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Einfluss nicht-marktlicher Tätigkeiten auf den materiellen Wohlstand und die Einkommensverteilung in Deutschland

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Sandra Hofmann

Welchen Einfluss haben nicht-marktliche Tätigkeiten wie Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt auf den materiellen Wohlstand und die personelle Einkommensverteilung in Deutschland? Die Autorin widmet sich dieser zentralen sozialpolitischen Fragestellung, indem sie sowohl den zeitlichen als auch den monetären Umfang dieser drei nicht-marktlichen Tätigkeiten bestimmt. Ergänzend analysiert sie diese in Abhängigkeit von soziodemographischen Merkmalen wie dem Geschlecht, Alter oder Haushaltstyp. Neu ist dabei die systematische Erfassung und Bewertung der Arbeitsleistung, die zur Erbringung dieser Tätigkeiten erforderlich ist, sowie deren Einfluss auf den materiellen Wohlstand und die personelle Einkommensverteilung.
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4 Herleitung eine Indikators zur materiellen Wohlstandsmessung unter Berücksichtigung von verteilungsrelevanten Aspekten

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4 Herleitung eine Indikators zur materiellen Wohlstandsmessung unter Berücksichtigung von verteilungsrelevanten Aspekten

Oftmals wird das BIP als Wohlstandsmaß herangezogen, auch wenn es für solche Aussagen ursprünglich nicht konzipiert war. Daher wurden in Kapitel 2 verschiedene Initiativen und Konzepte vorgestellt, die Ansätze zur verbesserten Wohlstandsmessung durch Ergänzungen oder Modifikationen des BIPs aufzeigen. Mit dem Arbeits-BIP und dem NWI wurden zwei Konzepte vorgestellt, die zwar einige Teilaspekte bei der materiellen Wohlstandsmessung, aber keine Verteilungswirkungen berücksichtigen. Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, dass es aktuell keinen Indikator gibt, der Aussagen zum materiellen Wohlstand und gleichzeitig zur Verteilung des Wohlstandes ermöglicht.

Als zentrale Größe des materiellen Wohlstandes konnte die Arbeitsleistung und das damit verbundene verfügbare Einkommen identifiziert werden. Im vorherigen Kapitel konnte zudem gezeigt werden, dass insbesondere die drei Komponenten

 Schwarzarbeit

 Haushaltsproduktion

 Ehrenamt

den materiellen Wohlstand beeinflussen, wenngleich diese bisher nicht systematisch erfasst und bewertet werden. Des Weiteren werden die Verteilungseffekte des materiellen Wohlstandes auf der Haushaltsebene nicht berücksichtigt.

Zur Beantwortung der zentralen Fragestellung dieser Arbeit wird im Folgenden ein Indikator modelliert, der zum einen die nicht-marktlichen Tätigkeiten, die einen Einfluss auf den materiellen Wohlstand haben, erfasst und quantifiziert. Zum anderen kann er die Verteilungseffekte des damit verbundenen Einkommens aufzeigen. Ausgehend von den zusätzlichen Fragen,

 Welche theoretischen Grundlagen und welche Daten sind für die Modellierung eines solchen Indikators nötig?

 Welche sozioökonomischen Dimensionen sollten vorliegen, um verteilungsrelevante Aussagen zum materiellen Wohlstand ableiten zu können?

die zur Operationalisierung im vorherigen Kapitel abgeleitet wurden, werden die notwendigen Datenbasen und das allgemeine Vorgehen bei der Konzeption vorgestellt. Anschließend erfolgt die empirische Umsetzung eines Indikators zur materiellen Wohlstands- und Verteilungsmessung. ← 65 | 66 →

4.1 Abgrenzung und Begründung der Datenauswahl

Die Ausführungen zu den Determinanten zur materiellen Wohlstandsmessung haben gezeigt, dass es unterschiedliche Ansätze zur Erfassungen und Bewertung der Arbeitsleistung besonders im Bereich der nicht-marktlichen Tätigkeiten gibt. Als Gemeinsamkeit konnte die Aufteilung der zur Verfügung stehenden Zeit der privaten Haushalte für marktliche Tätigkeiten und damit über die amtlichen Statistiken erfassbare Erwerbsarbeit und für den Zeitaufwand nicht-marktlicher Tätigkeiten abgeleitet werden. Des Weiteren wurde deutlich, dass neben einer zeitlichen zudem eine monetäre Komponente erforderlich ist, um den ökonomischen bzw. materiellen Wert dieser nicht-marktlichen Tätigkeiten zu ermitteln. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen werden im Folgenden

 Daten zur zeitlichen Abgrenzung und Erfassung der Arbeitsleistung und

 Daten und Bewertungsansätze zur monetären Entlohnung der Arbeitsleistung

der drei Teilkomponenten Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt vorgestellt.

4.1.1 Zeitverwendungsdaten zur Erfassung nicht-marktlicher Tätigkeiten

Die quantitative Bestimmung der nicht-marktlichen (Haushaltsproduktion und Ehrenamt) bzw. marktlichen, aber nicht legalen, (Schwarzarbeit) Tätigkeiten kann – aus den in den vorherigen Kapiteln angeführten Gründen – nicht über die Berechnungen des BIPs erfolgen. Eine entsprechende Erfassung in den amtlichen Statistiken liegt nicht vor. Es muss daher auf sozioökonomische Sekundärstatistiken zurückgegriffen werden, die – im Idealfall – Erwerbs-, Einkommens- und Zeitformen wiedergeben. Um die notwendigen Informationen erhalten und abschätzen zu können, wird in der Literatur häufig auf repräsentative Haushaltsbefragungen zurückgegriffen. Diese geben die individuellen Einschätzungen der befragten Haushalte wieder und werden anschließend auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Somit sind theoretisch Haushaltsbefragungen geeignet, die entweder direkte Angaben zu nicht-marktlichen Tätigkeiten liefern oder aber die Zeitverwendungen der Haushalte nach verschiedenen Tätigkeiten und Aktivitäten zur Verfügung stellen.212 Prinzipiell wird unter diesen Prämissen oftmals ← 66 | 67 → auf die Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP)213 oder der Zeitbudgeterhebung zurückgegriffen. Die Zeitbudgeterhebung erlaubt im Gegensatz zum SOEP jedoch spezifische Aussagen zur Zeitverwendung der privaten Haushalte:

Time-use statistics offer a unique tool for exploring a wide range of policy concerns including social change; division of labour; allocation of time for household work; the estimation of the value of household production; transportation; leisure and recreation; pension plans; and health-care programs, among others.“214

Die Zeitbudgeterhebung ist, auch international, eine wichtige Datenbasis zur Analyse von Arbeits- und Lebensverhältnissen.215 Die Europäische Kommission gibt für das Erhebungsdesign entsprechende Richtlinien vor, die eine Harmonisierung und Vergleichbarkeit der Ergebnisse auf internationaler Ebene ermöglichen. Dabei werden unter anderem die Einteilung der Altersklassen, die Einbeziehung der Haushaltstypen und die Codierungsvariablen für die Tätigkeiten vorgegeben.216

In Deutschland wurden bereits zwei Befragungswellen in den Jahren 1991/1992 und 2001/2002 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche durchgeführt, die Feldphase der dritten Welle ist abgeschlossen.217 Die Forderungen nach einer regelmäßigen Zeitbudgeterhebung bestehen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.218

Die Intention ist, die Zeitstruktur der privaten Haushalte in Deutschland zu erfassen. Es sollten disziplinübergreifend Aussagen über das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen oder die Aufteilung der Zeit für Erwerbsarbeit, Bildung, Freizeit, Tätigkeiten im Bereich des Haushalts oder ehrenamtlicher Tätigkeiten gewonnen werden.219 ← 67 | 68 →

Die Zeitbudgeterhebung stellt den Faktor Zeit in den Fokus – im Unterschied zu anderen Erhebungsformen bzw. Statistiken, die die Zeitkomponente lediglich als Zuordnungspunkt für verschiedene Variablen heranziehen.220 Somit kann die Zeit als Summe aus regulärer marktlicher Arbeitszeit und aus der Zeit für andere vor allem nicht-marktliche Tätigkeiten als das zentrale Element individuellen Handelns gesehen werden (siehe Kap. 3.1). Die vielschichtigen Aufteilungsmöglichkeiten der beiden Zeitkomponenten können durch die Zeitbudgeterhebung evaluiert werden. Des Weiteren konnte bereits gezeigt werden, dass in der Literatur die Zeitbudgeterhebung ein wichtiges Instrument zur Beschreibung der nicht-marktlichen Tätigkeiten vor allem im Bereich der Haushaltsproduktion darstellt (siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel 3.2). Es besteht die Möglichkeit die „unbezahlten Leistungen der Haushalte, die nicht in der Wirtschaftsberichterstattung“ berücksichtigt werden, aufzugreifen.221 In den folgenden Ausführungen wird daher die Struktur der Zeitbudgeterhebung kurz charakterisiert und in den Kontext der vorliegenden Arbeit zur zeitlichen Erfassung der drei ergänzenden wohlstandsrelevanten Teilkomponenten gestellt.

Die Zeitbudgeterhebung aus dem Jahr 2001/2002222 erfasst über eine repräsentative Erhebung mittels Tagebucheinträgen bei 5.400 privaten Haushalten die aufgewandte Zeit für bestimmte Tätigkeiten. Diese werden über 10 Hauptkategorien und in 272 Einzelaktivitäten bei den Haushaltsmitgliedern ab 10 Jahren über Tagebucheinträge erfasst. Darüber hinaus werden über einen Haushaltsfragebogen die Zusammensetzung des Haushaltes, die Wohnsituation, aber auch zusätzliche Informationen wie etwa erhaltene Hilfeleistungen etc. erfragt.223 Somit können die Haushalte und teilnehmenden Personen bei der Auswertung der Daten näher spezifiziert und klassifiziert werden. Die Stichprobenauswahl der beteiligten Personen bzw. Haushalte erfolgt über ein Quotenverfahren. Dieses Vorgehen wurde einem Zufallsverfahren vorgezogen, da die Differenzierung und Auswertung nach Haushaltstypen im Fokus der Zeitbudgeterhebung stehen sollte.224 Beim Quotenverfahren können im Vergleich zur zufallsgesteuerten Stichprobe subjektive Einflussmöglichkeiten nicht ausgeschlossen werden. Allerdings kann es methodisch ← 68 | 69 → einfacher umgesetzt werden und unterstützt die angestrebte Aussagekraft der Ergebnisse nach bestimmten Haushaltsgruppen.225 Durch die überproportionale Berücksichtigung von kleineren Haushaltstypen in Relation zur Grundgesamtheit, kann die Aufteilung nach Haushaltstypen gewährleistet werden. Darüber hinaus wurden die befragten Haushalte proportional zur Anzahl der Haushalte in den Bundesländern verteilt.226 Die Hochrechnung der Daten erfolgt über den Mikrozensus des Jahres 1999, sodass alle Privathaushalte mit Hauptwohnsitz in Deutschland, d.h. inländische und ausländische Bevölkerung, abgebildet werden können.227 Die Zeitbudgeterhebung stellt somit eine repräsentative Erhebung für die Gesamtheit aller privaten Haushalte in Deutschland dar.

Ziel der Erhebung ist es, einen detaillierten Tages- bzw. Zeitablauf der deutschen Bevölkerung zu eruieren und mit Hilfe der abgefragten Aktivitäten zu kategorisieren. Es werden daher sowohl berufliche als auch private Aktivitäten in den privaten Haushalten abgefragt. Die Tätigkeiten werden dabei von den Befragten selbst ausgeführt. Allerdings sind auch Aktivitäten enthalten, die prinzipiell von einer dritten Person – ggf. gegen Bezahlung – ausgeführt werden könnten und somit den Tatbestand des Dritt-Personen-Kriteriums erfüllen (vgl. Kapitel 3.2).

Die Erfassung der Tätigkeiten erfolgt über individuelle Tagebucheinträge, die alle Mitglieder der teilnehmenden Haushalte, die das zehnte Lebensjahr vollendet hatten, führten. Dieses Erhebungsinstrument wurde gewählt um systematische Verzerrungen bei der Befragung zu reduzieren bzw. zu minimieren.228 Um ein frühzeitiges Abbrechen der Teilnahme zu verhindern, wurde den Teilnehmern lediglich an zwei Wochentagen sowie an einem Samstag bzw. Sonntag die Aufgabe gestellt, ihren typischen Tagesablauf schriftlich festzuhalten. Die Befragten sollten ihre Tätigkeiten in eigenen Worten schildern und in einen 10-Minuten-Rhythmus einteilen. Die dadurch entstehende Clusterbildung der Tätigkeiten ermöglicht eine modale Gliederung des Tages. In diesem modalen Tagesablauf werden somit die am häufigsten ausgeübten Tätigkeiten zu jedem Zeitpunkt abgebildet, sodass dieser als repräsentativ angenommen werden kann. Allerdings spiegelt er keinen realen Tagesablauf wider.229 Die Tagesabläufe der Haushalte sind neben den Wochentagen auch von saisonalen bzw. klimatischen Gegebenheiten beeinflusst. Der Befragungszeitraum betrug daher ein Kalenderjahr ← 69 | 70 → und erstreckte sich von April 2001 bis März 2002. Der Stichprobenumfang wurde dementsprechend gleichmäßig auf diesen Zeitraum verteilt, sodass saisonale Schwankungen eliminiert werden konnten.230 Die daraus resultierenden Tageswerte können als Durchschnittswerte betrachtet werden, die sich zur Extrapolation der Daten auf ein Kalenderjahr eignen. Den Teilnehmern wurde außer der Einteilung der Tätigkeiten in den 10-Minuten-Rhythmus keine Vorgabe zur Aktivitäteneinteilung gegeben. Damit konnte eine induzierte stereotypische Ausfüllung des Tagesbuchs verhindert werden.231 Bei der Auswertung der Tagebucheinträge mussten die beschriebenen Abläufe anschließend mit Hilfe einer Aktivitätenliste, die über 230 Einzelaktivitäten erfasst, vereinheitlicht, in ein dreistelliges System codiert und in zehn verschiedenen Kategorien aggregiert werden.232 Dadurch ergibt sich folgende Struktur der Aktivitätenliste, die den zeitlichen Tagesablauf der Haushalte determiniert:233

0 Persönlicher Bereich/Physiologische Regeneration

1 Erwerbstätigkeit

2 Qualifikation/Bildung

3 Haushaltsführung und Betreuung der Familie

4 Ehrenamtliche Tätigkeiten, Freiwilligenarbeit

5 Soziales Leben und Unterhaltung

6 Teilnahme an sportlichen Aktivitäten

7 Hobby und Spiele

8 Massenmedien

9 Wegzeiten und unbestimmte Zeitverwendung

Diese zehn Hauptkategorien werden durch zwei- bzw. dreistellige Unteraktivitäten ergänzt, die die Tätigkeiten in den Bereichen konkretisieren. So werden beispielsweise unter der Kategorie 3 „Haushaltsführung und Betreuung der Familie“ Tätigkeiten wie „Zubereitung von Mahlzeiten“ oder „Instandhaltung von Haus und Wohnung“ subsummiert.234 Die Aufzählung verdeutlicht, dass – außer Tätigkeiten in der Kategorie 1 – alle Aktivitäten in den Bereich der Nicht-Erwerbstätigkeit fallen und damit prinzipiell zur Erfassung der nicht-marktlichen Tätigkeiten herangezogen werden können. Zur Beantwortung der Forschungsfrage gilt das Hauptaugenmerk der Erfassung der nicht-marktlichen Arbeitsleistung, die sich ← 70 | 71 → über das Dritt-Personen-Kriterium abgrenzen lässt. Daher werden im weiteren Verlauf der Arbeit die Aktivitäten der Kategorien 3 und 4 zur Bewertung der nicht-marktlichen Tätigkeiten herangezogen. Die genaue Einbindung der Daten in die Modellstruktur wird in den Kapiteln 4.3 bis 4.5 beschrieben.

