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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

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Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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Anni von Instettens Kinderlektüre. Kinderliteratur für junge Leserinnen und Leser im Angebot des Warenhauses Wertheim, Berlin, anno 1903/04

Klaus-Ulrich Pech (Köln)

Anni von Instettens Kinderlektüre. Kinderliteratur für junge Leserinnen und Leser im Angebot des Warenhauses Wertheim, Berlin, anno 1903/04

Welche Kinderbücher hätte Fontane den Baron von Instetten seiner Tochter, welche den alten Briest seiner Enkelin schenken lassen können?

1.    Methodisches

Die Produktions- und die Distributionsseiten des Literatursystems ‚Kinder- und Jugendliteratur‘ im deutschsprachigen Raum sind, jedenfalls für die meisten Literaturepochen, gut untersucht und dokumentiert: ob Werke, Autoren, Verlage, ob kulturelle, pädagogische, soziale oder politische Entstehungsbedingungen, ob Rezensionswesen, Förderinstitutionen oder Empfehlungslisten, zu all diesen Fakten und Aspekten gibt es Studien, Forschungsbeiträge und vor allem eine hochdifferenzierte Handbuchliteratur.1

Dies gilt jedoch nicht für die Rezeptionsseite, vor allem nicht bei schon länger vergangenen Zeiträumen. Aus in der Natur der Sache liegenden Gründen ist die Quellenbasis schmal und zudem von großen Unzuverlässigkeiten bestimmt: Leserberichte, Autobiographisches, eventuelle Befragungen oder Umfragen oder Schulberichte – diese eher unsystematisch entstandenen, von Zufällen und von methodischen Vielfältigkeiten geprägten Quellen bilden zumeist nur die Basis bei einer Beschäftigung mit der Literaturrezeption. Dazu kommen eventuell noch die harten Fakten wie Auflagenzahl und Auflagenhöhe, kurz: die Zahl der verkauften Bücher. Das heißt zwar noch nicht, dass sie auch gelesen wurden, aber es heißt immerhin, dass sie für den Käufer einen bestimmten Wert besaßen, etwa als Informations- oder Unterhaltungsquelle, als Wunscherfüllung, Leseanregung, repräsentatives Geschenk, als Förderung und Stabilisierung einer bestimmten ← 81 | 82 kulturellen Einstellung oder als Beitrag zum familialen kulturellen Kapitel. Auf vielerlei Weise konnte also das Buch dem Rezeptionsinteresse entgegenkommen.

Ein neuer Ansatz bei der Frage nach gerne und häufig gekauften Büchern, also bei der Frage nach den beim Kauf- (und Lese-)Publikum besonders beliebten und erfolgreichen Büchern, ergibt sich bei dem Blick auf eine Einrichtung, die sich per se dem massenhaften Verkauf von Waren widmet: dem Kaufhaus.2 Exemplarisch soll hier das Kinder- und Jugendliteratur-Angebot des renommierten Berliner Kaufhauses Wertheim aus der Verkaufsperiode 1903/04 analysiert werden. Ermöglicht wird dies durch den Versandkatalog, der durch einen (auf nicht dokumentierte Weise bearbeiteten) Nachdruck gut zugänglich ist.3

Die Handelsfirma Wertheim war 1875 in Stralsund gegründet worden und seit 1885 mit einem Kaufhaus in Berlin vertreten. Seit dem großzügigen, noblen und mit Kunstwerken ausgestatteten Bau des Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz gehörte Wertheim zu den größten und vor allem auch renommiertesten Warenhausfirmen des Deutschen Kaiserreichs – gerade durch den 1897 eröffneten Berliner Neubau gewann die Firma das bis dahin zurückhaltende wohlsituierte Bürgertum als Kundschaft.4 Schon Ende des 19. Jahrhunderts und damit als eine der ersten Handelsfirmen in Deutschland, begann Wertheim, auch einen Versandhandel zu betreiben, vor allem, um die in Berlin ausgebildeten preußischen Beamten, die dann mitsamt ihren Familien in ferne preußische Provinzstädtchen versetzt wurden, weiterhin mit den ansprechenden Waren der Hauptstadt versorgen zu können. ← 82 | 83

