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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

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Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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Kinderfiguren in Die Bibel in Bildern (1860) von Julius Schnorr von Carolsfeld.

Christine Reents (Wuppertal/Varel)

Kinderfiguren in Die Bibel in Bildern (1860) von Julius Schnorr von Carolsfeld. Ein Essay

Da die Grundlagen der Erforschung des Longsellers Die Bibel in Bildern mittlerweile leicht zugänglich sind (Reents/Melchior 2008, 770–778 und Reents/Melchior 2011), konzentriere ich mich hier auf einen bislang unerforschten Aspekt, nämlich auf die Kinderfiguren und ihre Funktionen im Erziehungskontext dieser berühmten Bilderbibel des Malers Julius Schnorr von Carolsfeld.

Nachdem Renaissance, Pietismus, Aufklärung und Romantik je auf ihre Weise sowohl die Kinder in der Bibel in den Blick genommen als auch fiktive, neu erfundene Kinderfiguren zur Identifikation ergänzt hatten, führte der lutherische Spätromantiker Julius Schnorr von Carolsfeld (1794 in Leipzig – 1874 in Dresden) das Thema konsequent weiter, und zwar auf schon bewährte, doppelte Weise: Er brachte Biblische Geschichten mit den darin vorkommenden Kindern nach biblizistischem Muster ins Bild, zugleich erdachte er sich eine Fülle zusätzlicher Kinderfiguren. In vielen biblischen Szenen kommen Kinder nicht vor oder spielen keine wichtige Rolle; häufig hat Schnorr in solchen Szenen Kinderfiguren hinzugefügt. Auf etwa einem Drittel der 240 Holzstiche zur Bibel, die ursprünglich im Folioquerformat (H = 21,5 cm, B = 25,8 cm) mit einem Bibelzitat als Bildunterschrift erschienen, sind Kinder zu sehen. Die Bilder zeichnen sich durch feste Umrisslinien und feine Binnenzeichnung aus. Auf manchen Bildern wimmelt es nur so von großen und kleinen Kindern, was sicher auch im Kinderreichtum der Zeit begründet ist; Kinder sind selbstverständlich häufig und überall anwesend. Sie weinen mit und sie lachen mit. Zwar wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts viele Kinder geboren, doch starben auch mehr als ein Viertel der Heranwachsenden bereits vor Erreichen der Mündigkeit. Zeichnete Schnorr vielleicht auch deshalb einige tote Kinder auf der Basis biblischer Impulse? Welche Funktionen haben die zahlreichen Kinderfiguren in Schnorrs bekanntestem Werk Die Bibel in Bildern?

In Schnorrs Vorwort: „Betrachtungen über den Beruf und Mittel der bildenden Künste Antheil zu nehmen an der Erziehung und Bildung des Menschen …“ bezeichnet der Künstler sich als „Mitgehülfen am großen Werk der religiösen Menschenerziehung“; seine Bilderbibel war also nicht nur für Kinder, sondern für die „Arbeit der Erziehung und Bildung der Jugend und des Volkes“ (Schnorr [1861], VIII) konzipiert. Vorbilder waren Werke der italienischen Renaissance, vor allem ← 201 | 202 von Michelangelo und Raffael. (Vgl. Schnorr [1861], IX). Formal sind die Seiten wie Luthers Passional (1529) gestaltet: Auf jeder Seite findet sich ein Bild mit Bildunterschrift und erklärendem Schriftzitat. Allerdings gab es in Luthers Werk nur insgesamt fünfzig Holzschnitte im Oktavformat von einem unbekannten Holzschneider.

Seit ihrem ersten Erscheinen in Lieferungen (Leipzig 1852–1860) hatte sich Die Bibel in Bildern nach anfänglichen Absatzschwierigkeiten zu einem Longseller entwickelt, der bis heute nachgedruckt wird und der die Vorstellungen vieler Rezipienten von der Bibel über Generationen zum Teil bis heute geprägt hat.