Die Aktivitäten der Zeitverwendung werden sowohl nach Altersgruppen als auch nach Haushaltstypen und Geschlecht differenziert ausgewiesen. Folgende Abgrenzungen bei den Merkmalen „Alter“ und „Haushaltstyp“ sind in den Daten vorhanden:235

Abbildung 4-1: Differenzierungsmöglichkeiten der Daten nach Alter und Haushaltstyp

Illustration

Quelle: Eigene Darstellung; ZBE (2001/2002). ← 71 | 72 →

Die Angaben der befragten Haushalte werden in fünf verschiedene Altersgruppen differenziert, die gleichzeitig auch den Altersrahmen der Befragten beinhalten. Darüber hinaus werden die Daten in vier verschiedene Haushaltstypen unterteilt. Zusätzlich werden auch Gesamtergebnisse, d.h. ohne jedwede Merkmalsdifferenzierung, ausgewiesen. Es erfolgt zudem eine Auswertung der Daten mit kombinierten Merkmalen. In diesen Fällen ist der Haushaltstyp das übergeordnete Merkmal, das je Altersklasse nach Geschlecht differenziert wird. Bei diesem Gliederungsformat erfolgt jedoch keine explizite Ausweisung der Altersgruppe der 10-17-Jährigen. Entweder ist diese Gruppe in den Haushalte inkludiert oder aber in den Haushalten, beispielsweise bei zusammenlebenden Personen ohne Kinder, nicht vorhanden. Die Kombination der Ergebnisse bietet vielschichtige Analysen und Interpretationsmöglichkeiten, allerdings wird die Aussagekraft bzw. die Datenqualität – auch aufgrund des Stichprobenumfangs – geringer. Zahlreiche Fachpublikationen werten daher die Daten hinsichtlich ausgewählter Einzelmerkmale und spezifische Tätigkeiten aus.236 Ausgehend von den verschiedenen Merkmalen der Zeitbudgeterhebung ergeben sich durchschnittliche Pro-Kopf-Ergebnisse für die Zeitverwendung der einzelnen Tätigkeiten. Allerdings impliziert das Erhebungsdesign der Zeitbudgeterhebung als Quotenstichprobe des Mikrozensus eine Hochrechnung der Daten auf die Gesamtbevölkerung in den privaten Haushalten. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird der Fokus auch auf die einzelnen Merkmale Geschlecht, Alter und Haushaltstyp und deren Einfluss auf die materiellen Wohlstands- und Verteilungseffekte bei der Modellkonzeption gelegt. An dieser Stelle muss jedoch betont werden, dass hinsichtlich der Datenaktualität Einschränkungen vorliegen, da sich die vorliegenden Daten auf die Zeitverwendung aus den Jahren 2001/2002 beziehen. Dies muss vor allem bei der Ergebnisauswertung und Diskussion berücksichtigt werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Zeitbudgeterhebung eine Abgrenzung der Zeit für marktliche und nicht-marktliche Tätigkeiten ermöglicht und daher als Basis für die Bewertung und Quantifizierung eines Indikators zur materiellen Wohlstands- und Verteilungsmessung herangezogen werden kann. Darüber hinaus bildet die sozioökonomische Differenzierung nach Geschlecht, Alter und Haushaltstypen die Grundlage für eine mögliche personelle Einkommensverteilung des materiellen Wohlstandes der nicht-marktlichen Tätigkeiten. Die empirische Modellkonzeption auf Basis der Zeitbudgeterhebung ← 72 | 73 → sowie die notwendigen Annahmen und Anpassungen werden in den Kapiteln 4.3 bis 4.5 vorgestellt.

4.1.2 Daten zur monetären Bewertung von nicht-marktlichen Tätigkeiten

Die zeitliche Erfassung der Teilkomponenten Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt kann ausgehend von der Zeitbudgeterhebung erfolgen. Zur monetären Bewertung der drei Teilkomponenten, respektive der nicht-marktlichen Tätigkeiten, der damit einhergehenden Quantifizierung des materiellen Wohlstands und dessen Verteilung sind Daten zur Einkommenssituation und Entlohnungsstruktur von Berufen erforderlich. Darüber hinaus sind auch verschiedene Bewertungsansätze bei den Stundenlöhnen zur Entlohnung der nicht-marktlichen Tätigkeiten möglich, die im letzten Unterkapitel vorgestellt werden.

4.1.2.1 Einkommensdaten der marktlichen Tätigkeiten als Referenzgröße

Die Interdependenzen zwischen dem verfügbaren Einkommen und dem Faktor Arbeit wurden bereits im Zusammenhang mit dem materiellen Wohlstand einer Volkswirtschaft bzw. der privaten Haushalte diskutiert. Des Weiteren ermöglicht das Zusammenspiel der Daten aus der Zeitbudgeterhebung und aus dem Mikrozensus eine Hochrechnung der Ergebnisse. Die Daten können dabei sowohl auf die betrachtete Gesamtbevölkerung als auch Auswertungen auf Haushaltsebene extrapoliert und dabei nach soziodemographischen Merkmalen differenziert werden. Wie bereits in Kapitel 3.1.2 hergeleitet, bildet das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte im weiteren Verlauf der Arbeit die Referenzgröße für die möglichen wohlstands- und verteilungsrelevanten Aussagen hinsichtlich der drei Teilkomponenten. Ergänzend zu den bisherigen Ausführungen werden in diesem Abschnitt die empirischen Einkommensdaten entsprechend der benötigten sozioökonomischen Merkmale vorgestellt, die den Referenzwert bei der Modellierung des Indikators darstellen.

Das gesamtwirtschaftliche Einkommen der privaten Haushalte wird in der Fachserie 18 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen des Statistischen Bundesamtes ausgewiesen und beläuft sich für das Jahr 2010 auf ca. 1.580 Milliarden Euro.237 Darüber hinaus werden für die Ergebnisse auf Haushaltsebene die Einkommen der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe bzw. der laufenden Wirtschaftsrechnung herangezogen. ← 73 | 74 →

Wie bereits in Kapitel 3.1.2 beschrieben wurde im Jahr 2013 die letzte Erhebung der EVS durchgeführt, deren Ergebnisse jedoch noch nicht vollständig veröffentlicht sind. Die Daten der EVS aus dem Jahr 2008 sind somit die aktuell verfügbarsten. Ergänzend zur EVS wird jährlich eine Unterstichprobe gezogen.238 In der sogenannten laufenden Wirtschaftsrechnung (LWR) werden ebenfalls Informationen zu Einnahmen und Ausgaben der privaten Haushalte bereitgestellt. Die Auswertung hat zum Teil jedoch andere Schwerpunkte bzw. Differenzierungen, sodass im Rahmen dieser Arbeit auf beide Statistiken zurückgegriffen wird.

Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass bei der Modellkonzeption eine Differenzierung nach Geschlecht, Alter und Haushaltstyp berücksichtigt werden soll. Während in der LWR die monatlichen Haushaltsnettoeinkommen in Abhängigkeit von Alter und Haushaltstyps für das Jahr 2010 entnommen werden können, muss für die geschlechtsspezifischen Angaben auf die EVS 2008 zurückgegriffen werden. In nachstehender Tabelle sind die monatlichen Haushaltsnettoeinkommen der privaten Haushalte für das Jahr 2010 bzw. 2008 zusammengefasst.

Tabelle 4-1: Verfügbares Nettomonatseinkommen der privaten Haushalte nach sozioökonomischen Merkmalen differenziert239

 verfügbares Nettomonatseinkommen
in Euro
männlich3.426
weiblich2.146
 
15–29 Jahre2392.308
30–44 Jahre3.403
45–64 Jahre3.211
> 65 Jahre2.385
 
Alleinlebende1.784
zusammenlebende Paare ohne Kinder3.368
Alleinerziehende2.202
zusammenlebende Paare mit Kinder4.280

Quelle: Eigene Darstellung; Statistisches Bundesamt (2012b, c), S. 23. ← 74 | 75 →

Das verfügbare Einkommen der Frauen beträgt durchschnittlich nur ca. 63 Prozent des Einkommens der Männer. Dieser Wert unterstreicht die geschlechtsspezifischen Einkommensdiskrepanzen. Die Einkommenssituation in den einzelnen Altersgruppen verdeutlicht, dass der Gruppe der 30-44-Jährigen mit durchschnittlich 3.403 Euro das höchste monatliche Einkommen zur Verfügung steht. Zudem zeigt sich, dass die Einkommensdifferenzen zwischen den einzelnen Haushaltstypen – aufgrund der unterschiedlichen Haushaltszusammensetzungen – besonders ausgeprägt sind.

Die beiden Statistiken finden in der Sozial-, Steuer- und Familienpolitik sowie für die Armuts- und Reichtumsberichterstattung als ergänzende und unterstützende Datenbasis Verwendung. Im Kontext dieser Arbeit dienen die verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen als Referenzgröße für die wohlstands- und verteilungsrelevante Bewertung der drei Teilkomponenten Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt. Somit können die Auswirkungen der Teilkomponenten auf das verfügbare Einkommen im Haushaltskontext (Geschlecht, Alter, Haushaltstyp) analysiert werden (vgl. Kapitel 5).

4.1.2.2 Entlohnungsdaten für marktliche Tätigkeiten als Ausgangspunkt zur Bewertung nicht-marktlicher Tätigkeiten

Das beschriebene verfügbare Einkommen beinhaltet die Einkünfte der Arbeitsleistung, die über die regulären Märkte geleistet wird. Das (mögliche) Einkommen der nicht-marktlichen Tätigkeiten ist darin nicht enthalten, damit werden die Angaben zum verfügbaren Einkommen systematisch unterschätzt. Entweder kann das Einkommen über die amtlichen Statistiken nicht vollständig erfasst werden (Schwarzarbeit) oder es erfolgt keine Entlohnung dieser Tätigkeiten (Haushaltsproduktion und Ehrenamt). Die monetäre Quantifizierung der nicht-marktlichen Tätigkeiten bildet somit die Grundlage zur Beantwortung der zentralen Forschungsfrage dieser Arbeit, respektive für den Indikator, der wohlstands- und verteilungsbezogene Auswertungen ermöglichen soll.

Die obigen Ausführungen haben verdeutlicht, dass die Zeitbudgeterhebung und die daraus resultierenden Ergebnisse eine Möglichkeit bieten, nicht-marktlichen Tätigkeiten zeitlich zu quantifizieren.240 Um jedoch den Einfluss dieser Tätigkeiten auf den materiellen Wohlstand bewerten zu können, ist es darüber hinaus noch erforderlich, den zeitlichen Einsatz monetär zu bewerten. Die zeitliche Dimension wird bedingt durch die Daten der Zeitbudgeterhebung in ← 75 | 76 → Minuten- bzw. Stundenwerten ausgegeben. Des Weiteren konnte gezeigt werden, dass die Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung auch dem Dritt-Personen-Kriterium entsprechen und somit ein Matching der nicht-marktlichen Tätigkeiten mit marktlichen Tätigkeitsäquivalenten möglich ist.241 Basierend auf diesen Erkenntnissen ist die Verwendung von berufsspezifischen Stundenlohnsätzen zur Bewertung der Tätigkeiten möglich. Darüber hinaus sollten die Daten auch soziodemographische Merkmale wie das Geschlecht oder Alter aufweisen. In diesem Zusammenhang bieten die Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit242 sowie die Verdienststrukturerhebung243, die das Statistische Bundesamt zur Verfügung stellt, den geforderten Informations- und Detaillierungsgrad. Die beiden Statistiken werden im Folgenden kurz charakterisiert und deren Verwendung für die Modellierung des angestrebten Indikators evaluiert.

Die Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit erfasst alle sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigten im Rahmen des Meldeverfahrens zur Sozialversicherung. Somit stellt die Entgeltstatistik eine Vollerhebung dar, die im Jahr 2009 Entgeltangaben von ca. 27 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten umfasst.244 Die Erfassung der Entgeltangaben beinhaltet sowohl wirtschaftszweig- als auch berufsspezifische Bruttoarbeitsentgelte.245 Die Klassifizierung orientiert sich hierbei an der Wirtschaftszweigklassifizierung WZ 2008 sowie an der Klassifizierung der Berufe BKZ 88. Des Weiteren erfolgt eine Differenzierung nach soziodemographischen Merkmalen. Die Daten werden dabei als monatliche (Brutto-)Entgelte, nicht aber als Stundenlöhne für die einzelnen Berufen zur Verfügung gestellt.

