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Norm als Zwang, Pflicht und Traum

Normierende versus individualisierende Bestrebungen in der Medizin – Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz-Peter Schmiedebach

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Eva Brinkschulte and Mariacarla Gadebusch Bondio

Erklärte Ziele der Medizin sind Wiederherstellung, Erhaltung sowie Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Dabei wird in der alltäglichen Praxis oft die Grenzziehung zwischen dem «Normalen» und dem «Pathologischen» unreflektiert vorgenommen. Der Band ist der interdisziplinären Aufarbeitung von medizinischen Normierungsdiskursen und -praktiken vom 19. bis 21. Jahrhundert gewidmet. In den Beiträgen werden die Bestrebungen, normale bzw. durchschnittliche medizinische Werte zu definieren, ausgelotet: Von der gesundheitspolitischen Normierung der Gesundheit bis zu den Visionen einer anzustrebenden gesunden «Normalität», deren Grenzen heute durch die Optimierungspraktiken der wunscherfüllenden Medizin verwischt sind.
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„Generaloberstsachverständige für alle Lebensformen und Lebensgestaltungen“ Zu gesellschaftlichen Vorstellungen von Ordnung und Normierung „angewandter Psychiatrie“ nach dem Ersten Weltkrieg

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Abstract Deutsche Psychiater sahen nach 1918 in der Erscheinung einer „gesteigerten Suggestibilität der Massen“ ebenso wie in dem Moment zahlreich auftretender „psychopathischer Führertypen“ die akute Gefahr eines Zurückfallens auf eine primitivere Form psychischer Gesamtverfassung des „Volkskörpers“. Über die allgegenwärtigen, ansteckenden und sich ausbreitenden Ausprägungen dieses Phänomens in der Revolution und in den darauf folgenden Jahren wurde nicht nur umfangreich (populär-) wissenschaftlich publiziert; sie fanden auch Eingang in Kultur und Medien und beeinflussten konkret medizinisch-psychiatrisches und gesellschaftliches Handeln. Diesem Phänomen wird anhand zeitgenössischen psychiatrischen Schrifttums für die Jahre bis 1923/24 nachgegangen. Die Beschreibung und Analyse rivalisierender politischer und kultureller Ordnungsvorstellungen und wissenschaftlicher Normierungen aus der Perspektive der Psychiatrie und ihrer Vertreter soll im Ergebnis eine Vorstellung der urbanen Moderne und ihrer vielfältigen Äußerungen aus der Verneinung heraus ermöglichen.

Vorbemerkung*

Für Zeiten politischer Umbrüche – darauf hat Mitchell Ash aktuell noch einmal hingewiesen – gilt, dass die Vorzüge einer Wechselwirkungsperspektive ← 103 | 104 → auf Politik und Wissenschaft besonders deutlich werden: „Denn gerade in solchen Zeiten verflüssigen sich die beiden vermeintlich festen Größen ‚Wissenschaft‘ und ‚Politik‘“.1 Beide Bereiche wirken kognitiv, apparativ, personell, institutionell, rhetorisch sowie ideologisch als Ressourcen füreinander. Hiervon ausgehend sollen im Folgenden die gesellschaftlichen Brüche der Jahre zwischen 1918/19 und 1923/24 in Deutschland im Spiegel psychiatrischer Erklärungsansätze und Wertungen betrachtet werden, um sich so der urbanen Moderne und ihren vielfältigen Äußerungen aus...

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