In dem vorliegenden Katalog werden auch Kinder- und Jugendbücher angeboten, also Bücher, die sich, so ja das Grundprinzip eines Warenhauses, besonders gut verkaufen – aus welchen Gründen auch immer. Nun muss man selbstverständlich wiederum fragen: Woher wußten die entsprechenden Mitarbeiter des Kaufhauses, welche Kinder- und Jugendliteratur sich gut verkaufen würde? Dazu liegen leider keine Dokumente vor – nicht nur, weil wichtige Archive im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, sondern weil man solche Entscheidungen selten dokumentierte oder entsprechende Unterlagen dieser eher nebenrangigen Abteilungen nicht für aufhebenswert hielt. Doch wichtig ist für die hier vorliegende Fragestellung nicht nur der Aspekt der Rekonstruktion, sondern auch derjenige der Konstruktion: Das Buchangebot reagiert nicht nur auf die Bedürfnisse der Kunden, sondern es schafft auch erst die entsprechenden Möglichkeitsräume. Das Kommerzielle ist zudem Filter einerseits, Verstärkung andererseits.

Die Auswahl, so ist anzunehmen, musste einerseits der kulturellen Orientierung der Wertheimkunden entsprechen, deren Wertvorstellungen, deren Bild einer passenden, einer ‚guten‘ Kinder- und Jugendliteratur, und andererseits musste das kinderliterarische Angebot in das Gesamtangebot von Waren des gehobenen Bedarfs passen und somit auch das Image, sozusagen den Markenauftritt von Wertheim unterstützen. Deshalb formuliere ich trotz aller Unwägbarkeiten und aller Differenzierungen die schlichte These: Das Kinder- und Jugendliteratur-Angebot des Kaufhauses Wertheim dokumentiert die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im wohlsituierten Bürgertum am meisten wertgeschätzte und deshalb gerne (und oft) gekaufte Kinder- und Jugendliteratur.

Es ließe sich nun einwenden, dass diese Perspektive so originell nicht sei, denn die Katalogseiten reproduzierten nur das, was ohnehin an anderer Stelle vorhanden und zugänglich sei – Auflagenhöhen, Auflagenzahlen, Buchpreise und anderes könne man auch Verlagsarchiven, -mitteilungen, -katalogen sowie Bücherverzeichnissen entnehmen und nicht zuletzt den vorliegenden Kölner Handbuch-Bänden. Doch abgesehen davon, dass es mühsam ist, manchmal auch ergebnislos, oft sogar von Zufällen bestimmt, beispielsweise ‚belastbare‘ Verkaufszahlen zu finden, ist hier durch den Warenhaus-Katalog a) nicht nur eine Offenlegung von (oft voneinander isolierten) Einzeldaten zu sehen, sondern b) vor allem ein Gesamtbild erfolgreicher, anerkannter Kinder- und Jugendliteratur zu einem eng umrissenen, fest definierten Zeitraum. Das Gesamtbild ist, wie gezeigt werden kann, weitaus aussagekräftiger als die Summe einzelner Mosaiksteinchen.

Der Katalog sprach also vor allem eine wohlsituierte, in Berlin wie im Berliner Umland und im gesamten Preußen lebende Kundschaft an. – Wir können uns durchaus vorstellen, dass die alten Briests, Annies Großeltern, die auf ihrem Land ← 83 | 84 gut fern einer Buchhandlung lebten, über den Wertheim-Katalog Bücher für ihre Enkelin aussuchten. Und möglicherweise verließ sich auch der karriereorientierte Baron von Innstetten selbst bei der Auswahl geeigneter Kinderbücher für seine Tochter auf das Angebot des renommierten Warenhauses.