Die zweite Möglichkeit, Entlohnungsdaten zu systematisieren, stellt die Verdienststrukturerhebung des Statistischen Bundesamtes dar. Im Gegensatz ← 76 | 77 → zur Entgeltstatistik wird hierbei eine repräsentative Stichprobe gezogen.246 Als Grundgesamtheit dienen hierfür Betriebe mit zehn oder mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, sodass der Stichprobenumfang ca. 1,9 Millionen Beschäftigte umfasst.247 Die Verdienststrukturdaten der Arbeitnehmer umfassen neben wirtschaftszweig- und berufsspezifischen (WZ 2008 und BKZ 1988) Angaben auch persönliche Angaben zu Geschlecht, Alter, Betriebszugehörigkeit, Ausbildungsart, usw. Es werden unter anderem Bruttomonatsverdienste, Bruttostundenverdienste und Arbeitszeiten der Arbeitnehmer ausgewiesen.248 Zur Ermittlung der Bruttojahresverdienste werden nur Beschäftigungsverhältnisse von Arbeitnehmern herangezogen, die mindestens 30 Wochen im Jahr beschäftigt waren.249 Die Angaben der Bruttostundenverdienste ergeben sich als Mittelwert über die individuellen Bruttostundenverdienste aller Beschäftigten – die erbrachten Arbeitsstunden werden hierbei nicht berücksichtigt. Im Gegensatz zur Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit wird die Verdienststrukturerhebung alle vier Jahre veröffentlicht. Die aktuellsten Daten liegen für das Jahr 2010 vor. Die ausgewiesenen Bruttomonatsverdienste beziehen sich hierbei auf Angaben aus dem Oktober 2010.

Die beiden Datenbasen sind grundsätzlich zur Entlohnung der nicht-marktlichen Tätigkeiten bzw. die zu identifizierenden Berufe geeignet. Zur Verknüpfung der Entlohnungsdaten mit den Angaben aus der Zeitbudgeterhebung wird im Folgenden jedoch die Verdienststrukturerhebung präferiert. Die Entlohnungsdaten weisen eine höhere Merkmalsdifferenzierung als die Daten der Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit aus. Konkret können durch die Verwendung der Verdienststrukturerhebung die ausgewiesenen nicht-marktlichen Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung mit Stundenlöhnen sowie in Abhängigkeit des Geschlechts bewertet werden. Somit ist es möglich den ökonomischen Wert der nicht-marktlichen Tätigkeiten analog zu den marktlichen Tätigkeiten zu bestimmen und zu vergleichen. ← 77 | 78 →

Ausgehend von den berufsspezifischen Stundenlöhnen der Verdienststrukturerhebung werden im Folgenden verschiedene Bewertungsansätze für nicht-marktliche Tätigkeiten vorgestellt.

4.1.2.3 Bewertungsansätze für Stundenlöhne bei nicht-marktlichen Tätigkeiten

Die eben beschriebenen Datensätze zu den berufsspezifischen Stundenlöhnen, auch in Abhängigkeit von sozioökonomischen Merkmalen, sind die notwendigen Bedingungen zur Monetarisierung nicht-marktlicher Tätigkeiten der drei Teilkomponenten Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt. Darüber hinaus sind ergänzende Informationen zur genauen Bewertung dieser Tätigkeiten notwendig. Bei der Abgrenzung der ergänzenden wohlstandsrelevanten Komponenten wurde bereits auf verschiedene Bewertungsansätze zur Bewertung der nicht-marktlichen Tätigkeiten hingewiesen. Dies bedeutet, dass bei der Modellierung der drei Teilkomponenten – ausgehend von den Stundenlöhnen – sowohl ein Stundenlohnkonzept (Netto- oder Bruttostundenlöhne) als auch ein Bewertungsansatz (Output- oder Inputmethode) gewählt werden muss.250 In diesem Kapitel werden die Möglichkeiten zur Bewertung der Stundenlöhne für nicht-marktliche Tätigkeiten aufgegriffen und näher ausgeführt. Anschließend werden die für diese Arbeit relevanten Konzepte abgeleitet.

Die Bestimmung der Stundenlöhne für die nicht-marktlichen Tätigkeiten ist zum einen von einem Stundenlohnkonzept abhängig. Zum anderen ist zu klären, von welchen Personen die Tätigkeiten ausgeführt werden und welche berufsspezifischen Stundenlohnsätze somit angewandt werden können (Bewertungsansatz).251

Bei der Wahl des Stundenlohnkonzepts kann zwischen Brutto- und Nettolöhnen differenziert werden. Die Entscheidung, ob die nicht-marktlichen Tätigkeiten durch Brutto- oder Nettolöhne entlohnt werden sollen, kann mithilfe des Dritt-Personen-Kriteriums getroffen werden. Der Substitutionsgedanke, der dieser Abgrenzung zugrunde liegt, würde direkt die Verwendung von Bruttolöhnen implizieren, da für die Ausführung der Tätigkeiten die Anstellung einer dritten Person nötig ist. Somit müssten auch Sozialversicherungsabgaben geleistet werden, die in den Bruttolöhnen enthalten sind. Allerdings werden die Tätigkeiten gerade im Bereich der Haushaltsproduktion und des Ehrenamtes unter anderen institutionellen Rahmenbedingungen ausgeführt. In der Realität ← 78 | 79 → werden hier von den Arbeitnehmern weder Steuern noch Sozialversicherungsbeiträge gezahlt, was einer Entlohnung nach Nettolöhnen entsprechen würde.252 Basierend auf den Ausführungen zur Abgrenzung der Haushaltsproduktion und des Ehrenamtes (vgl. Kapitel 3.2.2 und 3.2.3) werden die korrespondierenden Tätigkeiten in diesen Bereichen mit Nettostundenlöhnen bewertet. Hinsichtlich der Schwarzarbeit konnte gezeigt werden, dass diese unter der Prämisse, Steuern und Abgaben zu sparen, ausgeführt werden. Dies bedeutet, dass sich für die Schwarzarbeit für den Anbieter und Nachfrager im Vergleich zu einer regulären Beschäftigung „lohnen“ muss.253 Mögliche Motive können hierbei die Vermeidung von Sozialabgaben oder höhere Verdienstmöglichkeiten für den Anbieter der Schwarzarbeit sein.254 Im Fokus dieser Arbeit stehen die Arbeitsleitung bzw. die Personen, die die Arbeit ausführen, d.h. auch im Fall der Schwarzarbeit sind die möglichen Motive bzw. Verdienstmöglichkeiten des Anbieters entscheidend. Aus diesem Grund werden die Tätigkeiten der Teilkomponente Schwarzarbeit – im Gegensatz zu den anderen beiden Teilkomponenten – mit dem absolut höheren Bruttostundenlohn bewertet.

Neben der Wahl des generellen Stundenlohnkonzepts ist zur Ermittlung der Stundenlöhne für nicht-marktliche Tätigkeiten auch der Bewertungsansatz, der das Lohnniveau determiniert, zu bestimmen. In Abbildung 4-2 sind die verschiedenen Ansatzpunkte und Möglichkeiten bei den Bewertungsansätzen für nicht-marktliche Tätigkeiten zusammengefasst.255 ← 79 | 80 →

Abbildung 4-2: Bewertungsansätze für nicht-marktliche Tätigkeiten

Illustration

Quelle: Eigene Darstellung.

Es zeigt sich, dass es mit der Output- und der Inputmethode zwei Hauptrichtungen bei den Bewertungsansätzen gibt. Bei der outputorientierten Erfassung steht das Ergebnis der Haushaltsproduktion bzw. der nicht-marktlichen Tätigkeiten im Vordergrund, das gemessen und zu Marktpreisen bewertet wird. Im Gegensatz dazu geht die inputorientierte Erfassung vom Arbeitseinsatz aus, der mit den Tätigkeiten einhergeht.256 Hierbei kann zwischen dem Opportunitätskostenansatz und dem Marktkostenansatz unterschieden werden. Ersterer hebt auf die Qualifikation der Personen, die die Tätigkeiten ausführen, ab und nicht auf die Art der Tätigkeiten, die verrichtet werden. Der Wert der nicht-marktlichen Tätigkeiten orientiert sich somit an dem Lohnsatz, den die Haushaltsmitglieder bei ihrer regulären Erwerbsarbeit zur gleichen Zeit verdienen würden.257 Dieses Konzept kann bei unterschiedlichen Haushaltskonstellationen zu unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben führen. Dies bedeutet, dass gleiche nicht-marktliche Tätigkeiten von unterschiedlich ausgebildeten Personen unterschiedlich – gemäß ihrer Opportunitätskosten – bewertet werden. Bei einer Bewertung auf Basis des ← 80 | 81 → Marktkostenansatzes stehen wiederum das Dritt-Personen-Kriterium und die Arbeitsleistung, die mit den nicht-marktlichen Tätigkeiten einhergeht, im Vordergrund.258 Ausgehend von den bisherigen Ausführungen und der Fokussierung auf die Arbeitsleistung und den Zeiteinsatz, die bei der Messung und Bewertung der Schwarzarbeit, der Haushaltsproduktion und des Ehrenamtes zugrunde gelegt werden, ist für den weiteren Verlauf der inputorientierte Marktkostenansatz relevant. Das aus dem Marktkostenansatz resultierende Lohnniveau kann dabei nach der Spezialistenmethode, der Generalistenmethode oder durch die Bewertung mit Durchschnittslöhnen ermittelt werden:

 Spezialistenmethode: Die nicht-marktlichen Tätigkeiten werden gemäß dieser Abgrenzung von denjenigen ausgeführt, die sie auch am freien Markt machen würden. D.h. jeder Tätigkeit wird ein bestimmter Beruf zugewiesen und entsprechend entlohnt. Somit kann der Vielfältigkeit der nicht-marktlichen Tätigkeiten Rechnung getragen werden. Durch diesen Ansatz können die Tätigkeiten auf Makroebene gut bewertet werden. Auf Mikroebene kann die damit verbundene Substituierbarkeit der einzelnen Tätigkeiten nicht immer realisiert werden.259

 Generalistenmethode: Die Wahl dieses Ansatzes hat zur Folge, dass alle zu bewertenden Tätigkeiten durch eine Person erbracht werden können. Gerade im Bereich der Haushaltsproduktion spiegelt dieser Ansatz die tatsächlichen Bedingungen in privaten Haushalten wider. Es muss daher eine Berufsgruppe und der damit verbundene Lohnsatz gesucht werden, die möglichst viele Tätigkeiten abdecken kann (z.B.: Haushälterin). Allerdings werden durch diesen Ansatz verschiedene Tätigkeiten zusammengefasst. Dies wird jedoch der Vielschichtigkeit der nicht-marktlichen Tätigkeiten nicht immer gerecht.260

 Durchschnittslöhne: Der durchschnittliche Lohn aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wird als Lohnansatz für die zu bewertenden Tätigkeiten herangezogen. Der Ansatz ist zum Teil intuitiv nachvollziehbar, offenbart bei gewissen Annahmen jedoch Schwachstellen. Nicht alle am Markt erbrachten Tätigkeiten finden sich auch bei den nicht-marktlichen wieder, daher kann es zu Über- bzw. Unterschätzungen kommen. Des Weiteren kann der Ansatz der Mehrdimensionalität dieser Tätigkeiten nicht ganz gerecht werden. Allerdings entfällt bei diesem Ansatz die Bewertung und Zuordnung der einzelnen Tätigkeiten zu bestimmten Berufen.261 ← 81 | 82 →

Es konnte gezeigt werden, dass jede Bewertungsmethode – in Abhängigkeit der Tätigkeit und Aussagekraft – Vor- und Nachteile hat. Die bisherigen Ausführungen haben zudem verdeutlicht, dass die Arbeitsleistung und der damit verbundene ökonomische Wert der nicht-marktlichen Tätigkeiten ein zentraler Bestandteil der materiellen Wohlstandssituation darstellt. Wie in Kapitel 4.1.1 dargestellt können die nicht-marktlichen Tätigkeiten respektive der dafür investierte Zeitaufwand über die Zeitbudgeterhebung abgrenzt und quantifiziert werden. Die Verwendung der Zeitbudgetdaten ermöglicht zudem die Diversitäten der nicht-marktlichen Tätigkeiten und damit auch der drei Teilkomponenten Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt aufzuzeigen und gerecht zu werden. Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse werden die Lohnsätze der drei Teilkomponenten jeweils über die Spezialistenmethoden bestimmt.

Die empirische Umsetzung der beschriebenen Methoden und die zeitliche und monetäre Erfassung der Schwarzarbeit, der Haushaltsproduktion und des Ehrenamtes zur Modellierung des Indikators erfolgt in den kommenden Kapiteln.

4.2 Empirische Modellierung eines Indikators zur materiellen Wohlstands- und Verteilungsmessung

Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, dass auch nicht-marktliche Tätigkeiten und deren mögliches Einkommen einen Einfluss auf den materiellen Wohlstand einer Gesellschaft haben. Es konnte gezeigt werden, dass vor allem Tätigkeiten im Bereich der Schwarzarbeit, der Haushaltsproduktion und des Ehrenamtes in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle spielen. Allerdings wurde deren Einfluss auf den materiellen Wohlstand und damit einhergehende mögliche Verteilungseffekte bisher noch nicht umfassend und systematisch untersucht. Daher wird in den kommenden Kapiteln ein theoretischer Modellansatz mit empirischer Modellierung zur Erfassung und Monetarisierung von nicht-marktlichen Tätigkeiten dargestellt. Basierend auf den beschriebenen Datenquellen werden die bisher nicht systematisch erfassten Tätigkeiten im Bereich der Schwarzarbeit (SA), der Haushaltsproduktion (HP) und des Ehrenamtes (EA) mit Hilfe eines vergleichbaren und systematischen Vorgehens zeitlich quantifiziert und monetär bewertet. Anschließend sollen damit mögliche materielle Wohlstands- und Verteilungseffekte abgeleitet werden.

Die Fokussierung auf den Faktor Zeit ermöglicht eine quantitative (zeitlich und monetär) Messung der drei Teilkomponenten. Wie in Kapitel 3.2.1 dargelegt, bestehen bei der Erfassung der Schwarzarbeit große Herausforderungen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird jedoch versucht diesen auf Basis der Zeitbudgeterhebung in Kombination mit weiteren Sekundärstatistiken zu begegnen. ← 82 | 83 → Aufgrund der Datendifferenzierung und möglichen Aussagekraft wird bei der Modellierung auf die Zeitbudgeterhebung zurückgegriffen.

