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Robert Schumann / Adelbert von Chamisso: «Frauenliebe und -leben»

Interpretation und Analyse

Hans-Udo Kreuels

Hat Schumanns Liederzyklus in unserer heutigen Musikkultur noch eine Daseinsberechtigung? Sind wir heute, wo sich unser Frauenbild gegenüber dem Biedermeier geradezu umgekehrt hat, nicht dazu angehalten, uns mit demjenigen des 19. Jahrhunderts historisch vertraut zu machen? Nicht das Was, das faktische Geschehen im Lebensbogen von Frauenliebe und -leben, sondern das Wie, die Qualität persönlicher Hingabe, ist das psychosensitive Material, welches dem Gedichtzyklus und besonders der Musik Schumanns eine unvergleichliche Sonderstellung einräumt. Neue Forschungsergebnisse werfen ein ganz anderes Licht auf die innere Logik des Liederzyklus. Das Buch legt zudem eine faszinierende Verflechtung von Motivik, Submotivik, Ansätzen von Leitmotivik und einem Spiel mit multiplen Symmetrien offen, welche diese Einheit gewährleisten. Ist es die gegenüber anderen Liederzyklen unerreichte Prägnanz einer neunteiligen Liederfolge, oder ist es ihre unverwechselbare emotionale Aura, die den Hörer – trotz geistiger Vorbehalte – in den Bann zieht? Die musikalische Analyse gibt ebenso Antworten zu psychologischen Wechselwirkungen wie zu musikalischen Wirkungsweisen und Interpretationsansätzen.
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Schumanns Empfänglichkeit für Chamissos Vorlage

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Schumanns weibliches Innenbild ist geprägt von der aus frühester Zeit stammenden mütterlichen Symbiose, d. h. auch in deren ganzer Ambivalenz, die von naiv gelebter Liebe und Umsorgung bis hin zu bedrohlicher Vereinnahmung reicht. Wir würden, was die in den Anfangsjahren erlebte Mutter-Sohn-Beziehung anbetrifft, heute sicher von Kindesmissbrauch sprechen. Dazu kommt die erschreckende Sorglosigkeit der Mutter Christiane, die ihr zweijähriges Kind für 1½ Jahre in fremde Hände gibt, was Roberts später auftretende, tief wurzelnde Trennungsängste mitverursacht oder geschürt haben wird. Bezeichnend für diese äußerst problematische Zuneigungsambivalenz seitens des Sohnes ist allein schon der Tatbestand, dass Robert der singenden, Musikbegeisterten Mutter nie in seinem Leben eine Komposition gewidmet hat!

Robert Schumann, der in dem geschilderten Stadium einer seelischen Druckminderung oder wirksamen Erleichterung (gemeint ist die Zeit unmittelbar nach dem Gerichtsentscheid), einer erst jetzt zugelassenen, vorehelichen Erwartung für die weibliche Psyche besonders empfänglich war, tat mit diesem Zyklus einen musikalisch-psychologischen und ganz und gar empathischen Blick in die Seelenlandschaft der Frau, wobei er vor allem aber etwas Entscheidendes über seinen in ihm tief verborgenen Wunsch nach symbiotischer Verschmelzung mit der Geliebten aussagte. Er, der durch amouröse Abenteuer und häufiges Anbändeln viele Kenntnisse vom anderen Geschlecht erhalten hatte, war sich seines Anspruchs wohl bewusst, optimale Nähe als auch ergebene Bewunderung erfahren zu wollen, genauso aber sich stets ohne Rechtfertigung abgrenzen zu können und Verständnis für den spontanen Rückzug voraussetzen zu...

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