Show Less
Restricted access

Norm als Zwang, Pflicht und Traum

Normierende versus individualisierende Bestrebungen in der Medizin – Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz-Peter Schmiedebach

Series:

Edited By Eva Brinkschulte and Mariacarla Gadebusch Bondio

Erklärte Ziele der Medizin sind Wiederherstellung, Erhaltung sowie Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Dabei wird in der alltäglichen Praxis oft die Grenzziehung zwischen dem «Normalen» und dem «Pathologischen» unreflektiert vorgenommen. Der Band ist der interdisziplinären Aufarbeitung von medizinischen Normierungsdiskursen und -praktiken vom 19. bis 21. Jahrhundert gewidmet. In den Beiträgen werden die Bestrebungen, normale bzw. durchschnittliche medizinische Werte zu definieren, ausgelotet: Von der gesundheitspolitischen Normierung der Gesundheit bis zu den Visionen einer anzustrebenden gesunden «Normalität», deren Grenzen heute durch die Optimierungspraktiken der wunscherfüllenden Medizin verwischt sind.
Show Summary Details
Restricted access

Forschungsinstrument und Normierungsinstanz: Zur Ambivalenz psychiatrischer Klassifikationen

Extract



Abstract Die Einführung der 5. Auflage des Diagnostic and Statistic Manual (DSM-V) der American Psychiatric Association (APA) im Jahr 2013 und die damit verbundene öffentliche Diskussion über eine mit dieser neuen Klassifikation möglicherweise verbundene Pathologisierung bisher „normaler“ Zustände bzw. Verhaltensweisen wird zum Ausgangspunkt genommen, um allgemeinere Merkmale für die Entstehung und Funktionsweise psychiatrischer Klassifikationen zu analysieren. Nach einleitenden theoretischen Überlegungen zur Funktion von Klassifikationen in der Psychiatrie folgt im zweiten Teil eine Analyse der Entstehung der Grundstruktur der heutigen psychiatrischen Klassifikation in den Jahrzehnten um 1900, die mit dem Namen von Emil Kraepelin (1856–1926) verbunden ist. Der dritte Teil fokussiert die Entwicklungen, die zur Formulierung des DSM-III der APA im Jahr 1980 führten, mit welcher die konzeptuellen Grundlagen (u. a. der operationalisierten Diagnostik) für alle weiteren psychiatrischen Klassifikationen bis in die Gegenwart gelegt wurden. Die Ideen und Prämissen des DSM-III wurden von den US-amerikanischen psychiatrischen Protagonisten selbst als „Neo-Kraepelinian“ charakterisiert. Der Beitrag schließt mit der Diskussion einiger Implikationen für Häufigkeitsberechnungen/Epidemiologie, Bedarfsplanungen und Gesundheitsökonomie in der aktuellen Psychiatrie.

Im Mai 2013 wurde das DSM-V der APA publiziert. Schon im Vorfeld gab es heftige fachinterne und öffentliche Diskussionen über die Neu-Definition und Ausweitung psychiatrischer Kategorien und Diagnosen auf Zustände, die bisher nicht als „psychisch krank“ galten.1 Die Ausweitung, so wurde ← 155 | 156 → argumentiert, hätte voraussehbare Auswirkungen für einerseits betroffene Menschen, indem „normale“ Erlebens- und Verhaltensweisen etwa in Belastungssituationen medikalisiert und pathologisiert würden,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.