Bei der Modellkonzeption wird ausgehend von den sozioökonomischen Merkmalen der Zeitbudgeterhebung zudem zwischen folgenden Berechnungsvarianten, die die Grundlage für die Bewertung der Verteilungseffekte liefern, unterschieden:

 Basisvariante (ohne sozioökomische Merkmalsdifferenzierung)

 Geschlechtsspezifische Variante

 Altersspezifische Variante

 Haushaltstypspezifische Variante

Die Modellierung der Teilkomponenten kann mit Hilfe eines dreistufigen Verfahrens, das für jede Teilkomponente durchlaufen werden muss, beschrieben werden. In nachfolgender Abbildung sind diese Phasen schematisch dargestellt.

Abbildung 4-3: Schematisches Vorgehen der Modellkonzeption – Drei-Stufen-Schema

Illustration

Quelle: Eigene Darstellung.

In der ersten Stufe müssen die repräsentativen Tätigkeiten für die drei Teilkomponenten auf Basis der Zeitbudgeterhebung bestimmt und abgegrenzt werden. In Anlehnung an Schäfer262 sowie Sesselmeier/Ostwald263 sind die relevanten ← 83 | 84 → Tätigkeiten im Bereich der Haushaltsführung, der Pflege und Betreuung, der ehrenamtlichen Tätigkeiten, aber auch im Bereich der Haupt- und Nebenerwerbstätigkeiten zu finden. Bei der Beschreibung der Zeitbudgeterhebung wurde gezeigt, dass unter den Aktivitätengruppen weitere Tätigkeiten subsummiert sind. In folgender Tabelle ist das vorgenommene Matching dieser Bereiche zu den drei Teilkomponenten dargestellt.

Tabelle 4-2: Matching Aktivitätengruppen der ZBE mit den drei Teilkomponenten

Aktivitätengruppen ZBEZuordnung zu drei Teilkomponenten
Haushaltsführung (H)Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion
Pflege und Betreuung (P)Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion
Ehrenamtliche Tätigkeiten (E)Ehrenamt
Informelle Hilfe (I)Schwarzarbeit, Ehrenamt
Haupterwerbstätigkeit (HE)Schwarzarbeit
Nebenerwerbstätigkeit (NE)Schwarzarbeit

Quelle: Eigene Darstellung.

Bei der Modellkonzeption wird angenommen, dass sich die Ausführung der Tätigkeiten in den sechs identifizierten Aktivitätengruppen auf die drei Teilkomponenten aufteilt. Es gilt somit, dass beispielsweise die relevanten Tätigkeiten in der Haushaltsführung sowohl in den Bereich der Schwarzarbeit als auch in den Bereich der Haushaltsproduktion fallen. Im Gegensatz dazu werden die ehrenamtlichen Tätigkeiten komplett der Teilkomponente Ehrenamt zugewiesen. Eine Besonderheit stellt die Zuteilung der Teilkomponente Schwarzarbeit zur Haupt- und Nebenerwerbstätigkeit dar. Hierbei wird angenommen, dass zum einen auch Erwerbstätige schwarzarbeiten.264 Zum anderen, dass es auch während der regulären Arbeitszeit zu Schwarzarbeit kommt und dabei vor allem Tätigkeiten ausgeführt werden, die auch dem regulären Beruf entsprechen.265 Dies bedeutet, dass Tätigkeiten in der Haupt- und Nebenerwerbstätigkeit relevant bei der Modellierung der Teilkomponente Schwarzarbeit sind.266 Die konkrete zeitliche Abgrenzung der Tätigkeiten erfolgt dann in Stufe 2.

Zur Operationalisierung werden aus diesen Hauptaktivitäten jedoch nur bestimmte Tätigkeiten herangezogen und Berufen zugeordnet, die diesen Tätigkeiten entsprechen könnten. In nachstehender Tabelle ist die entsprechende Zuordnung ← 84 | 85 → wiedergegeben. Entsprechend den ausgewählten Tätigkeiten in der Zeitbudgeterhebung werden die relevanten Berufsgruppen eruiert, die diese ausführen können.267 Nachfolgende Tabelle stellt die jeweiligen Paarungen gegenüber.

Tabelle 4-3: Zuordnung möglicher Berufsgruppen zu ausgewählten Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung

Tätigkeiten ZBEKorrespondierende Berufsgruppen
Zubereitung von MahlzeitenKoch
Bauen und handwerkliche TätigkeitenMaurer
Elektroinstallateur, -monteur
Maler
Dachdecker, Zimmerer
Instandhaltung und Reinigung der WohnungRaumreiniger
Glasreiniger
Gartenarbeit, Pflanzen- und TierpflegeGärtner
Tierpfleger
Einkaufen und BesorgungenHauswirtschafter
hauswirtschaftlicher Betreuer
KinderbetreuungKindergärtner, Kinderpfleger
sonstige Lehrer
sonstige BetreuungenSeelsorger
Krankenschwester, Hebamme
Helfer in der Krankenpflege
Sozialarbeiter, -pfleger
informelle HilfeHauswirtschafter
hauswirtschaftlicher Betreuer
HaupterwerbstätigkeitMaurer
Elektroinstallateur, -monteur
Maler
Dachdecker, Zimmerer
NebenerwerbstätigkeitFlorist
Koch
Kellner
Kraftfahrzeuginstandsetzer
Friseur

Quelle: Eigene Darstellung. ← 85 | 86 →

Im Bereich der Haupt- und Nebenerwerbstätigkeit wurden Beispielberufe gewählt, die in den Wirtschaftszweigen klassischerweise ausgeführt werden, die einen hohen Schwarzarbeitsanteil aufweisen.268 Die Zuweisung der Berufsgruppen ist die Basis für die spätere Berechnung der Stundenlöhne in den drei Teilkomponenten. Die Berufsbezeichnungen entsprechen der Berufsklassifizierung der Berufe 1988. Somit können die entsprechenden Stundenlohnsätze direkt aus der Verdienststrukturerhebung (siehe Kapitel 4.1.2.2) entnommen werden.

In der zweiten Stufe wird die aufgewandte Zeit der Tätigkeiten bezüglich der drei Teilkomponenten bestimmt. Die Zuordnung der Aktivitätengruppen der Zeitbudgeterhebung zu den drei Teilkomponenten determiniert deren maximales Zeitaufkommen. Ausgehend von den Angaben in der Zeitbudgeterhebung werden mithilfe von Sekundärstatistiken die Anteile für die drei Teilkomponenten ermittelt bzw. – sofern möglich – direkt aus den Zeitverwendungsdaten entnommen. Dies impliziert, dass mit der Modellierung der Teilkomponente Schwarzarbeit begonnen wird und die verbleibende Zeit in den zugewiesenen Aktivitätengruppen für die Haushaltsproduktion bzw. das Ehrenamt verwendet wird. In Anlehnung an Tabelle 4-2 wird deutlich, dass sich die aufgewandte Zeit in diesen Aktivitäten auf die drei Teilkomponenten auffächert bzw. ein gewisser Anteil dafür verwendet wird. Somit ergibt sich für die Zeitverteilung der Tätigkeiten im Bereich der Haushaltsführung (tHi ), Pflege und Betreuung (tPi ) sowie informelle Hilfe (tIi ) folgende Zusammenhänge:

Illustration

Aus Gleichung (1) wird deutlich, dass die Zeit im Bereich der Haushaltsführung sowohl für Tätigkeiten im Bereich der Schwarzarbeit (tHi,SA) als auch im Bereich der Haushaltsproduktion (tHi,HP) verwendet werden kann. Die vorhandene Zeit für die Tätigkeiten im Bereich von Pflege und Betreuung, die durch Gleichung (2) dargestellt ist, kann ebenfalls für Tätigkeiten genutzt werden, die den Teilkomponenten Schwarzarbeit (tPi,SA) und Haushaltsproduktion (tPi,HP) zugeordnet werden können. In Gleichung (3) ist die Zeitaufteilung im Bereich der informellen Hilfe dargestellt. Diese kann sich auf die Tätigkeiten im Bereich der ← 86 | 87 → Schwarzarbeit (tIi,SA) und des Ehrenamtes (tIi,EA) aufteilen, damit zählen Tätigkeiten der informellen Hilfe nicht zu den Tätigkeiten der Haushaltsproduktion. Im Gegensatz zu diesen drei Aktivitätengruppen wird die angegebene Zeit im Bereich der ehrenamtlichen Tätigkeiten (tEi) gänzlich der Teilkomponente Ehrenamt zugewiesen.

Eine weitere Besonderheit stellt die Zeitverteilung der Haupt- und Nebenerwerbstätigkeit bei der Teilkomponente Schwarzarbeit dar. Im Gegensatz zu den anderen vier Aktivitätengruppen wird hier nicht die komplett angegebene Zeit, sondern nur ein gewisser Anteil der angegebenen Zeiten zur Modellierung der Schwarzarbeit herangezogen.

In diesem Modellierungsschritt erfolgt die Differenzierung der vier Berechnungsvarianten. In der Basisvariante wird die aufgewandte Zeit der drei Teilkomponenten insgesamt bestimmt. Dies bedeutet, dass keine Differenzierungen nach sozioökonomischen Merkmalen vorgenommen werden. Die Angaben der Zeitbudgeterhebung werden in aggregierter Form als ein Durchschnittswert für die Tätigkeiten ausgewiesen; sie bilden die Grundlage in dieser Berechnungsvariante. Bei der geschlechtsspezifischen Variante werden die Zeitangaben der relevanten Tätigkeiten, die in der ersten Stufe identifiziert wurden, geschlechtsspezifisch in die Modellierung einbezogen. Hierbei sind zudem weitere Informationen bei der Bestimmung der drei Teilkomponenten notwendig (siehe Kapitel 4.3). Darüber hinaus wird in dieser Arbeit eine Differenzierung der Tätigkeiten nach Altersgruppen vorgenommen. Die Einteilung der Altersklassen orientiert sich dabei an den Vorgaben der Zeitbudgeterhebung (siehe Kapitel 4.4). Abschließend erfolgt eine Abgrenzung des zeitlichen Aufkommens nach Haushaltstypen. Die entsprechenden Ausführungen sind in Kapitel 4.5 dargelegt.

In der dritten Stufe wird in Abhängigkeit der Teilkomponente ein Bewertungsansatz und Stundenlohnkonzept für die Tätigkeiten gewählt, die im vorherigen Kapitel vorgestellt wurden. Somit können die drei Teilkomponenten quantifiziert und bewertet werden.

Diese vorgestellte Struktur setzt die Rahmenbedingungen bei der Modellierung eines Indikators zur materiellen Wohlstands- und Verteilungsmessung. In den folgenden Kapiteln erfolgt die konkrete Modellumsetzung mit dem Ziel, die drei Teilkomponenten zu bewerten und das mögliche Einkommen durch diese Tätigkeiten zu quantifizieren. Ausgehend von der Basisvariante werden, wie bereits beschrieben, die drei weiteren Modellierungsvarianten aufgezeigt. Diese werden im Folgenden mit den Besonderheiten und notwendigen Annahmen für jede Teilkomponente spezifiziert. Anschließend wird in Kapitel 4.6 die Aggregation der Teilkomponenten zum sogenannten SHE-Indikator (Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion, Ehrenamt) beschrieben. ← 87 | 88 →

4.3 Modellierung der Teilkomponente Schwarzarbeit

Die erste Komponente des SHE-Indikators ist die Schwarzarbeit. Ausgehend von der Definition und Abgrenzung der Schwarzarbeit aus Kapitel 3.2.1 werden im Folgenden die vier verschiedenen Berechnungsvarianten und die dafür notwendigen Modellierungsschritte und Annahmen aufgezeigt. Im Rahmen dieser Arbeit wird basierend auf den Tätigkeitsangaben in der Zeitbudgeterhebung der zeitliche Umfang der schwarzgeleisteten Arbeit eruiert und anschließend monetär bewertet. Dabei werden zusätzlich verschiedenen Sekundärstatistiken zur Berechnung herangezogen.

4.3.1 Basisvariante

Das dreistufige Modellierungsverfahren, das bei der zeitlichen und monetären Bestimmung der Teilkomponente Schwarzarbeit angewandt wird, kann durch nachstehenden funktionalen Zusammenhang beschrieben werden:

Illustration

Die einzelnen Faktoren sind wie folgt definiert:

kSA = Komponente Schwarzarbeit pro Kopf (in Euro pro Stunde bzw. Tag)

ti,j = Zeit für Tätigkeit i (aus Zeitbudgeterhebung in Minuten)

aSAi = prozentualer Schwarzarbeitsanteil für Tätigkeit i

tSAi = Zeit für Schwarzarbeit nach Tätigkeit i (in Stunden)

wBi = durchschnittlicher Bruttostundenlohn für Tätigkeit i

KSA = Schwarzarbeit gesamt

ABev = Anteil Bevölkerung

Die Komponente Schwarzarbeit pro Kopf kSA setzt sich über eine Zeit- (ti*ASAi) und eine Lohnkomponente (wBi) zusammen. Somit kann der fiktive monetäre und quantitative Wert der geleisteten Schwarzarbeit pro Tag bestimmt werden. Die Zusammensetzung, die zugrundeliegenden Annahmen und die Gewichtung der einzelnen Faktoren werden nachfolgend detaillierter beschrieben. Die Ausführungen orientieren sich dabei an dem dreistufigen Verfahren und werden an entsprechender Stelle näher erläutert. ← 88 | 89 →

1. Modellierungsstufe: Abgrenzung der relevanten Tätigkeiten im Bereich der Schwarzarbeit

Wie bereits in Kapitel 4.2 ausgeführt werden im ersten Schritt die relevanten Tätigkeiten und die damit einhergehende maximal aufgewandte Zeit pro Tätigkeit aus der Zeitbudgeterhebung bestimmt. Das Zusammenspiel der abgegrenzten Aktivitätengruppen und der identifizierten relevanten Tätigkeiten ist in Tabelle 4-4 abgebildet. Im Rahmen dieser Arbeit werden Tätigkeiten für die Schwarzarbeit als relevant angesehen, die mit der Intention verrichtet werden, Steuern und Sozialabgaben zu sparen (vgl. Kapitel 3.2.1). Den fünf Tätigkeitsbereichen der Zeitbudgeterhebung stehen somit elf relevante Aktivitäten gegenüber. Im Bereich der Haushaltsführung lassen sich mit sechs verschiedenen Möglichkeiten die meisten Aktivitäten identifizieren, die unter die gewählte Abgrenzung der Schwarzarbeit fallen können.