2.    Fakten

In dem Warenkatalog des Kaufhauses Wertheim für die Periode 1903/04 wird Kinder- und Jugendliteratur auf vier Katalogseiten präsentiert (138–141) – verglichen mit anderen Warengruppen ist das ein durchaus markantes Angebot. Unterteilt ist dieses Buchangebot in „Jugendschriften. Erzählungen und Märchen für jüngere Knaben und Mädchen“ (138 f.), „Jugendschriften. Für die männliche Jugend“ (139) und „Jugendschriften für die weibliche Jugend“ (140 f.). Insgesamt werden rund 190 Bücher angeboten, davon in der ersten Gruppe ca. 50, in der zweiten ca. 10 und in der dritten ca. 130. Innerhalb jeder Gruppe sind die Werke alphabetisch sortiert, zumeist nach dem Verfassernamen, gelegentlich aber auch nach dem Titel (z. B. Gullivers Reisen, Märchen und Lieder, Spielbuch). Nach der Nennung von Autor und Titel folgen in den meisten Fällen eine Angabe zu Art und Umfang der Illustration sowie Angaben zur Ausstattung, schließlich, als einzige Angabe fett hervorgehoben, der Preis.

Auf jeder der vier Katalogseiten werden drei bis sechs Bücher hervorgehoben durch eine größere Präsentation, die neben den in größerer und fetterer Schrift präsentierten Angaben noch eine Abbildung des Bucheinbandes enthält – zum Teil sind diese hervorgehobenen Präsentationen Wiederholungen der in der alphabetischen Liste genannten Werke, zum Teil sind sie aber nur auf diese Weise im Katalog vertreten. Nochmals durch einen eigenen Kasten und einen speziellen Schrifttyp hervorgehoben sind eine „Preiswerte Jugendschriften-Kollektion“ (138) und „Besonders empfehlenswerte Jugendschriften“ (141).

Bei vielen Büchern werden unterschiedliche Ausstattungsvarianten mit dementsprechend unterschiedlichen Preisen angeboten. Zumeist handelt es sich um zwei Varianten: sogenannter „eleganter Leineneinband“ einerseits, „geringeres Papier und einfacherer Einband“ oder „einfacher ausgestattet“ andererseits. In der Regel kostete die schlichtere Ausgabe nur (oder knapp etwas mehr als) die Hälfte der aufwendiger ausgestatteten. Von den Hey-Speckterschen Fabeln werden fünf verschiedene Ausgaben angeboten: eine „Pracht-Ausgabe“ für 6,- Mark, eine „kolorierte Ausgabe“ für 4,- Mark, eine „grosse schwarze Ausgabe“ in zwei Bänden für je 3,- Mark, eine „Schul-Ausgabe“ in zwei Bänden für je 1,50 Mark und eine zweibändige „Jubiläumsausgabe“ für je 0,50 Mark – billigste und teuerste Ausgaben unterscheiden sich also um mehrere hundert Prozent. ← 84 | 85

Altersangaben finden sich nur gelegentlich und beziehen sich wohl zumeist direkt auf Verlagsangaben bzw. auf die im Titel aufgeführten Angaben; von der Firma Wertheim selbst scheinen keine Altersangaben hinzugefügt worden zu sein. So trägt etwa der Erzählungsband Der Allerwelts-Onkel von Robert Hertwig den Untertitel „Neue Erzählungen für Kinder v. 8–12 Jahren“, von Helene Stökl gibt es Kleine Erzählungen für Kinder von 8–12 Jahren, Nordische Sagen, von J. Staacke bearbeitet, tragen den Untertitel „für Knaben und Mädchen von 8–14 Jahren“, Agnes Hoffmanns Lottes Tagebuch enthält „Erzählungen für Mädchen von 12–14 Jahren“ und Anna Schobers Hanna ist „für erwachsene Mädchen“.