In dieser Bilderbibel waren Kinder als Identifikationsfiguren gestaltet, denn die sorgfältig gearbeiteten Holzstiche lösten bei den Rezipienten vielfach Gefühle aus und diese führten zu einer bewussten oder unbewussten Übernahme von Einstellungen und Haltungen, kurz zu Identifikationen. Sicherlich wusste Schnorr, dass sich Kinder beim Anschauen von Bilderbüchern häufig mit den Kinderfiguren einer Geschichte identifizieren: „Ich bin die Prinzessin“, „Ich bin Rotkäppchen“ oder Pippi Langstrumpf. Auch Kinderfiguren auf Bildern regen zu Identifikationen an; häufig sind es positive, schöne, erfolgreiche und vorbildliche Gestalten, die Rückschlüsse auf das zulassen, was die jungen Betrachterinnen und Betrachter favorisieren.

Vor allem zu folgenden Themen gestaltete Schnorr Kinderfiguren: Familie, Erziehung, Mutter und Kind, Kinder als Rivalen wie Isaak und Ismael, tote Kinder, jugendliche Helden wie Samuel, David, Benjamin oder die sieben Βrüder als Märtyrer, Moses im Körbchen mit seiner großen Schwester Mirjam, der himmlische Hofstaat mit Putten und Engeln, Jesus als jugendlicher Lehrer sowie Bilder zur Geschichte Israels, wo Kinder ebenfalls wie selbstverständlich dazu gehörten, wenngleich sie dort häufig nur als anonyme Gruppe zu sehen sind. Kindliche Figuren finden sich zudem oftmals als Zuschauer, als Schutzwürdige oder als jugendliche Diener, Helfer, Zeugen und Statisten innerhalb der biblischen Szenen. Kindliche Figuren schauen zu, wie Jephtha Tochter ihren Vater begrüßt; sie schauen bei der Zerstörung Jerusalems zu und kehren nach siebzig Jahren wieder mit ihren Eltern aus dem Exil heim. Sie hören zu, wie Johannes der Täufer, wie Jesus und Paulus predigen. Hingegen fehlen kindliche Akteure auf Kriegsbildern und in anderen grausamen Szenen mit Ausnahme der Tötung der Erstgeburt (AT 50) und des Kindermordes zu Bethlehem (NT 172). Die unterschiedlichen Funktionen der Kindergestalten sollen an sechs Beispielen aufgezeigt werden.

1.    Geborgensein und Pflichten in der Familie

Die Familie galt und gilt als Keimzelle der Gesellschaft. Nicht selten wählte Schnorr das biblische Motiv der Familie mit Kindern und das in vielen Variatio ← 202 | 203 nen: Sems Familie, Noah und die Seinen, Jakobs Familie, Passah als Familienfest, Hiobs neue Familie und vor allem die Heilige Familie auf der Flucht. Ich konzentriere mich auf ein Beispiel, in dem sowohl biblische als auch volkstümliche Züge miteinander verknüpft sind.

Adams Familie

Abb. 1:    Schnorr AT 11

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Noch sind sie als ideale Familie im Bild zu sehen mit dem Bibelzitat als Bildunterschrift: „Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erden werdest, davon du genommen bist.“ (1 Mose 3,19)

Wie häufig zuvor, hat Schnorr den Holzstich bogenförmig konzipiert und zweigeteilt. Auf der linken Hälfte, fast im Mittelpunkt, ist Adam zu sehen, ein übergroßer muskulöser Mann unter dem Schatten eines Apfelbaumes; sein Ältester Kain reicht ihm einen Apfel, vielleicht soll das Symbol an die Geschichte ← 203 | 204 vom Sündenfall erinnern. Adam stützt sich auf seine Hacke, ein Symbol für eine der zentralen Aufgaben des Landmannes, der den Acker bebaut. Eva dagegen wirkt kleiner und zarter und verdeutlicht damit die Unterordnung der Frau unter den Mann. Sie sitzt rechts im Hintergrund unter einem Schilfdach mit ihrem jüngeren Sohn, dem kleinen Abel, mit Haushund, Schafen und Spinnrad. Der Mann ist für die Arbeit auf dem Feld zuständig, die Frau mit Haushund für den Hausstand; ihre Symbole, das Schaf und die Spindel, stehen für die Wollverarbeitung durch die Frau. Diese Motive stammen nicht aus der Bibel; vielmehr greift Schnorr volkstümliche Vorstellungen und Bilder vom ersten Menschenpaar auf, nach denen Adam nach dem Sündenfall Ackerbauer wurde und Eva im Hause arbeitete. Auf mittelalterlichen Bildern sind auch die Tätigkeiten der beiden Söhne bereits vorgezeichnet: Kain soll wie sein Vater ein Ackerbauer werden und Abel ein Hirte. Die Figur des freundlichen Abel soll kindliche Betrachter zur Identifikation einladen. Vermutlich besteht ein motivischer Zusammenhang zu Raffaels Loggienfresko „Adam und Eva bei der Arbeit“ (Loggien, zweites Kuppelgewölbe); Schnorr hat sich wiederholt auf Raffael als einen seiner Impulsgeber berufen.

