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Individuierungsverlauf eines Rechtsextremisten

Rekonstruktion der objektiven Lebensdaten von Uwe Böhnhardt

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Heike Würstl

Die Autorin geht in dieser Arbeit der Fragestellung nach, wie aus Uwe Böhnhardt, einem der Kernmitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), ein rechtsextremistischer Gewalttäter wurde. Sie interpretiert seine objektiven Lebensdaten unter Anwendung der Methode der objektiven Hermeneutik und rekonstruiert den Prozess seiner Subjektwerdung. Damit trägt sie einerseits zur Erforschung des Entstehungs- und Radikalisierungsprozesses des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) bei. Andererseits überprüft sie wissenschaftliche Theorien zum Individuierungsverlauf von Rechtsextremisten. Im Ergebnis zeigt sich, dass Böhnhardt erhebliche Sozialisationsdefizite aufweist, die ihm die Ablösung aus seiner Herkunftsfamilie erschweren und auf die er mit kriminellen Handlungen reagiert.
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II Empirischer Teil

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1Forschungspraktisches Vorgehen

1.1Methoden- und Fallauswahl

Aufgrund des hier gewählten Individuierungskonzepts ist die Forschungsmethode in gewisser Weise bereits vorbestimmt. Eine Trennung zwischen objektiven Bedeutungen und ihrer subjektiven Repräsentanz und einen Zugang über die objektive Bedeutungsebene leistet aus dem Methodenarsenal der empirischen Sozialforschung nur die objektive Hermeneutik. Mit ihr lassen sich Subjektbildungsprozesse jenseits subjektiver Wahrnehmungen und Interpretationen erforschen, was mit alternativen Methoden der biografischen Forschung, wie beispielsweise dem Narrativen Interview oder der Grounded Theory nicht möglich wäre. Zudem würde zumindest das Narrative Interview Befragungsdaten voraussetzen, die wegen des Todes von Uwe Böhnhardt nicht erhoben werden können.

Da die hier vorliegende Publikation auf einer Masterarbeit beruht, für die es hinsichtlich des Textumfangs formale Vorgaben gibt, kann nur der Individuierungsverlauf eines der NSU-Mitglieder untersucht werden. Die Fallauswahl kann über das Kriterium des maximalen Kontrasts, einer maximalen Annäherung an einen Idealtyp oder des besonders Typischen erfolgen. Bezugspunkt ist zunächst der Forschungsstand, da es noch keine empirischen Untersuchungen zu den Individuierungsgeschichten der NSU-Mitglieder gibt. Von den zur Auswahl stehenden drei Fällen – bisher wird seitens der Sicherheitsbehörden von drei NSU-Mitgliedern ausgegangen – stellt der Lebensverlauf von Beate Zschäpe einen besonders typischen Fall dar.17 Er bietet kaum Chancen bestehende Theorien zu ← 45 | 46 → falsifizieren, weshalb er wenig geeignet erscheint. Die Lebensgeschichte von Uwe Mundlos stellt in Bezug auf den Forschungsstand auf den ersten Blick einen kontrastierenden Fall dar und wäre daher für eine Fallanalyse gut geeignet.18...

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