Die Preise der normal angebotenen Bücher liegen zwischen 0,60 Mark und 15 Mark – für 60 Pfennige werden „Grimms Märchen […]. Geringeres Papier mit einfach Einbd.“ angeboten; 15 Mark kostet die „feine Ausgabe in hell. Damastingew. geb. in eleg. Hülse. Lnb.“ eines dreibändigen Trotzkopf. Die meisten Bücher kosten drei oder vier Mark5. Exemplare der „Preiswerte(n) Jugendschriften-Kollektion. Ueber 100 Seiten stark mit Illustrationen in Farbendruck. Moderner eleganter Halbleineinband“ kosteten dagegen nur 0,48 Mark – sie wurden vermutlich eigens für die Firma Wertheim hergestellt.

Vergleicht man die Katalogpreise mit denen der Verlage, so ergibt sich, soweit sich das überprüfen läßt, ein uneinheitliches Bild. Viele der angebotenen Bücher werden zum gleichen Preis, wie in den Verlagskatalogen angegeben, angeboten; ausdrücklich auf den auch von Wertheim ohne Abstriche übernommenen Ladenpreis hingewiesen wird nur in der Rubrik „Besonders empfehlenswerte Jugendschriften“. Es gibt jedoch auch schätzungsweise 20 Prozent, die bei Wertheim preiswerter verkauft werden als im Buchhandel. Inwieweit sich die Firma Wertheim verpflichtet sah, sich an die seit 1888 geltende Buchpreisbindung zu halten, ist nicht zu klären – vertragsrechtlich dazu verpflichtet waren sie im Jahr 1903 noch nicht.6 Bei einigen wenigen Buchbeschreibungen findet sich vor dem ← 85 | 86 Katalogpreis die Angabe des „früheren Ladenpreises“ – eine Ausgabe von Andersens Märchen kostete demnach früher 3,60 Mark, jetzt 2,- Mark, der Jugendheimgarten, herausgegeben von Friedrich Arnold früher 8,- Mark, jetzt 3,50 Mark und Coopers Lederstrumpf-Erzählungen (für die Jugend bearbeitet von Friedrich Meister) statt 7,- nur 4,25 Mark. Ältere Jahrgänge der Zeitschrift Jugendgarten (herausgegeben von Ottilie Wildermuth) werden für 2,50 statt 6,75 Mark angeboten, ältere Jahrgänge des Jahrbuchs Deutsches Mädchenbuch (herausgegeben von Frida Schanz) für 2,90 statt 6,50 Mark.

3.    Positionen und Tendenzen

Wie stark sich das Angebot am bildungsbürgerlichen Wertekanon orientiert, wie sehr es mit den Vorstellungen einer Kinder- und Jugendliteratur verbunden ist, die den Sozialisations- und Bildungsvorstellungen des Bürgertums entspricht, zeigt schon der erste Blick auf das Gesamtangebot: Es dominieren bekannte und von religiösen, pädagogischen oder literarischen Institutionen sanktionierte und in zahllosen Empfehlungsartikeln und Empfehlungslisten vertretene Autoren, Autorinnen und Werke des 19. Jahrhunderts.

3.1  Die ältesten der angebotenen Werke

Zum einen werden, wohl selbstverständlich, die schon zu Klassikern gewordenen Ausgaben von sogenannter Volksliteratur, also von Sagen, Legenden und Märchen, angeboten. Dazu zählen beispielsweise Musäus‘ Märchensammlung (als Volksmährchen der Deutschen erstmals 1782–86 erschienen), Grimms Kinder- und Hausmärchen (erstmals 1812–15), Rübezahl-Erzählungen, herausgegeben von Rudolf Reichardt (früheste Sammlung Mitte des 17. Jahrhunderts, die von Reichardt bearbeitete von 1891) und Deutsche Heldensagen von Gustav Schalk (erstmals in dieser Bearbeitung als Deutsche Heldensagen für Jugend und Volk 1891 erschienen).