Tabelle 4-4: Aktivitäten und relevante Tätigkeiten der Teilkomponente Schwarzarbeit inkl. maximaler Zeit dieser Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung

Aktivitäten und relevante TätigkeitsbereicheZeit in Minuten pro Tag
HaushaltsführungZubereitung von Mahlzeiten45
Bauen und handwerkliche Tätigkeiten9
Instandhaltung und Reinigung der Wohnung51
Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege21
Planung und Organisation6
Einkaufen und Besorgungen23
Pflege & BetreuungKinderbetreuung15
Sonstige Betreuungen1
Ehrenamtliche TätigkeitenInformelle Hilfe8
HaupterwerbstätigkeitHaupterwerbstätigkeit120
NebenerwerbstätigkeitNebenerwerbstätigkeit3

Quelle: Eigene Darstellung, Statistisches Bundesamt (2006).

Die Angaben stellen das (theoretisch) maximal zeitliche Spektrum für die Schwarzarbeit dar. In diesem Zusammenhang wird angenommen, dass alle Tätigkeiten schwarz verrichtet werden, sodass für die Gleichungen (1) und (2) gilt: tHi = tHi,SA und tPi = tPi,SA.

In der Basisvariante wird keine Differenzierung der Aktivitäten nach sozioökonomischen Merkmalen vorgenommen. Dies bedeutet, dass als Ausgangspunkt die ← 89 | 90 → aggregierten zeitlichen Angaben aus der Zeitbudgeterhebung herangezogen werden. Die angegebenen Minuten pro Tätigkeit und Tag werden für die weitere Modellierung in Stunden umgerechnet, sodass der erste Faktor ti,j daraus resultiert.

2. Modellierungsstufe: Bestimmung des zeitlichen Aufwandes im Bereich der Schwarzarbeit

Im zweiten Schritt muss der zeitliche Aufwand im Bereich der Schwarzarbeit modelliert werden. Nach der Identifikation der relevanten Tätigkeiten wird nun der zeitliche Umfang der Schwarzarbeit in diesen Bereichen – ausgehend von der maximal verfügbaren Zeit dieser Tätigkeiten (siehe Tabelle 4-4) – ermittelt. Die Erhebungsstruktur der Zeitbudgeterhebung ermöglicht eine zeitliche Abgrenzung der Tätigkeiten in den privaten Haushalten über den Tag verteilt. Allerdings sind in den Daten keine direkten Angaben für die Schwarzarbeit vorhanden, da keine Intention zur Auswertung der Daten in diesem Bereich vorlag. Dennoch kann angenommen werden, dass in den Daten implizit Angaben zur Schwarzarbeit enthalten sind und sich diese in den als relevant erachteten Tätigkeiten widerspiegeln.269 Das maximal mögliche zeitliche Ausmaß der Schwarzarbeit in den privaten Haushalten – im Sinne dieser Arbeit – ist daher durch die Zeitangaben dieser Tätigkeiten determiniert. Da jedoch nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Tätigkeiten schwarz verrichtet werden, muss eine zeitliche Abschätzung des tatsächlichen Ausmaßes erfolgen. Dies wird unter Zuhilfenahme von verschiedenen Sekundärstatistiken durchgeführt.

Die Abgrenzungen und Erhebungen (vgl. Kapitel 3.2.1) zur Schwarzarbeit zeigen die Herausforderungen bei deren Erfassung. Explizite Befragungen erweisen sich aufgrund der Illegalität der Schwarzarbeit als schwierig und zum Teil wenig aussagekräftig – auch wenn diese anonym getätigt werden. Die Studie von Feld und Larsen zeigt zudem, dass die Angaben zur geleisteten Schwarzarbeit als Untergrenze des tatsächlichen, zeitlichen und finanziellen Ausmaßes zu bewerten sind.270 Abschätzungen zum finanziellen Umfang der Schwarzarbeit erfolgen zudem über Steuerschätzungen oder erwirtschaftete Bruttowertschöpfung.271 In ← 90 | 91 → beiden Erhebungsverfahren kommt es jedoch vielmehr zu einer Unter- als Überschätzung der Schwarzarbeit.

Im Rahmen dieser Arbeit wird die Bestimmung der Schwarzarbeit auf Basis des Arbeitsinput-Ansatzes in Kombination mit einer Sensitivitätsanalyse vorgenommen. Der Faktor Arbeit, respektive die dafür aufgewandte Zeit stehen somit im Fokus bei der Modellierung der Teilkomponente Schwarzarbeit.

Gemäß der Modellstruktur ist es erforderlich das zeitliche Ausmaß der Schwarzarbeit nach Tätigkeiten zu quantifizieren, um die Datenstruktur der Zeitbudgeterhebung nutzen zu können. Eine direkte Erhebung nach Tätigkeitsfeldern, bestimmten Berufen oder aber auf Haushaltsebene liegt aufgrund der genannten Erhebungsproblematik nicht vor. In verschiedenen Forschungsarbeiten von Feld und Larsen272 im Auftrag der Rockwool Foundation werden die Primärbefragungen zur Schwarzarbeit nach verschiedenen Merkmalen und Erhebungsformen ausgewertet. Darüber hinaus bestehen zwei verschiedene Erhebungsvarianten. Zum einen wird der Fokus auf die geleisteten Stunden der Schwarzarbeit im Verhältnis zu den beobachtbaren geleisteten Stunden in der regulären Wirtschaft gelegt.273 Zum anderen beziehen sich die Autoren auf den erwirtschafteten Lohn durch die Schwarzarbeit, der in Relation zum BIP zu Marktpreisen gesetzt wird.274

Im Verlauf der vorliegenden Arbeit wird auf die erste Variante, die die geleisteten Schwarzarbeitsstunden erfasst, zurückgegriffen. Diese Stichprobe wurde auf Haushaltsebene gezogen und lässt mittels Gewichtungsfaktoren auch Aussagen nach Geschlecht und Alter zu.275 Des Weiteren werden die schwarzgeleisteten Stunden nach acht verschiedenen Wirtschaftszweige erfasst: Landwirtschaft, verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe, Handel und Reparatur, Gastgewerbe, Verkehr und Kommunikation, wirtschaftsnahe Dienstleistungen und personenbezogene Dienstleistungen.276 In nachfolgender Tabelle sind die schwarzgeleisteten Stunden als Anteil der geleisteten Stunden in der regulären Wirtschaft nach Wirtschaftszweigen dargestellt. ← 91 | 92 →

Tabelle 4-5: Anteil der schwarzgeleisteten Stunden an registrierten Arbeitsstunden nach Wirtschaftszweigen im Jahr 2007

Bereiche Rockwool-FoundationSchwarzarbeitsanteile in den Bereichen in Prozent
Landwirtschaft, Gartenarbeit0,87
Verarbeitendes Gewerbe0,19
Baugewerbe16,87
Handel und Reparatur0,36
Gastgewerbe4,68
Verkehr8,14
Wirtschaftliche Dienstleistungen0,58
Persönliche Dienstleistungen1,38
Arithmetisches Mittel4,13

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Feld, Larsen (2012a).

Es zeigt sich, dass die Schwarzarbeit vor allem im Bereich des Baugewerbes, des Gastgewerbes sowie im Verkehr und den personenbezogenen Dienstleistungen verstärkt auftritt. Die Befragungswellen, die die Rockwool Foundation zur Analyse der Schwarzarbeit in Deutschland eingesetzt hat, wurden nur in den Jahren 2001 und 2004 bis 2007 durchgeführt. Der Anteil der Schwarzarbeit in den dargestellten Wirtschaftszweigen erreicht im letzten Beobachtungsjahr den geringsten Wert. Die Autoren begründen diese Entwicklung auch mit der wirtschaftlichen Lage. Mit Blick auf die robuste Entwicklung am Arbeitsmarkt seit der Wirtschaftskrise, auf den Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse und den Anstieg des Arbeitszeitvolumens277 kann angenommen werden, dass sich der rückläufige Trend der geleisteten Schwarzarbeit fortgesetzt hat bzw. auch im Jahr 2010 auf einem ähnlichen Niveau anzusetzen ist. Bei der Berechnung des Schwarzarbeitsanteils ASAi werden daher die Werte des Jahres 2007 als Basisjahr herangezogen.

Ergänzend zu den Wirtschaftszweigen geben die Autoren eine Übersicht der möglichen Tätigkeiten an, die in diesen Bereichen verrichten werden können. Die folgende Aufzählung orientiert sich an der Auswertung von Feld und Larsen und zeigt die „typischen“ Tätigkeiten, die schwarz verrichtet werden:278 ← 92 | 93 →

 Landwirtschaft, Gartenarbeit: Bäume fällen, Gartenarbeit, Rasen mähen, Gartenarbeit bei älteren Personen, landwirtschaftliche Arbeiten, u.a.

 Verarbeitendes Gewerbe: Maschinenreparaturen, Metallarbeiten, Gardinen nähen, Näharbeiten, Schrank aufbauen, u.a.

 Baugewerbe: Malerarbeiten, Renovierungsarbeiten, Dachdeckarbeiten, Teppich verlegen, Hausbau bei Freunden, Badezimmern renovieren, Lampen aufhängen, Elektroinstallationen, Mauererarbeiten, Handwerksarbeiten, u.a.

 Handel und Reparatur: Autoreparatur, Umnähen und Kürzen von Kleidung, Schneiderarbeiten, Fahrradreparaturen, u.a.

 Gastgewerbe: Barkeeping, Kellner, Kochen, Ausgestaltung und Mithilfe von Feierlichkeiten, u.a.

 Verkehr: Umzug, Kurierdienste, Umzugsdienstleistungen, u.a.

 Wirtschaftliche Dienstleistungen: Hilfe bei der Steuererklärung, Computer einrichten, Schreibarbeiten, Hilfe als Dolmetscher, Putzen, Reinigungsarbeiten, u.a.

 Persönliche Dienstleistungen: Babysitten, Haare schneiden, Betreuung älterer Menschen, Wäsche machen, Einkaufen, Tennisstunden geben, Nachhilfe, u.a.

Die beispielhafte Zuteilung der Tätigkeiten ermöglicht eine Integration dieser Ergebnisse in die Modellstruktur. Basierend auf dieser Einteilung können die ausgewählten Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung, die als relevant für die Schwarzarbeit identifiziert wurden, den Wirtschaftszweigen zugeordnet werden. In folgender Tabelle ist das daraus resultierende Matching dargestellt.

Tabelle 4-6: Zuordnung relevanter Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung zu den Wirtschaftsbereichen

Tätigkeiten aus ZBEWirtschaftsbereiche
Zubereitung von MahlzeitenPersönliche Dienstleistungen
Bauen und handwerkliche TätigkeitenBaugewerbe
Instandhaltung und Reinigung der WohnungPersönliche Dienstleistungen
Gartenarbeit, Pflanzen- und TierpflegeLandwirtschaft, Gartenarbeit
Planung und OrganisationPersönliche Dienstleistungen
Einkaufen und BesorgungenPersönliche Dienstleistungen
KinderbetreuungPersönliche Dienstleistungen
Sonstige BetreuungenPersönliche Dienstleistungen
Informelle HilfePersönliche Dienstleistungen
HaupterwerbstätigkeitDurchschnitt über alle Bereiche
NebenerwerbstätigkeitDurchschnitt über alle Bereiche

Quelle: Eigene Darstellung. ← 93 | 94 →

Die größten Überschneidungen werden im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen gesehen, sodass der Großteil der Tätigkeiten der Haushaltsführung sowie der Pflege und Betreuung diesem Wirtschaftszweig zugeordnet werden kann. Die Tätigkeiten „Bauen und handwerkliche Tätigkeiten“ werden dem Baugewerbe und „Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege“ der Landwirtschaft zugeteilt. Wie oben bereits ausgeführt wird bei der Modellkonzeption angenommen, dass auch die Angaben zur Haupt- und Nebenerwerbstätigkeit Schwarzarbeit beinhalten. Um der Vielschichtigkeit der Berufe gerecht zu werden, wird in diesem Bereich der Durchschnitt über alle acht Wirtschaftszweige ermittelt. Der gewählte Matchingansatz kann aufgrund der vorliegenden Datenlage nur durch die Übereinstimmung der genannten Tätigkeiten erfolgen. Generell ist dieser Ansatz zur Bestimmung der Schwarzarbeit daher eher als vorsichtig zu bezeichnen. Zum einen werden die relevanten Tätigkeiten aufgrund einer formalen Zuweisung mit den Daten der Wirtschaftszweige verbunden. Zum anderen sind die Angaben zur Schwarzarbeit per se als Untergrenze anzusehen.279 Ausgehend von den Schwarzarbeitsanteilen ASAi nach Branchen werden die aufgewandten Minuten für die Tätigkeiten aus der ZBE bewertet, sodass daraus die Minuten Schwarzarbeit pro Tag resultieren. Die entsprechenden Anteile der repräsentativen Tätigkeiten sind in nachfolgender Tabelle zusammengefasst.

Tabelle 4-7: Schwarzarbeitsanteile nach Tätigkeiten

Tätigkeiten aus ZBEAnteil Schwarzarbeit
Zubereitung von Mahlzeiten0,01
Bauen und handwerkliche Tätigkeiten0,17
Instandhaltung und Reinigung der Wohnung0,01
Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege0,01
Planung und Organisation0,01
Einkaufen und Besorgungen0,01
Kinderbetreuung0,01
Sonstige Betreuungen0,01
Informelle Hilfe0,01
Haupterwerbstätigkeit0,04
Nebenerwerbstätigkeit0,04

Quelle: Eigene Berechnung. ← 94 | 95 →

Die Daten können wie folgt interpretiert werden: Von der angegebenen Zeit, die die befragten Personen für die Zubereitung von Mahlzeiten aufwenden, wird 1 Prozent schwarz ausgeführt. Der höchste Schwarzarbeitsanteil wird nach dieser Abgrenzung im Bereich „Bauen und handwerkliche Tätigkeiten“ erzielt. Die Zeit ASAi, die somit für in den privaten Haushalten für Schwarzarbeit aufgewandt wird, ergibt sich durch die Multiplikation der Anteile aSAi sowie der ausgewiesenen Zeit ti. Es gilt somit folgender Zusammenhang: ASAi = aSAi * ti,j.280

Die hier verwendeten Angaben der Zeitbudgeterhebung sind in Minuten ausgewiesen, allerdings müssen sie für die weiteren Berechnungsschritte der Schwarzarbeit in Stunden umgerechnet werden. Die Extrapolation der Daten auf Jahres-, Monats- und Wochenwerte erfolgt über folgende Zusammenhänge:

 Tageswerte * 365 = Jahreswerte

 Jahreswerte / 12 = Monatswerte

 Monatswerte / 4 = Wochenwerte

Den Hochrechnungsfaktoren liegt die Annahme zugrunde, dass Schwarzarbeit unabhängig vom Wochentag ausgeführt werden kann. Die 365 Tage verteilen sich daher auf die 12 Kalendermonate bzw. die durchschnittlichen vier Wochen eines Kalendermonats.

