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Robert Schumann / Adelbert von Chamisso: «Frauenliebe und -leben»

Interpretation und Analyse

Hans-Udo Kreuels

Hat Schumanns Liederzyklus in unserer heutigen Musikkultur noch eine Daseinsberechtigung? Sind wir heute, wo sich unser Frauenbild gegenüber dem Biedermeier geradezu umgekehrt hat, nicht dazu angehalten, uns mit demjenigen des 19. Jahrhunderts historisch vertraut zu machen? Nicht das Was, das faktische Geschehen im Lebensbogen von Frauenliebe und -leben, sondern das Wie, die Qualität persönlicher Hingabe, ist das psychosensitive Material, welches dem Gedichtzyklus und besonders der Musik Schumanns eine unvergleichliche Sonderstellung einräumt. Neue Forschungsergebnisse werfen ein ganz anderes Licht auf die innere Logik des Liederzyklus. Das Buch legt zudem eine faszinierende Verflechtung von Motivik, Submotivik, Ansätzen von Leitmotivik und einem Spiel mit multiplen Symmetrien offen, welche diese Einheit gewährleisten. Ist es die gegenüber anderen Liederzyklen unerreichte Prägnanz einer neunteiligen Liederfolge, oder ist es ihre unverwechselbare emotionale Aura, die den Hörer – trotz geistiger Vorbehalte – in den Bann zieht? Die musikalische Analyse gibt ebenso Antworten zu psychologischen Wechselwirkungen wie zu musikalischen Wirkungsweisen und Interpretationsansätzen.
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Äußere Begleitumstände der Entstehung des Liederzyklus

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Der Sommer 1840 ist Kulmination des tiefen Interessenkonflikts zwischen Robert, Clara und ihrem Vater Friedrich Wieck. Schumanns gerichtliche Klage gegenüber Friedrich Wieck wegen Verleumdung hatte nach peinlichen, zermürbenden Vorverhandlungen letztlich Erfolg. Friedrich Wieck erhielt 18 Tage Gefängnis. Seinem Ansuchen, die Ehe von Robert und Clara zu verhindern, wurde nicht stattgegeben. Am 7. Juli erfolgt der Eintrag Schumanns ins Tagebuch: „Juchhe! Victoria!“. Bereits am 11. Juli skizziert er die ersten fünf Lieder des Zyklus Frauenliebe und -leben, am 12. Juli die restlichen drei. Die weitere Ausarbeitung erfolgte wohl im August.

Die Hochzeit mit Clara und das Beziehen der gemeinsamen Wohnung sollten sich bis September 1840 hinziehen.

Es ist nicht oft in Schumanns Schaffen, dass ein schöpferischer Vorgang direkt durch äußere Lebensumstände in Gang gesetzt wird. Aber die problematische Situation war noch nicht gelöst, nur ein Großteil von der seelischen Verkrampfung und andauernden Depression gewichen. Schumann hat in seinem Leben immer bewiesen, dass ihm in schwierigsten Phasen psychischer Beeinträchtigung eine „kreative Bewältigungsstrategie“ (gemäß Udo Rauchfleisch) geholfen hatte, über die Runden zu kommen. Genau das setzt zu Beginn des Jahres 1840 eruptiv ein und lässt Schumanns so genanntes Liederjahr entstehen. Den Anfang macht die Liedersammlung Myrthen op.25, Schumanns Brautgeschenk an Clara, die erste große Liederfolge, welche im Zeitraum Januar bis April 1840, der schlechthin am meisten bedrückenden und seelisch konfrontierenden Zeitphase, verursacht durch die Verleumdungsklage Friedrich Wiecks, aus Schumanns Feder fließt. Da hinein f...

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