Zum anderen werden zahlreiche, bereits vor mehreren Jahrzehnten erstmals erschienene Werke der Erzählliteratur angeboten. Dazu gehören etwa die unverwüstlichen Ostereier von Christoph von Schmid (1816), Hauffs Märchenalmanach (1826–1828), die 50 Fabeln für Kinder von Hey und Speckter (1833/37), die Schicksale der Puppe Wunderhold von Cosmar (d. i. Antonie Klein, 1839) sowie ← 86 | 87 von Anna Stein (d. i. Margaretha Wulff) 52 Sonntage (erstmals als 52 Sonntage oder Tagebuch dreier Kinder 1842 erschienen). Darüber hinaus wird sehr viel Belletristisches der 1850er und 1860er Jahre angeboten.

3.2  Die aktuellsten der angebotenen Werke

Dies sind nahezu ausschließlich die bald schon zu Standardwerken, wenn nicht gar Klassikern gewordenen Werke der Erzählliteratur für Mädchen. Dazu zählen die Trotzkopf-Bände von Emmy von Rhoden (1885) und Else Wildhagen (1892/1896), Heidi (1887) sowie zahlreiche weitere Bücher von Johanna Spyri (darunter beispielsweise Was soll denn aus ihr werden, 1887), zahlreiche Bücher von Clementine Helm (1880er und 1890er Jahre), von Helene Stökl (1890er Jahre) und von Bernhardine Schulze-Smidt (1890er Jahre), darunter beispielsweise Jugendparadies, 1895). Außerdem gehören zu den aktuellsten Büchern auch einige sachliterarische Werke.

Betrachtet man die im Katalogangebot vertretenen Gattungen und Genres, dann ist festzustellen, dass eindeutig die Belletristik dominiert. Verglichen mit dem Gesamtangebot auf dem KJL-Markt, verglichen auch mit der Resonanz, die sie etwa im zeitgenössischen Rezensionswesen erreichte, ist die Sachliteratur nur äußerst gering vertreten. Dazu zählt etwa Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien (erstmals 1854 von Franz Reuleaux herausgegeben, hier die zehnbändige 9. Auflage von 1896–1901) in der Abteilung „Für die männliche Jugend“, obwohl dieses Werk keineswegs als Jugendlektüre gedacht war, sondern als Nachschlagewerk für technisch interesseierte Erwachsene oder gar für ein Fachpublikum. Dazu zählen die einer explizit borussischen Geschichtsschreibung verpflichteten Bücher von Hans Forsten Unser Kaiser in Palästina (2. Aufl. 1900) und von Conrad Fischer Prinz Heinrich in Kiautschau (1902) oder die beiden Werke von Eugen von Enzberg Krieg in China (1901) und Der Freiheitskampf der Buren (1902) – alle in der Abteilung „Besonders empfehlenswerte Jugendschriften“ verzeichnet. Rechnet man zur Sachliteratur noch zwei Spielbücher hinzu – eines „für Knaben“, eines „für Mädchen“, sonst ohne weitere Hinweise – dann umfaßt die Sachliteratur keine zehn Werke, also gerade mal 5 Prozent des Gesamtangebots. Die Gründe dafür sind unbekannt. Es kann am Desinteresse der Firma Wertheim liegen, die möglicherweise zuvor mit Sachliteratur für junge Leserinnen und Leser zu geringe Umsätze gemacht hat; diese Möglichkeit ist allerdings angesichts des weit ausdifferenzierten, hochprofessionalisierten, titel- und auflagenstarken Angebots wenig wahrscheinlich. Populärwissenschaftliches zu den deutschen Leistungen auf nahezu allen Gebieten von Wissenschaft, Technik und Entdeckungen erfreute sich in großen Teilen des Bürgertums großer Beliebtheit. Eher ← 87 | 88 anzunehmen ist daher, dass etwa der Spamer-Verlag, der in diesen Jahren der mit weitem Abstand führende Sachliteratur-Verlag war, kein Interesse am Vertrieb seiner Bücher auch über ein Warenhaus hatte – bezeichnenderweise stammt nur eins der angebotenen Sachbücher von diesem Verlag.