3. Modellierungsstufe: Bestimmung des monetären Bewertungsansatzes

Nachdem der zeitliche Umfang der Schwarzarbeit in Abhängigkeit der Tätigkeit in der Basisvariante bestimmt wurde, wird im letzten Modellierungsschritt das Stundenlohnkonzept und der korrespondiere Bewertungsansatz angewandt. Die Ausführungen in Kapitel 4.1.2 zeigen, dass bei der Modellierung der Teilkomponente Schwarzarbeit der Bruttostundenlohnsatz in Kombination mit dem Spezialistenansatz angewandt wird. Die ausgewiesenen Bruttolöhne spiegeln die tatsächlich geleistete Arbeit wider und sind daher realitätsnäher. Dazu ist zum einen die Zuweisung der Tätigkeiten aus der Zeitbudgeterhebung mit Berufen nötig, deren Vertreter diese ausführen könnten (vgl. Kapitel 4.2). Zum anderen wird der jeweilige Bruttostundenlohnsatz dieser Berufe benötigt (vgl. Kapitel 4.1.2.2).

Die explizite Zuweisung von Berufen zu den relevanten Tätigkeiten bildet die Grundlage für den Spezialistenansatz, da dieses Verfahren der Vielschichtigkeit ← 95 | 96 → der Tätigkeiten gerecht wird.281 Ausgehend von den differenzierten Bruttostundenlohnsätzen wird für die relevanten Tätigkeiten jeweils ein durchschnittlicher Lohnsatz wBi berechnet, der für die weiteren Berechnungen ausschlaggebend ist. Die Ergebnisse sind in nachstehender Tabelle zusammengefasst.

Tabelle 4-8: Durchschnittlicher Bruttostundenlohn für Schwarzarbeit nach Tätigkeiten282

TätigkeitDurchschnittlicher Bruttostundenlohn in Euro
Zubereitung von Mahlzeiten11,60
Bauen und handwerkliche Tätigkeiten15,10
Instandhaltung und Reinigung der Wohnung10,60
Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege12,70
Einkaufen und Besorgungen12,30
Kinderbetreuung17,50
Sonstige Betreuungen17,00
Informelle Hilfe12,30
Haupterwerbstätigkeit15,10
Nebenerwerbstätigkeit11,50
Durchschnitt13,60

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis der VSE (Statistisches Bundesamt (2013e)).

Die höchsten Stundenlöhne mit 17,50 bzw. 17 Euro ergeben sich im Bereich der Betreuungstätigkeiten. Im Gegensatz dazu wird die Schwarzarbeit bei den Tätigkeiten der „Instandhaltung und Reinigung der Wohnung“ mit 10,60 Euro bewertet. Durchschnittlich kann ein Bruttostundenlohn in Höhe von 13,60 Euro konstatiert werden. Bei den Studien von Feld und Larsen283 wird von einem Stundenlohn von 13 Euro für das Jahr 2007 ausgegangen, während beispielsweise die Eurobarometer-Umfrage einen durchschnittlichen Stundenlohnsatz von 12 Euro284 für Schwarzarbeit im Jahr 2007 veranschlagt. Die Abweichungen sind zum einen auf die unterschiedlichen Betrachtungszeitpunkte, zum anderen aber ← 96 | 97 → auch auf die verschieden vorgenommene Abgrenzung der Schwarzarbeit – vor allem bei der Eurobarometer-Umfrage – zurückzuführen.

Wie bereits erwähnt, wird in der Basisvariante keine weitere Merkmalsdifferenzierung vorgenommen, sodass mit den bisherigen Modellierungsschritten das monetäre und zeitliche Ausmaß der Schwarzarbeit bestimmt werden kann.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass durch die drei Modellierungsschritte alle notwendigen Faktoren für die Gleichung (4) vorliegen und das Ausmaß der Schwarzarbeit pro Kopf und Tag (zeitlich und monetär) quantifiziert werden kann.

Darauf aufbauend kann mithilfe der entsprechenden Bevölkerungsanteile eine Hochrechnung für die Teilkomponente Schwarzarbeit gesamt KSA erfolgen.

4.3.2 Verteilungsrelevante Berechnungsvarianten

Ausgehend von der Basisvariante müssen für die einzelnen Berechnungsvarianten der Teilkomponente Schwarzarbeit bestimmte Modifikationen vorgenommen werden. Das vorangegangene Kapitel hat gezeigt, dass die Bestimmung der Schwarzarbeitsanteile mit restriktiven Annahmen einhergeht. Diese sind auch bei den geschlechts-, alters- und haushaltstypspezifischen Varianten notwendig und werden mithilfe von Sekundärstatistiken – insbesondere der Rockwool-Foundation – abgeleitet.

Hinsichtlich der ersten Modellierungsstufe, der Abgrenzung der relevanten Tätigkeiten, werden die zeitlichen Angaben für die bereits identifizierten Tätigkeiten (vgl. Tabelle 4-4) aus der Zeitbudgeterhebung in Abhängigkeit des jeweiligen Berechnungsparameters entnommen. Allerdings müssen weitere Anpassungen bei der zeitlichen und monetären Bewertung der Tätigkeiten in Abhängigkeit der drei sozioökonomischen Größen vorgenommen werden. Die entsprechenden Modifikationen und daraus resultierenden Gewichtungsfaktoren für Geschlecht, Alter und Haushaltstyp werden im Folgenden beschrieben.

Geschlechtsspezifische Variante

Die Differenzierung nach Geschlecht erfolgt über die geschlechtsspezifischen Angaben aus der Zeitbudgeterhebung. Diese liegen als aggregierte Gesamtergebnisse bereits vor, sodass hier keine weiteren Anpassungen vorgenommen werden müssen. Die Auswahl der Tätigkeiten entspricht denen der Basisvariante, um eine Vergleichbarkeit und Interpretation der Ergebnisse im weiteren Verlauf der Arbeit gewährleisten zu können. Es ergeben sich bereits Unterschiede in den zeitlichen Angaben der ausgewählten Tätigkeiten, sodass indirekt eine geschlechtsspezifische Gewichtung vorliegt, die durch die individuellen Angaben ← 97 | 98 → der Befragten induziert wird. In Tabelle 4-9 sind die aufgewandten Minuten der relevanten Schwarzarbeitstätigkeiten sowie die ermittelten Schwarzarbeitsanteile nach Geschlecht zusammengefasst.

Tabelle 4-9: Maximale Zeitverwendung der relevanten Tätigkeiten in der Zeitbudgeterhebung und Schwarzarbeitsanteile nach Geschlecht

Illustration

Quelle. Eigene Darstellung und Berechnungen, Statistisches Bundesamt (2006), Feld, Larsen (2012a).

Es zeigt sich, dass Frauen für Tätigkeiten im Haushalt und für Kinderbetreuung mehr Zeit aufwenden als Männer. Hingegen beträgt die durchschnittliche tägliche Zeit, die Männer mit „Bauen und handwerkliche Tätigkeiten“ zubringen, 16 Minuten, d.h. mehr als das Dreifache im Vergleich zu den Frauen. Zur Bestimmung der entsprechenden geschlechtsspezifischen Schwarzarbeitsanteile wird wiederum auf die Erhebung der Rockwool-Stiftung zurückgegriffen. Die dort vorgenommene empirische Auswertung der Schwarzarbeitsaktivitäten zeigt, dass der Schwarzarbeitsanteil bei Männern um den Faktor 2,4 höher liegt als bei Frauen.285 Dies führt zu der Annahme, dass die modellinduzierten Anteile für Schwarzarbeit, die in Tabelle 4-7 dargestellt sind, bei Männern mit dem Faktor 1,3 und bei Frauen mit dem Faktor 0,55 bewertet werden können. Daraus ← 98 | 99 → ergeben sich die geschlechtsspezifischen Schwarzarbeitsanteile je Tätigkeit, die in den letzten beiden Spalten in Tabelle 4-9 dargestellt sind. Durch die Multiplikation der geschlechtsspezifischen Anteile sowie der entsprechenden Zeitangaben der Zeitbudgeterhebung ergibt sich tSAi, die Zeit für Schwarzarbeit nach Tätigkeit i (in Stunden) in Abhängigkeit des Geschlechts (siehe Gleichung (5)).

Hinsichtlich der Löhne kann auf die geschlechtsspezifischen Lohnsätze der einzelnen Berufe aus der Verdienststrukturerhebung zurückgegriffen werden. Die daraus resultierenden durchschnittlichen Bruttostundenlöhne für die relevanten Tätigkeiten sind in nachstehender Tabelle zusammengefasst.

Tabelle 4-10: Durchschnittliche Bruttostundenlöhne in Euro nach Geschlecht286

TätigkeitDurchschnittlicher Bruttostundenlohn in Euro
männlichweiblich
Zubereitung von Mahlzeiten12,4010,60
Bauen und handwerkliche Tätigkeiten15,1013,80
Instandhaltung und Reinigung der Wohnung11,109,80
Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege12,9012,10
Einkaufen und Besorgungen16,3011,70
Kinderbetreuung18,3016,60
Sonstige Betreuungen17,8014,70
Informelle Hilfe16,3011,70
Haupterwerbstätigkeit15,1013,80
Nebenerwerbstätigkeit12,8011,00
Durchschnitt14,8012,60

Quelle: Eigene Darstellung und Berechnung auf Basis der VSE (Statistisches Bundesamt (2013e)).

Für bestimmte Berufe (Maurer, Dachdecker, Zimmerer und Seelsorger) liegen jedoch keine Lohnsätze für Frauen vor. In diesem Fall wird für die ausgewählten Tätigkeiten der Mittelwert der vorliegenden Bruttostundenlohnsätze gebildet. Die Teilkomponente „Schwarzarbeit“ wird nach Geschlecht differenziert und ergibt sich somit über die Bewertung der Schwarzarbeitsanteile nach Geschlecht und über den geschlechtsspezifischen Mittelwert der Lohnsätze für die ausgewählten ← 99 | 100 → Tätigkeiten. Somit liegen alle Faktoren aus Gleichung (4) in Abhängigkeit des Geschlechts vor, sodass die Komponente Schwarzarbeit in der geschlechtsspezifischen Variante über diese Funktion berechnet werden kann.

Altersspezifische Variante

In Kapitel 4.1.1 wurden die möglichen Altersklassen der Zeitbudgeterhebung vorgestellt. Die Zeitangaben in der Zeitbudgeterhebung werden wiederum über die Altersklassen287 hinweg als aggregierte Gesamtergebnisse angegeben.288 Die fünf angegebenen Altersgruppen der Zeitbudgeterhebung weichen jedoch von der Einteilung im Mikrozensus und der laufenden Wirtschaftsrechnung ab, sodass eine Anpassung der Altersstruktur vorgenommen werden muss. Zusammengefasst sind in den drei Statistiken folgende Abgrenzungen vorgegeben:

 Zeitbudgeterhebung: 10 bis 17 Jahre / 18 bis 29 Jahre

 Mikrozensus: 15 bis unter 20 Jahre / 20 bis unter 25 Jahre / 25 bis unter 30 Jahre

 LWR: 18 bis unter 25 Jahre / 25 bis unter 35 Jahre

Es wird angenommen, dass die Angaben der Altersklasse der 10-17-Jährigen und der 18-29-Jährigen über die Bevölkerungsanteile der 15-29-Jährigen extrapoliert werden können. Dies impliziert, dass die Zeitangaben der 10-17-Jährigen als Basis für die Gruppe der 15-19-Jährigen herangezogen werden müssen. Damit können einerseits die Angaben der Rockwool-Foundation direkt angewandt werden und andererseits von „Kinderarbeit“ abstrahiert werden. Anschließend werden die beiden jüngsten Gruppen zu einer aggregiert, sodass die daraus resultierenden vier Altersgruppen einen ähnlichen Bevölkerungsumfang haben und die Ergebnisse besser vergleichbar sind.

Analog zur geschlechtsspezifischen Modellierung ist in dieser Variante eine Bestimmung der Schwarzarbeitsanteile nach Altersgruppen für die relevanten Tätigkeiten erforderlich. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Studien ← 100 | 101 → der Rockwool-Foundation können diese Anteile abgeleitet werden. Die Studie enthält Angaben darüber, wie viel Prozent der Altersgruppen angeben, pro Jahr schwarzgearbeitet zu haben.289 Diese Werte werden mit dem Bevölkerungsanteil dieser Altersgruppen verrechnet und der gewichtete Durchschnitt ermittelt. Anschließend werden die Anteile nach Altersgruppen mit diesem Wert multipliziert. Die daraus resultierenden Gewichtungsfaktoren je Altersgruppe sind in nachstehender Tabelle dargestellt.

Tabelle 4-11: Gewichtungsfaktoren für die Schwarzarbeitsanteile nach Altersgruppen

AltersgruppenGewichtungsfaktor Schwarzarbeit
15 bis 190,81
20 bis 291,13
30 bis 441,03
45 bis 640,56
65+1,57

Quelle: Eigene Berechnungen, Feld, Larsen (2012a), S. 47.

Per Annahme werden diese Werte als Gewichtungsfaktoren für die Schwarzarbeitsanteile nach Altersgruppen herangezogen. Dies bedeutet, dass die – in der Basisvariante – ermittelten Schwarzarbeitsanteile (vgl. Tabelle 4-7) mithilfe der obigen Faktoren gewichtet werden, sodass daraus die Schwarzarbeitsanteile der relevanten Tätigkeiten in Abhängigkeit der Altersgruppen resultieren.

Zur besseren Vergleichbarkeit der Ergebnisse werden die ersten beiden Altersgruppen zusammengefasst. Damit kann die Verteilung der Bevölkerungsanteile in den einzelnen Altersgruppen angeglichen werden.