2.    Religion als Wertevermittlung Moses empfängt die Gesetzestafeln (2 Mose 31,18)

Das Motiv „Moses empfängt die Gesetzestafeln“ (Schnorr AT 54) zeigt einen engen Zusammenhang von Moral und Religion. Im neunten Kuppelgewölbe der Loggien schuf Raffael ein Fresko, das den Titel trägt: „Moses empfängt die Gesetzestafeln“. Auf einem hohen Felsvorsprung kniet Moses mit empor gestreckten Armen; er empfängt die steinernen Gesetzestafeln aus Gottes Händen. Dieser ist von Putten und von Wolken umgeben. Am rechten Bildrand sind die Zelte Israels zu sehen. Schnorr hat sich von diesem Deckenfresko anregen lassen. Auch bei Schnorr kniet Moses mit erhobenen Händen auf einem Felsen (2 Mose 19,20) und erhält die beiden Gebotstafeln. Allerdings hat er die visionäre Szene um etwa 180° zum Betrachter hin gewendet, so dass dieser nun – ganz unbiblisch – in Gottes Antlitz blickt. Die Gottesfigur ist von musizierenden, jugendlich wirkenden, kaum bekleideten Engeln umgeben. Schnorr zeichnete häufig Gottesfiguren mit ihrem himmlischen Hofstaat (Bild Nr. 19, 24, 47, 64, 117, 136, 137, 175, 198, 240). Israel und seine Zelte sind am linken Bildrand angedeutet. Sicher ist, dass die Szene zur sozialen Orientierung betragen soll. Die Bildunterschrift ist wie stets der Lutherbibel entnommen und lautet: „Und da der Herr ausgeredet hatte mit Mose auf dem Berg Sinai gab er ihm zwo Tafeln des Zeugniß, die waren steinern und geschrieben mit dem Finger GOTTES.“ (2 Mose 31,18) ← 204 | 205

Abb. 2:    Schnorr AT 54

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3.    Jugendlicher Held David überwindet Goliath im Zweikampf (1 Sam 17,50.51)

Klein gegen Groß – das steht fast sprichwörtlich für David gegen Goliath. Auch dieses Motiv stammt aus den Loggien Raffaels. Wieder hat Schnorr die Szene bogenförmig konzipiert (Schnorr AT 92): Rechts kommen die Israeliten, links fliehen die Philister. Die Israeliten jagen ihren Feinden nach. Auf den beiden Anhöhen sind die Zelte der gegnerischen Lager zu sehen. Im Zentrum liegt der feindliche Riese in seinem Panzerhemd, den der junge David gerade mit einem Stein aus seiner Hirtenschleuder zu Fall gebracht hatte; das Blut strömt aus der Wunde über dem Auge Goliaths, sein großer Helm ist beiseite geflogen. David greift gerade zu Goliaths Riesenschwert, um ihm den Kopf abzuschlagen. An dieser aufregenden Situation können die Betrachter risikolos teilhaben. Welcher ← 205 | 206 Junge identifiziert sich nicht mit dem unbewaffneten, erfolgreichen, schwungvollen jugendlichen Helden, der nur seine Hirtentasche umgeschnallt hat?

