatur- und Theaterkritiker enthalten sich oft einer Bewertung der Sprache – das gilt für berühmte Kritiker aus dem 19. Jahrhundert, wie Theodor Fontane oder Alfred Kerr, ebenso wie für Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen. Nach welchen Kriterien bewertet Fontane die Sprache? Warum kritisiert Reich-Ranicki die Sprache so selten? Wodurch werden Sprachbewertungen verdrängt? Die Autorin analysiert über 1550 Rezensionen aus Tages- und Wochenzeitungen, Literaturzeitschriften und Essaysammlungen. Durch die Kategorisierung und Auswertung der zahlreichen Sprachurteile gelingt es ihr, generelle Tendenzen der Literaturkritik und ihres Verhältnisses zur Sprachfrage aufzuzeigen.
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11 Schlussbetrachtung

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← 216 | 217 → „War das nicht immerdas Glück aller Kenner:Überprüfbare Kennerschaft?Tönt heute nicht,nach dem Wegfall der Regeln,jedwedes Urteil nur gönnerhaft?– Wer kann, der kann.“

Robert Gernhardt760

Friedrich Schlegel notierte in seinen „Kritischen Schriften“, die Sprache gehöre zu den „Anfangsgründe[n] der Kunst“.761 Viele Kritiker behandeln die Sprache als eine selbstverständliche Voraussetzung, die keiner expliziten Bewertung bedarf. Oft wird sie erst dann, wenn der Stil auffallend ungelenk ist oder das Individuelle im Spiel mit den sprachlichen Normen hervortritt – ein literarischer Stil etwa zwischen den herrschenden Normen und der gezielten Abweichung oszilliert – eines eingehenderen Blickes gewürdigt.762

Zwar werden originelle Sprachschöpfungen oder Übersetzungen und Neubearbeitungen, die an einem Original gemessen werden können, häufig sprachkritisch bewertet. In den meisten Fällen trifft aber Robert Gernhardts Strophe aus dem „Gespräch vor einer schwarzfigurigen attischen Vase im New Yorker Metropolitan Museum“ auch auf die Literatur- und Theaterkritik zu. Johann Christoph Gottscheds „Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen“ von 1730 war ein letzter Anlauf, eine umfassende, verbindliche Regelpoetik aufzustellen. Der darauf folgende „Wegfall der Regeln“, die es, wenn auch in unterschiedlichen Spielarten, seit der Antike gegeben hatte, veränderte den Begriff der „Kennerschaft“ vollkommen.

← 217 | 218 → Schon in der Antike lieferten Lehrbücher der Dichtkunst allgemeingültige Kriterien, nach denen literarische Werke und insbesondere deren Sprache, bewertet werden konnten. Die erste selbstständige Schrift über die Dichtkunst, die „Poetik“ des Aristoteles aus...

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