Show Less
Restricted access

Norm als Zwang, Pflicht und Traum

Normierende versus individualisierende Bestrebungen in der Medizin – Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz-Peter Schmiedebach

Series:

Eva Brinkschulte and Mariacarla Gadebusch Bondio

Erklärte Ziele der Medizin sind Wiederherstellung, Erhaltung sowie Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Dabei wird in der alltäglichen Praxis oft die Grenzziehung zwischen dem «Normalen» und dem «Pathologischen» unreflektiert vorgenommen. Der Band ist der interdisziplinären Aufarbeitung von medizinischen Normierungsdiskursen und -praktiken vom 19. bis 21. Jahrhundert gewidmet. In den Beiträgen werden die Bestrebungen, normale bzw. durchschnittliche medizinische Werte zu definieren, ausgelotet: Von der gesundheitspolitischen Normierung der Gesundheit bis zu den Visionen einer anzustrebenden gesunden «Normalität», deren Grenzen heute durch die Optimierungspraktiken der wunscherfüllenden Medizin verwischt sind.
Show Summary Details
Restricted access

Es lebe die Erbsünde!? Schnittstellen zwischen Degenerationstheorie und Erbsündendoktrin

Extract



Abstract Das Krankheitsbild der erblichen Entartung ist eines der großen Konzepte der späten Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Unsittliche und gesundheitsschädliche Verhaltensweisen werden nicht begangen, weil sie begangen werden wollen, sondern weil sie begangen werden müssen. Ererbte Dispositionen verweisen Kinder auf moralische Mängel der Eltern und bedeuten degenerativen Einfluss der Eltern-Generation auf die Nachkommenschaft. Indem die christliche Anthropologie den Postadamiten einen Erbsünder nennt, spricht sie sein konkretes Personsein als einen defizitären Modus an. Indem die Degenerationslehre in der Medizin den Menschen degeneriert nennt, spricht sie sein konkretes Personsein als einen defizitären Modus an. In der Medizingeschichte wird immer wieder auf die Nähe von Degenerationslehre und Erbsündendoktrin hingewiesen. In diesem Beitrag wird das Entartungsdenken des Psychiaters Richard von Krafft-Ebing auf die Beziehung zur Erbsündenlehre hin analysiert, um so Quellen einer normativen Psychiatrie offen zu legen.

Einleitung

Dem finitistischen Empfinden einer entnumisierten Welt muss jede hermeneutische Operation zunächst fremd erscheinen, die nach den religiösen oder sogar christlichen Quellen der ‚somatischen‘ Psychiatrie fragt. Die hier vorgelegte Untersuchung möchte mit ihrem Verweis auf theologisch-anthropologische Implikate der psychiatrischen Theoriebildung einen kleinen Beitrag zur Erforschung der kulturellen Quellen psychiatrischer Normativität leisten. Genauer geht es um die immer wieder erwähnte, nie aber genauer analysierte These der Psychiatriegeschichte, die neuerdings Harry Oosterhuis mit Blick auf Richard von Krafft-Ebing (1840–1902) ← 79 | 80 → wiederholt hat, die Degenerationslehre stehe in der Tradition der Erbsündenlehre als Theorie der Abweichung...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.