Abb. 3:    Schnorr AT 92

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4.    Einem Erzieher zuhören (Sir 30,1.2)

Bibelsprüche wurden nur selten visualisiert; zu dem Motiv vom „Lob guter Kinderzucht“ (Schnorr AT 149) ist mir keine vergleichbare Erziehungsszene bekannt. Es handelt sich um eine vielfigurige Komposition: Auf der linken Hälfte ist ein Weisheitslehrer dargestellt, auf der rechten eine Gruppe Zuhörender. Die Gestalten sind bogenförmig angeordnet; dadurch wirkt das Bild bewegt. Ein bärtiger, ernster Weisheitslehrer steht gebeugt vor kleinen und größeren Kindern, vor Müttern und Vätern; er hat die Rute in der linken Hand, die rechte ist erhoben mit dem mahnenden Zeigefinger. Die Menschen schauen ihren Lehrer konzentriert an; die Kleinen machen ängstliche Gesichter. Dazu passt die biblische ← 206 | 207 Bildunterschrift: „Wer sein Kind lieb hat, der hält es stets unter der Ruthe, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird sich freuen und darf sich bei den Bekannten nicht schämen.“ (Sir 30,1.2 nach Luthers Übersetzung) Diesem „Lob guter Kinderzucht“ – so die Überschrift in der Luther­bibel – entspricht die das Bild umrahmende Pflanzensymbolik mit beschnittenen, angebundenen kleinen Bäumen, eine Erinnerung an die Volksweisheit: „Das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr“ (Robert Reinick 1805–1852). So wie ein Gärtner in seiner Baumschule kleine Bäume stutzt und zurechtbiegt, so prägt der Erzieher seine Erziehungsobjekte; die Schüler seines Seminariums sind gleichsam die Bäumchen seiner Pflanzschule. Da mir keine Vorlage zu dem Motiv bekannt ist, vermute ich, dass es sich um ein von Schnorr selbst entworfenes Motiv handelt. Dieses fällt auf, denn üblicherweise wurde in Kinderbibeln die biblische Erziehung des kleinen Timotheus durch Mutter und Großmutter (2 Tim 1,5) visualisiert.

Abb. 4:    Schnorr AT 149

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5.    Kinder als Hilfsbedürftige Wunderbare Speisung des Volkes (Joh 6, 1–15)

Abb. 5:    Schnorr NT 193

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Wahrscheinlich ließ sich Schnorr von dem italienischen Barockmaler Giovanni Lanfranco (1582 in Parma – 1647 in Rom) anregen. Auf beiden Bildern wimmelt es von Akteuren, unter ihnen auch viele Kinder, die der Fürsorge und Hilfe bedürfen. Diese Kinderfiguren kommen nicht in der Bibel vor, sondern sind e silentio erfunden: Unter fünftausend Menschen, so die Überlegung, müssen doch auch Kinder dabei gewesen sein. Wie könnte es bei dem Speisungswunder, bei dem fünftausend Menschen von fünf Gerstenbroten und zwei Fischen satt geworden sein sollen, anders gewesen sein? Die aufrechte Haltung Jesu mit dem vorgestreckten rechten Arm und dem Brotkorb im Bildmittelpunkt ist bei Lanfranco und Schnorr nahezu identisch. Dasselbe gilt für die beiden Mütter mit ihren ← 208 | 209 Kindern im Vordergrund sowie für die Jünger links im Hintergrund und die große Volksmenge rechts im Hintergrund. Die quadratische Form des Nimbus Jesu bei Schnorr erinnert an Dürer und andere Beispiele aus der Renaissance-Malerei.

6.    Zuwendung Jesus segnet die Kinder

Abb. 6:    Schnorr NT 203

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Julius Schnorr von Carolsfeld zitiert auf seinem Holzstich: „Jesus ruft die Kindlein zu sich“ ein Motiv von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553): „Christus segnet die Kinder“. Vor Cranach waren Bilder, die Jesus als Kinderfreund zeigten, nahezu unbekannt. Cranach selbst hat das beliebte Motiv seit Ende der 1520er Jahre über dreißig Mal gemalt – allerdings weniger aus künstlerischem Interesse als wegen ← 209 | 210 seiner Auseinandersetzung mit den Täufern, die die Taufe insgesamt und daher auch Kindertaufe kategorisch ablehnten. Dagegen fand das Kinderevangelium in Luthers Taufbüchlein (1526) einen zentralen Ort.

