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Norm als Zwang, Pflicht und Traum

Normierende versus individualisierende Bestrebungen in der Medizin – Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz-Peter Schmiedebach

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Edited By Eva Brinkschulte and Mariacarla Gadebusch Bondio

Erklärte Ziele der Medizin sind Wiederherstellung, Erhaltung sowie Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Dabei wird in der alltäglichen Praxis oft die Grenzziehung zwischen dem «Normalen» und dem «Pathologischen» unreflektiert vorgenommen. Der Band ist der interdisziplinären Aufarbeitung von medizinischen Normierungsdiskursen und -praktiken vom 19. bis 21. Jahrhundert gewidmet. In den Beiträgen werden die Bestrebungen, normale bzw. durchschnittliche medizinische Werte zu definieren, ausgelotet: Von der gesundheitspolitischen Normierung der Gesundheit bis zu den Visionen einer anzustrebenden gesunden «Normalität», deren Grenzen heute durch die Optimierungspraktiken der wunscherfüllenden Medizin verwischt sind.
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Einführung

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Abb. 1: Polyklet, Doryphoros mit Berger’schen Messlatten, ca. 440 a.C., Skulpturhalle, Basel.

Kanon ist der Titel eines nicht überlieferten Buches, in dem der griechische Bildhauer Polyklet eine Theorie des menschlichen Körperbaus als symmetrisches und harmonisches Ganzes dargelegt hatte.1 Die Statue des Doryphoros ist das materielle Zeugnis dieses klassischen Ideals, das in die Medizin v.a. dank Galen von Pergamon im zweiten nachchristlichen Jahrhunderts Eingang gefunden hat.2 In Polyklets Text und in seiner ← 7 | 8 → plastischen Entsprechung hatte Galen die normative Begründung für den anatomischen Körperbau gefunden. In seinen 17 Büchern über den Nutzen der Körperteile, De usu partium, wird das proportionale Verhältnis aller Körperteile zueinander als grundlegend für den harmonischen Plan der Natur erklärt, deren leitende Prinzipien Gerechtigkeit, Ökonomie und Nützlichkeit sind. Die ersichtlichen Ergebnisse dieses Plans sind Symmetrie, Maß und Gleichmäßigkeit aller Körperteile sowie die vollkommene Ausführung der für das Leben notwendigen Funktionen.

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