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Robert Schumann / Adelbert von Chamisso: «Frauenliebe und -leben»

Interpretation und Analyse

Hans-Udo Kreuels

Hat Schumanns Liederzyklus in unserer heutigen Musikkultur noch eine Daseinsberechtigung? Sind wir heute, wo sich unser Frauenbild gegenüber dem Biedermeier geradezu umgekehrt hat, nicht dazu angehalten, uns mit demjenigen des 19. Jahrhunderts historisch vertraut zu machen? Nicht das Was, das faktische Geschehen im Lebensbogen von Frauenliebe und -leben, sondern das Wie, die Qualität persönlicher Hingabe, ist das psychosensitive Material, welches dem Gedichtzyklus und besonders der Musik Schumanns eine unvergleichliche Sonderstellung einräumt. Neue Forschungsergebnisse werfen ein ganz anderes Licht auf die innere Logik des Liederzyklus. Das Buch legt zudem eine faszinierende Verflechtung von Motivik, Submotivik, Ansätzen von Leitmotivik und einem Spiel mit multiplen Symmetrien offen, welche diese Einheit gewährleisten. Ist es die gegenüber anderen Liederzyklen unerreichte Prägnanz einer neunteiligen Liederfolge, oder ist es ihre unverwechselbare emotionale Aura, die den Hörer – trotz geistiger Vorbehalte – in den Bann zieht? Die musikalische Analyse gibt ebenso Antworten zu psychologischen Wechselwirkungen wie zu musikalischen Wirkungsweisen und Interpretationsansätzen.
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Elemente formaler Gestaltung im Liederzyklus Schumanns

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Die Lebensabschnitte des Frauenlebens fokussiert Schumann in drei Teilen, wobei diese drei Teile in Form einer Spirale sich immer mehr verdichten und konzentrieren. Fünf Lieder stehen für die Verliebte und die Verlobte.

Das 5. Lied Helft mir, ihr Schwestern erfüllt eine Doppelfunktion. Die positive Hochstimmung der jungen Frau – auf der Suche nach sich selbst – beendet eine eher unsichere Lebensphase. Das Lied schildert erst einmal das Ankommen im (so genannten) Hafen der Ehe. Und aus dem Blickwinkel der Zukunft, des Aufbruchs, nimmt der Hörer an der direkten Hochzeitsvorbereitung teil, mit welcher ein Heraustreten des Mädchens aus der Gemeinschaft der Freundinnen symbolisiert wird. Die folgenden beiden Lieder (Nr. 6 und 7), oder besser 2½ Lieder (einschließlich der 1.Hälfte des 8. Liedes Nun hast du mir den ersten Schmerz gethan) schildern den Stand der Ehefrau, deren Schwangerschaft, Kinderglück und Trauer über den Tod ihres Gatten. Auch hier wird – im Fortgang der Zeit – das letzte Lied des Liederzyklus’ zerteilt und mit einer Doppelfunktion ausgestattet. Vielleicht ist gerade das Schumanns geniale Idee, dass es ihm gelungen ist, an den schneidenden, spontan hineinfahrenden Schmerz des 8. Liedes eine Art Lebens-rückschau der Frauenliebe anzuhängen, und diese nochmals kurz und prägnant zu fokussieren. Die einschneidende Zäsur am Liedanfang, aufgrund derer das Lied mehr und mehr „förmlich“ auseinanderbricht, führt in der Liedmitte zum Homogenitätsbruch (der ja den Umständen des Lebens abgehorcht ist!), und zu einem seelischen Vakuum, aus dem heraus die...

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