Abb. 7:    Christus segnet die Kinder (Öl auf Holz, um 1531/ 1540) mit Monogramm von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553) im Ostchor der Ev.-Luth- St. Anna-Kirche, Augsburg.

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Schnorrs Holzstich lehnt sich in der Komposition an Cranachs Werkgruppe an, wenn er die unzufriedenen, misstrauischen Jünger in den Hintergrund links oben stellt und Christus als Kinderfreund in den Bildmittelpunkt, umringt von vielen jungen Müttern mit ihren großen und kleinen Kindern sowie mit Säuglingen. Während Jesus – bei Cranach – ohne Nimbus einen Säugling auf dem Arm trägt, beugt er sich bei Schnorr zu einem kleinen Mädchen hinab, um es zu segnen. Bei beiden Künstlern sind nur brave, gepflegte, gleichsam Idealkinder zu sehen. Schnorrs Bild ist bewegter als Cranachs, denn alles strebt dem Mittelpunkt zu, den segnenden Händen Jesu als Kinderfreund. Cranachs Bild dagegen zeugt von Enkulturation der biblischen Szenen in ein bürgerlich-höfisches Milieu, was vor allem an der Kleidung der Frauen abzulesen ist. ← 210 | 211

Resümee

Ausgangspunkt dieses Essays ist die Beobachtung, dass sich auf etwa einem Drittel von Schnorrs Bildern, die er für das Werk Die Bibel in Bildern anfertigte, Kinderfiguren finden; zumeist sind es Bildzitate aus Kunstwerken der Renaissance und des Barock. In seiner Bildsprache lehnte sich Schnorr vielfach an die Meister der Renaissance mit der Betonung des Schönen und Idealen an. Nach ihren Impulsen schuf er sehr unterschiedliche Kinderfiguren, mit denen sich die jungen Betrachterinnen und Betrachter identifizieren sollten, durch die sie Gehorsam und Elternliebe, Mut und Tapferkeit, Dienstbereitschaft, Tugend und Werte, Geborgenheit, Fürsorglichkeit, menschliche Wärme und Mutterliebe anschaulich lernen konnten. Viele dieser Figuren wirken wenig individuell; die kindlichen Akteure treten in Gruppen auf und spiegeln die Teilhabe am Geschehen. Die Vielfalt der Kinderfiguren und ihrer Funktionen entspricht ungefähr dem, was die heutige Entwicklungspsychologie unter dem Thema ‚Identifikation mit Leitbildern‘ subsumiert. Sicherlich trugen diese vielen Identifikationsangebote nicht unerheblich zur Popularität der Bibel in Bildern bei.

In der Geschichte der Kinder- und Schulbibel sind unterschiedliche Identifikationsangebote für Kinder nachweisbar: In der Reformationszeit war es die Enkulturation der Bibel in europäisches Milieu (Abb. 7), später wurden die Kinder der Bibel betont und erfundene Kinderfiguren ergänzt (Abb. 1–6); erst seit Mitte der 1960er Jahre gelang dem niederländischen Kunsterzieher Kees de Kort eine Ikonographie für Kinder mit seiner biblischen Bilderbuchreihe Was uns die Bibel erzählt. Er lehnt sich an Kinderzeichnungen mit ihren Reihungen und an das Kindchenschema an, verzichtet jedoch auf Identifikationsfiguren. Beide – sowohl Schnorr als auch de Kort – haben mit viel Erfolg identitätsstiftende biblische Bilder für Kinder, aber auch für erwachsene Betrachter geschaffen.

Literaturverzeichnis

Corpus Cranach – Digitales Werkverzeichnis der Malerwerkstätten Cranach und ihrer Epigonen. – Online: http://cranach.ub.uni-heidelberg.de/wiki/index.php/CorpusCranach.

Hinz, Berthold: Lucas Cranach d. Ä. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl. 1993 (Rowohlts Monographien; 457).

