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Das Massaker erinnern

Katyń als lieu de mémoire der polnischen Erinnerungskultur

Cordula Kalmbach

Im Fokus dieser Studie stehen zwei Schritte: Erstens soll das Ereignis Katyń in der polnischen Erinnerungskultur verortet und sein Stellenwert für die polnische Gesellschaft erfasst werden, zweitens soll dargestellt werden, welche Auswirkungen diese Aufarbeitung auf die polnisch-russischen Beziehungen seit 1989 hat. Klar ist, dass sich die Republik Polen seit ihrer Wiederentstehung 1989 auf der Suche nach einer neuen Identität befindet und sich im Archiv der Geschichte bedient, um ein neues Gedächtnis konstruieren zu können. Da Erinnerungskultur ein soziales, aktives Phänomen ist, stützt sich diese Arbeit auf mannigfaltige Quellen, seien es Filme, Bücher, Denkmäler oder Zeitungsartikel.
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IV) Jay Winters „Fiktive Verwandte“ und „Orte der Trauer“

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IV.1) Einleitung

In diesem Kapitel sollen die zentralen Fragen, die Jay Winter in seinem Werk stellt und beantworten möchte, vorgestellt und seine Begriffe der „fiktiven Verwandten“ und der „sites of mourning“ eingeführt werden, da sie einen zentralen Stellenwert für diese Arbeit und das Verständnis Katyńs als Gedächtnisort und der Akteure, die an Katyń erinnern wollen, einnehmen. Zentral sind für Jay Winter zwei Fragen: Wie wird der Schrecken des Krieges erinnert und wie und warum gruppieren sich die aktiven Träger der Erinnerungskultur und Gedenkarbeit? Unter aktiven Trägern versteht er die handelnden Individuen, die durch ihre Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Spuren für die Gegenwart und Zukunft hinterlassen.

Der Erste Weltkrieg hat Millionen von Menschen, über den ganzen Erdball verteilt, mit der Aufgabe allein gelassen, den Schlachtfeldern dieses Krieges eine Bedeutung zu geben. Die massiven Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie in Auschwitz oder technische Grenzüberschreitungen in der Massenvernichtung wie in Hiroshima und Nagasaki, haben es unendlich schwerer gemacht, einen Sinn dahinter erkennen zu lassen oder Verständnis zu finden.69 Die Jahre 1939-45 hinterließen noch tiefere Wunden, da ein Großteil der über 50 Millionen direkten Kriegstoten Zivilisten waren und die Erfahrungen des Holocaust und der Atombombe die Grenzen der menschlichen Sprache überschritten.70 Aleida Assmann weist darauf hin, dass die zwei Weltkriege und die Massengewalt des 20. Jahrhunderts viele traumatische Orte hinterlassen haben, die ein vielschichtiges Phänomen hervorbringen: Die bisher gekannten Strategien der Sinnstiftung und Historisierung sto...

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