Aussagekräftig ist auch, welche Themen, Gattungen und Genres nicht im Angebot vertreten sind, kurz: was fehlt? Es fehlt die Kinder-, die Jugendlyrik, möglicherweise, weil sie poetisch-ästhetisch Anspruchsvolles mit undeutlicher Sozialisationsfunktion, womöglich gar Widerständiges enthielt. Der Nutzen von Lyrik war unklar oder marginal, und ein Fitzebutze (1900) von Paula und Richard Dehmel innerhalb des konventionellen oder gar konservativen Literaturbildes nur schwer vorstellbar. Es fehlen auch die Dramen, die Kinderschauspiele, die Zugänge zur Theaterwelt. Hier mag die Sorge vor der Theaterleidenschaft, vor den schlechten Einflüssen der Bohème eine Rolle gespielt haben – spätestens seit Thomas Manns Buddenbrooks war das Bürgertum gewarnt.

Es fehlt alles, was man in ganz weitem Sinne als engagierte oder auf irgendeine Weise ideologisierte Literatur bezeichnen könnte, soweit sie nicht in den völkisch-nationalistischen oder protestantisch-borussischen Kontext paßte. Dazu gehörte die dezidiert katholische Kinder- und Jugendliteratur beispielsweise des Bachem-Verlags, dazu gehörte die damals bereits vielfältige jüdische Kinder- und Jugendliteratur, dazu gehörte die bereits seit den 1870er Jahren, also noch vor dem Sozialistengesetz von 1879 entwickelte sozialdemokratische, sozialistische oder auch proletarische Kinder- und Jugendliteratur. Nach Aufhebung der Sozialistengesetze erschienen dann seit Beginn der 1890er Jahre zahlreiche, zum Teil durchaus auflagenstarke Werke dieser parteigebundenen Literatur. Ob nun beispielsweise das Bilderbuch König Mammon und die Freiheit (1878), ob Adolph Hoffmanns Arm und Reich: der Arbeit ABC (1894) oder das Buch der Jugend: für die Kinder des Proletariats, herausgegeben von Emma Adler (1895) – nichts davon findet sich bei der Firma Wertheim.

Thematisch herrscht, auch wenn, insbesondere „für die männliche Jugend“, einige Werke der Abenteuerliteratur angeboten werden, der große Themenbereich ‚Mädchenleben‘ vor – Puppenzeit, Kinderglück und idyllisches Leben in der Familie, auf dem Lande und in der Natur, Schulerlebnisse, Internat, Backfischzeit und Brautzeit. Die Dominanz von ‚Mädchenthemen‘ und Mädchenliteratur zeigt sich auch beim Angebot der Jahrbücher: Jahrbücher für Mädchen sind vertreten, Jahrbücher für Jungen fast gar nicht (sieht man von dem Jahrbuch Kinderlust ab, das „für Knaben und Mädchen von 8 bis 12 Jahren“ gedacht war) – kein Neues ← 88 | 89 Universum (seit 1880), kein Deutsches Knabenbuch7 und auch nicht Der gute Kamerad, das seit 1887 weit verbreitete „Illustrierte Knaben-Jahrbuch“.

4.    Folgerungen

Die Mädchenliteratur dominiert: numerisch, thematisch und chronographisch. Zwar lässt sich auch aus deren Perspektive die These aufrechterhalten, die Käufer- und Leserschaft setzte sich aus dem wohlsituierten, bildungsorientierten Bürgertum sowie dem dessen Leitbildern folgenden Adel zusammen, doch ist das Angebot nicht so homogen, wie man zunächst erwarten könnte. Es zeigen sich durchaus Unterschiede bei den Wertvorstellungen, vor allem bei den genderspezifischen Rollenerwartungen.