Hinsichtlich des monetären Bewertungsansatzes bzw. der Bruttostundenlöhne werden keine altersgruppenspezifischen Modifikationen oder Annahmen getroffen. Somit werden zur Bewertung die Bruttostundenlohnsätze der Basisvariante (vgl. Tabelle 4-8) verwendet. Für die Faktoren ti,j,aSAi und wBi sind somit alle erforderlichen altersgruppenspezifischen Anpassungen erfüllt, sodass zur Bestimmung der Teilkomponente „Schwarzarbeit nach Altersgruppen“ der funktionale Zusammenhang aus Gleichung (4) angewandt werden kann. ← 101 | 102 →

Haushaltstypspezifische Variante

Ein zentrales Auswertungsmerkmal der Zeitbudgeterhebung ist die Differenzierung nach Haushaltstypen, die in Kapitel 4.1.1 beschrieben wurden. Die Zeitangaben in der Zeitbudgeterhebung sind für die Haushaltstypen290

 Alleinlebende Personen

 Zusammenlebende Personen ohne Kinder

 Alleinerziehende Mütter/Väter

 Zusammenlebende Mütter/Väter

als aggregierte Gesamtergebnisse angegeben.291

Die Modellierung der Schwarzarbeit in Abhängigkeit der Haushaltstypen erfordert zusätzliche Annahmen und Anpassungen. Wie bei den beiden vorangegangenen Berechnungsvarianten werden die relevanten Tätigkeiten der Basisvariante als Ausgangspunkt der Modellierung herangezogen. Abweichend von der geschlechts- und altersspezifischen Variante lassen die zur Verfügung stehenden Sekundärstatistiken und Studien keine Rückschlüsse auf haushaltstypspezifische Schwarzarbeitsanteile zu. Daher wird angenommen, dass sich die Schwarzarbeitsanteile in den Haushaltstypen in den einzelnen Tätigkeiten genauso verteilen wie in der Basisvariante (vgl. Tabelle 4-7).

Um jedoch den unterschiedlichen Haushaltstypen bzw. deren Zusammensetzung gerecht werden zu können, wird bei den Löhnen ein Gewichtungsfaktor verwendet. Die Bruttomonatsverdienste der laufenden Wirtschaftsrechnungen292 nach Haushaltstyp bilden hierzu die entscheidende Bezugsgröße. Aus der laufenden Wirtschaftsrechnung werden die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste ← 102 | 103 → je Haushaltstyp direkt entnommen.293 In Tabelle 4-12 sind die Bruttomonatsverdienste aus dem Jahr 2010 nach Haushaltstypen differenziert dargestellt.

Tabelle 4-12: Bruttomonatsverdienst nach Haushaltstyp aus dem Jahr 2010

 verfügbares BruttomonatseinkommenFaktoren zur Lohngewichtung
in Euro 
Alleinlebende2.2820,64
zusammenlebende Paare ohne Kinder4.2591,20
Alleinerziehende2.6430,75
zusammenlebende Paare mit Kindern5.6371,59
Gewichteter Lohndurchschnitt3.538 

Quelle: Eigene Berechnungen, Statistisches Bundesamt (2012c), S. 37.

Die Bruttoverdienstspanne erstreckt sich dabei von 2.282 Euro bei Alleinlebenden bis 5.637 Euro bei zusammenlebenden Paaren mit Kindern. In Abhängigkeit der Verteilung dieser Haushaltstypen auf die Gesamtbevölkerung kann ein gewichteter Durchschnittslohn berechnet werden. Dieser beläuft sich für das Jahr 2010 auf 3.585 Euro. Basierend auf diesem gewichteten Durchschnittslohns werden Faktoren für die Lohngewichtung berechnet. Der entsprechende Faktor für die Lohngewichtung ergibt sich als Quotient aus dem haushaltstypspezifischen Bruttomonatslohn und dem gewichteten Durchschnittslohn und ist in der rechte Spalte von Tabelle 4-12 dargestellt. Durch dieses Vorgehen kann der vorherrschenden Einkommensstruktur in den Haushalten Rechnung getragen werden und bei der Entlohnung der nicht-marktlichen Tätigkeiten berücksichtigt werden. Damit können auch indirekt die Haushaltsgröße bzw. die Haushaltsmitglieder, die die nicht-marktlichen Tätigkeiten ausführen und damit einen Beitrag zum möglichen Einkommen daraus beitragen, berücksichtigt werden. Die Bruttolöhne (gesamt) der einzelnen Tätigkeiten werden daher jeweils mit diesen Faktoren multipliziert. Die Ermittlung des „Schwarzarbeitslohns“ erfolgt dann erneut analog zur Basisvariante. Die vorgenommen Anpassungen können in Gleichung (4) integriert werden, sodass die Teilkomponente Schwarzarbeit in Abhängigkeit des Haushaltstyps berechnet werden kann. ← 103 | 104 →

4.4 Modellierung der Teilkomponente Haushaltsproduktion

Die Bestimmung der zeitlichen und monetären Ausprägung der Haushaltsproduktion bildet die zweite Komponente des SHE-Indikators. Die Modellierung folgt dem beschriebenen Drei-Stufen-Schema.

Gemäß der allgemeinen Modellstruktur kann die Komponente Haushaltsproduktion pro Kopf (in Euro pro Stunde bzw. Tag) kHP – analog zur Schwarzarbeit – wie folgt dargestellt werden:

Illustration

Dabei entspricht wNi dem durchschnittlichen Nettostundenlohn (in Euro) für Tätigkeit i und tHPi der Zeit für Haushaltsproduktion für Tätigkeit i (in Stunden). Für den Wert der Haushaltsproduktion gesamt KHP gilt folgender Zusammenhang:

Illustration

In den kommenden Abschnitten wird neben der Darstellung der Basisvariante auch hier eine geschlechts-, alters- und haushaltstypspezifische Modellierungsvariante vorgestellt.

4.4.1 Basisvariante

Die Modellierung der Teilkomponente Haushaltsproduktion wird in der Basisvariante ohne sozioökonomische Merkmalsdifferenzierungen vorgenommen. Der oben beschriebene funktionale Zusammenhang der Zeit- und Lohnkomponenten wird nun anhand der drei Modellierungsstufen konkretisiert.

1. Modellierungsstufe: Abgrenzung der relevanten Tätigkeiten im Bereich der Haushaltsproduktion

In Kapitel 4.2 wurde gezeigt, dass Haushaltsproduktion in den Bereichen Haushaltsführung sowie Pflege und Betreuung zu finden ist. Der Fokus liegt hierbei auf dem Faktor (unbezahlte) Arbeit, sodass aus der Zeitbudgeterhebung nur die Tätigkeiten ausgewählt werden, die sich durch das Dritt-Personen-Kriterium abgrenzen lassen. Mit diesem Vorgehen kann gewährleistet werden, dass alle Tätigkeiten im ökonomischen Sinne erfasst werden, die auch von Dritten gegen Bezahlung ausgeführt bzw. übernommen werden können (vgl. Kapitel 3.2.2). Durch diese Abgrenzung können Marktaktivitäten simuliert werden, die sich monetär bewerten lassen. Nach diesen Kriterien lassen sich folgende Aktivitäten als relevant für die Teilkomponente Haushaltsproduktion zusammenfassen: ← 104 | 105 →

Tabelle 4-13: Aktivitäten und relevante Tätigkeiten der Teilkomponente Haushaltsproduktion inkl. maximaler Zeit dieser Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung

Aktivitäten und relevante TätigkeitsbereicheZeit in Minuten pro Tag
HaushaltsführungZubereitung von Mahlzeiten45
Bauen und handwerkliche Tätigkeiten9
Instandhaltung und Reinigung der Wohnung51
Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege21
Planung und Organisation6
Einkaufen und Besorgungen23
Pflege & BetreuungKinderbetreuung15
Sonstige Betreuungen1

Quelle: Eigene Darstellung. Statistisches Bundesamt (2006).

Es zeigt sich, dass sechs Aktivitäten im Bereich der Haushaltsführung und zwei Aktivitäten im Bereich von Pflege und Betreuung als relevant identifiziert werden können. Ausgehend von den Tätigkeiten wird im nächsten Schritt der entsprechende zeitliche Aufwand quantifiziert.

2. Modellierungsstufe: Bestimmung des zeitlichen Aufwandes im Bereich der Haushaltsproduktion

Gemäß dem Modellaufbau ergibt sich die verfügbare Zeit für Haushaltsproduktion tHPi als Residualgröße hinsichtlich der aufgewandten Zeit für Schwarzarbeit. Konkret bedeutet dies, dass die Zeit, die nicht für Schwarzarbeit aufgewendet wird, für die Haushaltsproduktion zur Verfügung steht. Somit besteht folgender Zusammenhang, der sich aus den Gleichungen (1) und (2) ableiten lässt:

Illustration

Das maximale tägliche Zeitbudget der Tätigkeiten für die Teilkomponente Haushaltsproduktion ergibt sich, falls von der Schwarzarbeit abstrahiert wird (siehe Tabelle 4-13). Anhand dieser Gleichung kann für jede relevante Tätigkeit der zeitliche Umfang pro Tag und Kopf ermittelt werden. Die Extrapolation der Daten auf Jahres-, Monats- und Wochenwerte erfolgt über folgende Zusammenhänge:

 Tageswerte * 365 = Jahreswerte

 Jahreswerte / 12 = Monatswerte

 Monatswerte / 4 = Wochenwerte ← 105 | 106 →

Die Hochrechnungsfaktoren liegen der Annahme zugrunde, dass Haushaltsproduktion unabhängig vom Wochentag ausgeführt werden kann. Die 365 Tage verteilen sich daher auf die 12 Kalendermonate bzw. die durchschnittlichen vier Wochen eines Kalendermonats.

3. Modellierungsstufe: Bestimmung des monetären Bewertungsansatzes

Nach der Bestimmung der Zeitkomponente, werden im dritten Modellierungsschritt der Bewertungsansatz und das Stundenlohnkonzept bestimmt. Es konnte bereits gezeigt werden, dass bei der Modellierung der Teilkomponente Haushaltsproduktion der Nettostundenlohnsatz in Kombination mit dem Spezialistenansatz angewandt wird. Dazu wird wieder auf die Zuweisung der Tätigkeiten aus der Zeitbudgeterhebung zu Berufen zurückgegriffen und mit den jeweiligen Nettostundenlohnsätzen dieser Berufe verknüpft. Allerdings werden in der Verdienststrukturerhebung keine Nettostundenlöhne ausgewiesen. Um diese ermitteln zu können, wird daher auf die „Brutto-Netto-Umrechnung“ aus der VGR zurückgegriffen.294 Dort zeigt sich, dass die Nettolöhne ca. 26 Prozent unter den Bruttolöhnen liegen. Somit kann der durchschnittliche Nettostundenlohnsatz für die Tätigkeiten der Haushaltsproduktion ermittelt werden. In folgender Tabelle sind diese Informationen noch einmal übersichtlich dargestellt.

Tabelle 4-14: Durchschnittliche Nettostundenlöhne für relevante Tätigkeiten der Haushaltsproduktion

TätigkeitDurchschnittlicher Nettostundenlohn in Euro
Zubereitung von Mahlzeiten8,50
Bauen und handwerkliche Tätigkeiten11,10
Instandhaltung und Reinigung der Wohnung7,80
Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege9,30
Einkaufen und Besorgungen9,00
Kinderbetreuung12,90
Sonstige Betreuungen12,50
Durchschnitt10,20

Quelle: Eigene Darstellung und Berechnung auf Basis der VSE (Statistisches Bundesamt (2013e)).

Die Spanne der durchschnittlichen Nettolöhne erstreckt sich von 7,80 Euro für Tätigkeiten zur „Instandhaltung und Reinigung der Wohnung“ bis zu 12,90 Euro für Tätigkeiten im Bereich der „Kinderbetreuung“. ← 106 | 107 →

Mit Hilfe der beschriebenen Zeit- und Lohnkomponenten kann somit die Komponente Haushaltsproduktion pro Kopf (in Euro pro Stunde bzw. Tag) kHP in der Basisvariante berechnet werden.

4.4.2 Verteilungsrelevante Berechnungsvariante

Nach der Modellierung der Haushaltsproduktion in der Basisvariante werden in diesem Kapitel die Berechnungsvarianten – differenziert nach Geschlecht, Alter und Haushaltstyp – und notwendige Modellanpassungen vorgestellt.

Die Identifikation der relevanten Tätigkeiten erfolgte bereits bei der Modellierung in der Basisvariante (vgl. Modellierungsstufe 1). Die relevanten Tätigkeiten werden auch bei den drei Modellierungsvarianten verwendet, da die Tätigkeit unabhängig von sozioökonomischen Merkmalen der Haushaltsproduktion zugeordnet werden.

Im zweiten Modellierungsschritt wird der zeitliche Umfang der Haushaltsproduktion ermittelt. An dieser Stelle werden abweichend zur Basisvariante die geschlechts-, altersgruppen- und haushaltstypspezifischen Angaben der Zeitbudgeterhebung als Berechnungsgrundlage herangezogen. In Tabelle 4-15 sind beispielhaft die maximalen Zeitangaben der relevanten Tätigkeiten im Bereich der Haushaltsproduktion nach Altersgruppen differenziert dargestellt.295

Tabelle 4-15: Maximal aufgewandte Zeit für Tätigkeiten im Bereich der Haushaltsproduktion je Altersklasse in der Zeitbudgeterhebung

Illustration

Quelle: Eigene Darstellung, Statistisches Bundesamt (2006). ← 107 | 108 →

Es wird deutlich, dass über alle Altersgruppen hinweg die meiste Zeit pro Tag für die Zubereitung für Mahlzeiten aufgewandt wird. Dagegen wird im Bereich der sonstigen Betreuungen am wenigsten Zeit investiert. Darüber hinaus haben die bisherigen Ausführungen gezeigt, dass durch den gewählten Modellansatz die Modellierung der Teilkomponente Haushaltsproduktion (insbesondere der zweite Modellierungsschritt) direkt von der Modellierung der Teilkomponente Schwarzarbeit abhängig ist und beeinflusst wird. Dies bedeutet, dass die bereits vorgenommenen Anpassungen in den drei verteilungsrelevanten Berechnungsvarianten bei der Schwarzarbeit die verteilungsrelevanten Modellierungsschritte bei der Teilkomponente Haushaltsproduktion determinieren.

