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Individuierungsverlauf eines Rechtsextremisten

Rekonstruktion der objektiven Lebensdaten von Uwe Böhnhardt

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Heike Würstl

Die Autorin geht in dieser Arbeit der Fragestellung nach, wie aus Uwe Böhnhardt, einem der Kernmitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), ein rechtsextremistischer Gewalttäter wurde. Sie interpretiert seine objektiven Lebensdaten unter Anwendung der Methode der objektiven Hermeneutik und rekonstruiert den Prozess seiner Subjektwerdung. Damit trägt sie einerseits zur Erforschung des Entstehungs- und Radikalisierungsprozesses des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) bei. Andererseits überprüft sie wissenschaftliche Theorien zum Individuierungsverlauf von Rechtsextremisten. Im Ergebnis zeigt sich, dass Böhnhardt erhebliche Sozialisationsdefizite aufweist, die ihm die Ablösung aus seiner Herkunftsfamilie erschweren und auf die er mit kriminellen Handlungen reagiert.
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Einleitung

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Im Jahr 2011 löste die Entdeckung des sogenannten Terrortrios Entsetzen aus. Schnell waren Ursachen für die Entstehung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ausgemacht: der staatlich verordnete Antifaschismus der DDR, die Erziehung zu autoritären Persönlichkeiten in der DDR, das Versagen der Sicherheitsbehörden usw. Heitmeyer konstatiert, dass in der öffentlichen Debatte die Entstehungs- und Radikalisierungsprozesse außer Blick geraten sind und stattdessen gesellschaftliche Selbstentlastung durch Abtrennung des Geschehens von der Gesellschaft stattfindet (vgl. Heitmeyer 2012: 22).

Ziel dieser Arbeit ist es, die von Heitmeyer benannte Lücke in der Erforschung des Entstehungsprozesses zu schmälern, indem das historische Gewordensein eines der Kernmitglieder des NSU rekonstruiert wird. Die Untersuchungsfrage lautet: Wie wurde aus Uwe Böhnhardt ein rechtsextremistischer Gewalttäter? Mit der Untersuchung wird einerseits ein konkretes praxisbezogenes Thema aufgegriffen und wissenschaftlich bearbeitet. Andererseits werden vorhandene wissenschaftliche Theorien überprüft, um einzelne Bestandteile gegebenenfalls zu falsifizieren oder zu präzisieren.

Theoretisches Fundament der Arbeit bildet die strukturale Soziologie von Ulrich Oevermann. Begriffe, die nicht weiter ausgeführt werden, sind im Kontext dieser wissenschaftlichen Position zu sehen. Der Zugang zum Phänomenbereich des Rechtsextremismus erfolgt über die Mikroebene. Im Fokus der Arbeit stehen die biografischen Entscheidungen eines einzelnen Individuums. Die Untersuchungsfrage soll durch die Rekonstruktion der objektiven Lebensdaten unter Anwendung der Methode der objektiven Hermeneutik beantwortet werden. Datengrundlage bilden Zeugenaussagen aus den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen zur Aufklärung des NSU-Geschehens sowie dem sogenannten NSU-Prozess in München. Vereinzelt wird auf journalistisch recherchierte und publizierte Daten zur...

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