Einerseits propagieren selbstverständlich viele Bücher ein traditionales Frauenbild. Doch andererseits, beginnend schon mit dem Trotzkopf, finden sich in anderen Büchern neue Rollenmuster. Von Emma Biller (im Katalog: Wuttke-Biller) beispielsweise werden neun Romane angeboten, von denen einige neben für die Mädchenliteratur innovativen Erzähltechniken durchaus moderne, unkonventionelle Vorstellungen enthalten: die Selbstbestimmtheit unbeaufsichtigter Kinder, das Trotzkopf-Modell des wenigstens temporären Aufbegehrens, der Wunsch nach weiblicher Selbstbestimmtheit, (wenn auch schlussendlich alles mit der Heirat eines möglichst älteren, lebenserfahrenen Mannes endet). Nicht angeboten werden von Billers Romanen Minchen, die kluge Puppe (1881), worin „die Möglichkeit einer Scheidung diskutiert“ wird (Brunken u. a. 2008, 1018, Bibl., Nr. 70), auch nicht Die Puppenfamilie (1883), das ebenfalls u. a. eine Scheidung thematisiert. Dagegen enthält der Katalog wiederum Mellas Studentenjahre (1893) von Bernhardine Schulze-Smidt, eine Pensionsgeschichte, „die das Modell der Pensionsgeschichte gleichzeitig ironisiert und umkehrt“ (ebd., 1444, Bibl., Nr. 818) und die ganz ernsthaft weibliche Berufstätigkeit in den Blick nimmt. Und von Clementine Halm findet sich auch Die Geschwister Leonhard (1891) im Angebot:

Im Zentrum dieser Lebens- und Entwicklungsgeschichte, die eine Nähe zum zeitgenössischen Künstlerroman zeigt, steht eine künstlerisch begabte junge Frau, die – als Mann verkleidet – mit ihrem Bruder nach Rom geht, um Malerei zu studieren. Handlungsbegleitende Diskurse über die Emanzipation der Frau und über weibliche Künstlerschaft. (Ebd., 1188, Bibl., Nr. 367) ← 89 | 90

Vorsichtige Modernisierungen konnten also durchaus auch in diesem Buchangebot aufgefunden werden.

So herrscht nach genauerem Blick eine größere Vielfalt, als zunächst zu vermuten war. – Und als Frau Briest sah, wie ihr Gatte etwas ratlos auf die Listen und Anzeigen von vielen Dutzend Kinder- und Jugendbüchern schaute, wollte sie ihm zu Hilfe eilen, doch der alte Briest ließ den Katalog sinken und sagte: „Ach Luise, laß . . . das ist ein zu weites Feld“.

Literaturverzeichnis

Briesen, Detlef: Warenhaus, Massenkonsum und Sozialmoral. Zur Geschichte der Konsumkritik im 20. Jahrhundert. Frankfurt [u. a.]: Campus-Verl. 2000.

Brüggemann, Theodor/Otto Brunken (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [1:] Vom Beginn des Buchdrucks bis 1570. Stuttgart: Metzler 1987.

Brüggemann, Theodor/Otto Brunken (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [2:] Von 1570 bis 1750. Stuttgart: Metzler 1991.

Brüggemann, Theodor/Hans-Heino Ewers (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [3:] Von 1750 bis 1800. Stuttgart: Metzler 1982.

Brunken, Otto/Bettina Hurrelmann/Pech, Klaus-Ulrich (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [4:] Von 1800 bis 1850. Stuttgart [u. a.]: Metzler 1998.

Brunken, Otto/Bettina Hurrelmann/Maria Michels-Kohlhage/Gisela Wilkending (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [5:] Von 1850 bis 1900. Stuttgart: Metzler 2008.