Julius Schnorr von Carolsfeld. 1794–1872. Ausstellungen im Museum der bildenden Künste Leipzig … 1994 und in der Kunsthalle Bremen … 1994. Hrsg. von Herwig Guratzsch. Leipzig: Edition Leipzig 1994, 237–247. ← 211 | 212

Kelber, Wilhelm: Raphael von Urbino. Leben und Werk. 2. Aufl. Stuttgart: Verl. Urachhaus 1993.

Kort, Kees de: [26 biblische Bilderbücher in der Reihe:] Was uns die Bibel erzählt. Stuttgart: Württembergische Bibelanst. 1966 ff. – Das große Bibelbilderbuch. Alle Geschichten der Reihe „Was uns die Bibel erzählt“ in einem Band (Stuttgart: Dt. Bibelges. 1994) bietet alle 26 biblischen Bilderbücher in einem Band mit ausführlicherem Text.

Luther und die Folgen für die Kunst. Hamburger Kunsthalle … 1983/84. Hrsg. von Werner Hofmann. München: Prestel 1983.

Oerter, Rolf/Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 6., vollst. überarb. Aufl. Weinheim [u. a.]: Beltz, PVU 2008.

Reents, Christine/Melchior, Christoph: [Beitrag zu:] ‚Die Bibel in Bildern‘ von Julius Schnorr von Carolsfeld. In: Otto Brunken/Bettina Hurrelmann/Maria Michels-Kohlhage/Gisela Wilkending (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. [5:] Von 1850 bis 1900. Stuttgart: Metzler 2008, 770–778.

Reents, Christine/Melchior, Christoph: Die Geschichte der Kinder- und Schulbibel – evangelisch, katholisch, jüdisch. Göttingen: V & R Unipress 2011 (Arbeiten zur Religionspädagogik; 48).

Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Bd. 1–4. Freiburg im Breisgau [u. a.]: Herder 1973.

Schnorr von Carolsfeld, Julius: Die Bibel in Bildern. [240 Darstellungen, erfunden und auf Holz gezeichnet.] Leipzig: Wigand [1860].

Abbildungen

Abb. 1: Adams Familie: Adam und Eva nach der Verstoßung (1 Mose 3,19). – AT, Taf. 11 in: Julius Schnorr von Carolsfeld: Die Bibel in Bildern. Leipzig: Wigand [1852–1860]. – Exemplar: Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.

Abb. 2: Religion als Wertevermittlung: Moses empfängt die Gesetzestafeln (2 Mose 31,18). – AT, Taf. 54 in: Julius Schnorr von Carolsfeld: Die Bibel in Bildern. Leipzig: Wigand [1852–1860]. – Exemplar: Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.

Abb. 3: Jugendlicher Held: David überwindet Goliath im Zweikampf (1 Sam 17,50.51). – AT, Taf. 92 in: Julius Schnorr von Carolsfeld: Die Bibel in Bildern. Leipzig: Wigand [1852–1860]. – Exemplar: Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.

Abb. 4: Einem Erzieher zuhören: Lob guter Kinderzucht (Sir 30,1.2). – AT, Taf. 149 in: Julius Schnorr von Carolsfeld: Die Bibel in Bildern. Leipzig: Wigand [1852–1860]. – Exemplar: Universitätsbibliothek Frankfurt a. M. ← 212 | 213

Abb. 5: Kinder als Hilfsbedürftige: Wunderbare Speisung des Volks (Joh. 6, 1–15). – NT, Taf. 193 in: Julius Schnorr von Carolsfeld: Die Bibel in Bildern. Leipzig: Wigand [1852–1860]. – Exemplar: Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.

Abb. 6: Zuwendung: Jesus ruft die Kindlein zu sich (Mk 10, 13–16). – NT, Taf. 203 in: Julius Schnorr von Carolsfeld: Die Bibel in Bildern. Leipzig: Wigand [1852–1860]. – Exemplar: Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.

Abb. 7: Lucas Cranach d. Ä.: Christus segnet die Kinder – Öl auf Holz, um 1531/1540, Ostchor der Ev.-Luth. St. Anna-Kirche, Augsburg. – Aus: Günter Schuchardt: Lucas Cranach d. Ä. Orte der Begegnung. Leipzig: Kranichborn-Verl. 1994, 105. ← 213 | 214 ← 214 | 215 →