Graf, Andreas: [Beitrag zu:] ‚Das Neue Universum‘. In: Brunken, Otto/Bettina Hurrelmann/Maria Michels-Kohlhage/Gisela Wilkending (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [5:] Von 1850 bis 1900. Stuttgart: Metzler 2008, 946–953.

Mode-Katalog 1903/1904, Warenhaus A. Wertheim Berlin. Nachdr., 4. Aufl. Hildesheim: Olms 1979.

Strohmeyer, Klaus: Warenhäuser. Geschichte, Blüte und Untergang im Warenmeer. Berlin: Wagenbach 1980. ← 90 | 91 →


1     Ohne die in ganz erheblichem Maß von Otto Brunken geprägten Bände des in der Kölner Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien erarbeiteten mehrbändigen Handbuchs zur Kinder- und Jugendliteratur hätte dieser Aufsatz nicht geschrieben werden können.

2     Zur nicht nur ökonomischen, sondern auch zur besonderen kulturellen und psychosozialen Bedeutung des Kaufhauses gerade im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert liegt eine reichhaltige Literatur vor, von den aphoristisch-phänomenologischen Anmerkungen Walter Benjamins der 1920er Jahre bis zu den kultursoziologischen Untersuchungen von Klaus Strohmeyer (1980) und Detlef Briesen (2000).

3     Mode-Katalog Warenhaus A. Wertheim Berlin. 1903/1904. Nachdruck Georg Olms, Hildesheim, 4. Aufl. 1979. Hinweis auf der unpaginierten Seite 4: „Die im Privatbesitz befindliche Originalausgabe wurde für die vorliegende Edition gestrafft und erhielt aus diesem Grunde eine neue Paginierung.“

4     Eine kurze Beschreibung des Gebäudes bietet der Katalog auf S. 3: „Das Verkaufshaus Leipzigerstr. 132/35 hat eine Frontlänge von 100 Metern und bedeckt eine Grundfläche von 7800 Quadratmetern. Den Verkehr im Innern des Hauses vermitteln 10 Treppenhäuser, 11 Personenfahrstühle, 2 Fahrtreppen und 8 Aufzüge und Hebebühnen für Lasten. Zu den Sehenswürdigkeiten des Hauses gehören: Der große Lichthof, der Onyxsaal, die Kunstausstellung, die Ausstellung moderner Wohnräume, der Antiquitätensaal, der Erfrischungsraum und der Wintergarten.“

5     Zum Vergleich werden einige andere Katalogpreise gelistet: Herrenhüte 5,- Mark, Krawatten 0,90 Mark, Mädchenmantel zwischen 4,- und 16,- Mark, einfache Tischlampe 3,- Mark, Damenschuhe 5,- Mark und der Kasten Zinnfiguren „Schlacht bei Gravelotte am 28. August 1870, dargestellt durch massive […] Figuren und Gruppen mit Kaiser Wilhelm [sic! Er war damals noch König von Preußen], Kanonen, Windmühle etc.“ kostete 4,50 Mark.

6     Ein erster Schritt auf dem Weg zur gesetzlich geregelten Buchpreisbindung in Deutschland waren die 1888 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels eingeführten Regelungen einer sogenannten Verkaufsordnung. Dies war nur eine vereinsrechtliche Regelung, der sich allein die Mitglieder des Börsenvereins, in der Regel also Verlage, Buchhandlungen und Buchversandfirmen, zu unterwerfen hatten. Warenhausfirmen waren zumeist nicht Mitglied des Börsenvereins, hatten jedoch zugleich auch kein Interesse, gegen die Politik des Börsenvereins des deutschen Buchhandels zu opponieren. Erst 1927 wurde die Buchpreisbindung gesetzlich festgeschrieben.

7     Das „erfolgreichste und modernste Kinder- und Jugendjahrbuch des ausgehenden 19. Jhdts. […] bis in die 1920er Jahre hinein [ist] eines der innovativsten Periodika des allgemeinen publizistischen Marktes.“ (Graf 2008, 946)