Abweichend zur Basisvariante werden im dritten Modellierungsschritt in der geschlechtsspezifischen Berechnungsvariante die Nettostundenlöhne von Männern und Frauen für die relevanten Tätigkeiten verwendet. Eine ausführliche Liste der berufsspezifischen Nettostundenlöhne ist im Anhang in Tabelle 0-2 dargestellt. Wie bereits bei der Modellierung der Schwarzarbeit ausgeführt, wird keine altersspezifische Lohndifferenzierung vorgenommen, sodass hier auf die durchschnittlichen Nettostundenlöhne aus Tabelle 4-14 zurückgegriffen wird. Bei der monetären Entlohnung der Tätigkeiten der Haushaltsproduktion in Abhängigkeit der Haushaltstypen wird wiederum auf die Gewichtungsfaktoren zurückgegriffen, die in Kapitel 4.3.2 (siehe Tabelle 4-12) ermittelt wurden.

Mit diesen Anpassungen sind alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt, um die Teilkomponente Haushaltsproduktion auf Basis von Gleichung (7) kHP = ΣjitHPi * wNi getrennt nach Geschlecht, Alter und Haushaltstyp zu berechnen.

4.5 Modellierung der Teilkomponente Ehrenamt

In diesem Kapitel wird die Modellierung der dritten Teilkomponente „Ehrenamt“ analog zu beiden vorherigen Teilkomponenten in der Basisvariante sowie der geschlechts-, alters- und haushaltstypspezifische Modellierungsvariante vorgenommen. Ausgehend von der allgemeinen Modellstruktur ergibt sich folgender funktionaler Zusammenhang für die Komponente Ehrenamt pro Kopf (in Euro pro Stunde bzw. Tag) kEA:

Illustration

Dabei entspricht wNi dem durchschnittlichen Nettostundenlohn (in Euro) für Tätigkeit i und tEAi der Zeit für die Tätigkeiten i (in Stunden). Für den Wert des Ehrenamts gesamt kEA gilt folgender Zusammenhang: ← 108 | 109 →

Illustration

4.5.1 Basisvariante

Die Modellierung der Teilkomponente „Ehrenamt“ erfolgt analog zu den beiden anderen Komponenten anhand der drei Modellierungsstufen.

1. Modellierungsstufe: Abgrenzung der relevanten Tätigkeiten im Bereich des Ehrenamtes

Die Daten der Zeitbudgeterhebung ermöglichen eine direkte Zuweisung der relevanten Tätigkeiten für die Teilkomponente Ehrenamt. Generell zählen die Tätigkeiten des Ehrenamtes nicht zur Erwerbstätigkeit und gehen über eine reine formale Mitgliedschaft in Organisationen hinaus. In Tabelle 4-16 sind der Tätigkeitsbereich sowie die beiden relevanten Aktivitäten zusammengefasst.

Tabelle 4-16: Aktivitäten und relevante Tätigkeiten der Teilkomponente Ehrenamt inkl. maximaler Zeit dieser Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung

Aktivitäten und relevante TätigkeitsbereicheZeit in Minuten pro Tag
Ehrenamtehrenamtliche Tätigkeiten7
 informelle Hilfe8

Quelle: Eigene Darstellung, Statistisches Bundesamt (2006).

Die zeitlichen Angaben der Zeitbudgeterhebung gehen über eine rein formelle Mitgliedschaft in Organisationen hinaus, das Ehrenamt wird also aktiv ausgeführt. Allerdings gehen verschiedene Studien davon aus, dass der angegebene Wert von den Befragten unterschätzt wird, da nicht immer eine strikte (zeitliche und aktive) Trennung der Tätigkeiten vorgenommen werden kann.296 Neben den ehrenamtlichen Tätigkeiten werden im Rahmen dieser Arbeit zudem Aktivitäten der informellen Hilfe („Nachbarschaftshilfe“) zum Ehrenamt gezählt. Das Aktivitätenspektrum erstreckt sich von der Mithilfe im Haushalt Dritter bis hin zu Pflege- und Betreuungsleistungen oder Reparaturleistungen.297

2. Modellierungsstufe: Bestimmung des zeitlichen Aufwandes im Bereich des Ehrenamtes

Die Abgrenzung der relevanten Tätigkeiten zeigt, dass die Zeiten für die ehrenamtlichen Tätigkeiten direkt aus der Zeitbudgeterhebung entnommen werden können. Somit müssen hierfür keine weiteren Anpassungen vorgenommen werden. Daneben werden auch Tätigkeiten im Bereich der informellen Hilfe ← 109 | 110 → betrachtet. Aus Gleichung (3) kann folgender Zusammenhang für die Zeit der informellen Hilfe im Bereich des Ehrenamtes tIi,EA abgeleitet werden:

Illustration

Die zur Verfügung stehende Zeit der informellen Hilfe kann somit als Residualgröße zur verwendeten Zeit für Schwarzarbeit ermittelt werden.

Zusammenfassend ergibt sich für den zeitlichen Aufwand im Bereich des Ehrenamtes tEAi:

Illustration

Die Berechnungssystematik verdeutlicht, dass die zeitliche Abschätzung des Ehrenamtes als Untergrenze anzusehen ist. Die Extrapolation der Daten auf Jahres-, Monats- und Wochenwerte erfolgt über folgende Zusammenhänge:

 Tageswerte * 365 = Jahreswerte

 Jahreswerte / 12 = Monatswerte

 Monatswerte / 4 = Wochenwerte

Die Hochrechnungsfaktoren liegen der Annahme zugrunde, dass Tätigkeiten im Bereich des Ehrenamtes unabhängig vom Wochentag ausgeführt werden können. Die 365 Tage verteilen sich daher auf die 12 Kalendermonate bzw. die durchschnittlichen vier Wochen eines Kalendermonats.

3. Modellierungsstufe: Bestimmung des monetären Bewertungsansatzes

Nach der Herleitung des zeitlichen Umfangs des Ehrenamtes wird im letzten Modellierungsschritt das Bewertungs- und Stundenlohnkonzept umgesetzt. Gemäß den Ausführungen in Kapitel 4.1.2 wird der Spezialistenansatz mit Nettostundenlöhnen zur Bewertung herangezogen. Mit Hilfe der Zuteilung von Berufen zu den relevanten Tätigkeiten, können die entsprechenden Nettostundenlöhne berechnet werden.

Mit Hilfe der beschriebenen Zeit- und Lohnkomponenten kann somit die Komponente Ehrenamt pro Kopf (in Euro pro Stunde bzw. Tag) kEA in der Basisvariante berechnet werden.

4.5.2 Verteilungsrelevante Berechnungsvarianten

Ausgehend von der Basisvariante werden im Folgenden analog zu den beiden anderen wohlstandsrelevanten Teilkomponenten Schwarzarbeit und Haushaltsproduktion auch für die Teilkomponente Ehrenamt die verteilungsrelevanten Berechnungsvarianten vorgestellt. Um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten, werden auch für die Berechnungsvarianten nach Geschlecht, Alter ← 110 | 111 → und Haushaltstyp die identifizierten relevanten Tätigkeiten für ehrenamtliche Tätigkeiten und informelle Hilfe als Ausgangspunkt für die Modellierungsschritte zwei und drei herangezogen.

In Tabelle 4-17 sind exemplarisch die maximal aufgewandten Minuten pro Tag für die ehrenamtlichen Tätigkeiten und der informellen nach Haushaltstypen differenziert abgebildet.298

Tabelle 4-17: Maximal aufgewandte Zeit für Tätigkeiten im Bereich des Ehrenamtes nach Haushaltstypen in der Zeitbudgeterhebung

TätigkeitEhrenamtliche TätigkeitenInformelle Hilfe
Zeit in Minuten pro Tag
Alleinlebende1011
zusammenlebende Paare ohne Kinder810
Alleinerziehende48
zusammenlebende Paare mit Kindern76

Quelle: Eigene Darstellung; Statistisches Bundesamt (2006).

Die Angaben zeigen, dass alleinlebende Personen mit durchschnittlich 21 Minuten pro Tag die meiste Zeit für Tätigkeiten im Bereich des Ehrenamtes im Vergleich zu den anderen Haushaltstypen aufwenden. Alleinerziehende investieren dagegen nur vier Minuten für ehrenamtliche Tätigkeiten. Die nach sozioökonomischen Merkmalen differenzierten Zeitangaben der ehrenamtlichen Tätigkeiten und der informellen Hilfe bilden den maximalen Zeitrahmen für die Modellierung der Teilkomponente Ehrenamt.

Im zweiten Modellierungsschritt wird der konkrete zeitliche Aufwand des Ehrenamtes in Abhängigkeit des Geschlechts, Alters und Haushaltstyp bestimmt. Analog zur Basisvariante fließen die zeitlichen Angaben der ehrenamtlichen Tätigkeiten ohne weitere Anpassungen in das Modell ein. Im Bereich der informellen Hilfe müssen die bereits modellierten Schwarzarbeitsanteile berücksichtigt werden. In diesem Zusammenhang wird Gleichung (3.1) tIi,EA = tIitIi,SA jeweils für die Berechnungsvarianten nach Alter, Geschlecht und Haushaltstyp modifiziert. Damit kann der zeitliche Aufwand des Ehrenamtes tEAi gemäß den verteilungsrelevanten Berechnungsvarianten bestimmt werden.

Abschließend werden im dritten Modellierungsschritt die Entlohnungsparameter entsprechend der sozioökonomischen Merkmale angepasst. Die bisherigen ← 111 | 112 → Ausführungen zeigen, dass hierbei Modifikationen der Lohndaten nach Geschlecht und Haushaltstyp vorgenommen werden müssen. Dies bedeutet, dass zum einen die geschlechtsspezifischen Nettostundenlohnsätze und zum anderen die ermittelten Lohngewichtungsfaktoren für die Haushaltstypen (vgl. Tabelle 4-12) Anwendung finden. Bei der altersgruppenspezifischen Modellierung werden die gleichen Lohnstrukturdaten wie in der Basisvariante verwendet.

Die beschriebenen Annahmen und Modifikationen ermöglichen somit mithilfe von Gleichung (10) eine geschlechts-, altersgruppen- und haushaltstypspezifische Modellierung der Teilkomponente Ehrenamt.

4.6 Zwischenfazit: Aggregation der Teilkomponenten zum SHE-Indikator

In den vorangegangenen Teilkapiteln wurde die empirische Modellierung der Teilkomponenten Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt vorgestellt. Dabei wurde sowohl der zeitliche Umfang als auch der monetäre Wert der Arbeitsleistung bestimmt. Die Bestimmung der Teilkomponenten erfolgte dabei getrennt in einer Basisvariante sowie in einer geschlechts-, altersgruppen- und haushaltstypspezifischen Variante. In Abbildung 4-4 sind die drei Teilkomponenten und die Berechnungsvarianten nochmals zusammenfassend dargestellt. Neben den Ausprägungen der Berechnungsvarianten, sind zudem die relevanten Datenbasen und die Bewertungsmethoden enthalten.

Abbildung 4-4: Teilkomponenten und Berechnungsvarianten des SHE-Indikators

Illustration

Quelle: Eigene Darstellung. ← 112 | 113 →

Basierend auf den drei Modellierungsstufen ist Aggregation der Teilkomponenten innerhalb der vier verschiedenen Varianten möglich, da alle Ergebnisse die gleiche zeitliche und monetäre Einheit besitzen. Es wird deutlich, dass zum einen die drei Teilkomponenten in vier verschiedenen Berechnungsvarianten ermittelt werden können. Zum anderen kann aber auch der aggregierte SHE-Indikator in den vier Varianten dargestellt werden. An dieser Stelle muss jedoch betont werden, dass durch die isolierte Modellierung der Berechnungsvarianten keine direkten Interdependenzen zwischen den einzelnen sozioökonomischen Gruppen abgebildet werden. So lassen sich durch die gewählte Berechnungsmethodik und Datenabgrenzung keine kombinierten Ergebnisse – beispielsweise nach Alter und Geschlecht – ableiten. Allerdings werden die Zusammenhänge der verschiedenen sozioökonomischen Merkmale untereinander und deren mögliche Einflüsse auf die wohlstands- und verteilungsrelevanten Ergebnisse – vor allem im Kontext sozialer Lebenslaufperspektiven bzw. Lebensverläufe – bei der Analyse im nachstehenden Kapitel aufgegriffen und interpretiert.

Ausgehend von den Ergebnissen aus Kapitel 3 enthält der SHE-Indikator folglich Teilkomponenten, die sowohl Einfluss auf die Wohlstandsentwicklung als auch Verteilungswirkungen haben. Die drei Teilkomponenten „Schwarzarbeit“, „Haushaltsproduktion“ und „Ehrenamt“ bilden die Grundlage für die Modellierung von Wohlstandseffekten. Die verteilungsrelevanten Komponenten werden im SHE-Indikator durch die Dimensionen Geschlecht, Alter und Haushaltstyp abgedeckt. Die Zusammensetzung des SHE-Indikators kann somit als Indikatorenset zur Messung des materiellen Wohlstandes herangezogen werden.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass der SHE-Indikator ein geeigneter Ansatz ist, die zentrale Fragestellung dieser Arbeit zu beantworten. Es konnte gezeigt werden, dass durch den SHE-Indikator sowie die einzelnen drei Teilkomponenten die materielle Wohlstandssituation in Deutschland systematisch erfasst und verteilungsrelevante Komponenten berücksichtigt werden. Zur Beantwortung der zusätzlichen Fragestellung erfolgt in den kommenden Kapiteln die empirische Analyse der Ergebnisse unter wohlstands- und verteilungsrelevanten Gesichtspunkten.

212 Vgl. u.a. Hawrylyshyn (1976, 1977), Spangenberg, Lorek (2002), Schäfer (2004 a, b), Diefenbacher, Zieschank (2010), Sesselmeier, Ostwald (2011), Sojka (2012), Hacket (2012).

213 Nähere Informationen unter http://www.diw.de/soep. Die Befragungen des SOEP erlauben detaillierte Auswertungen im Bereich der Erwerbsarbeit. Darüber hinaus werden stilisierte Zeitbudgetfragen zu zentralen Aktivitäten, jedoch keine spezifischen Tätigkeitsmuster erfragt (vgl. Merz (2001), S. 9).

214 Vgl. United Nation http://unstats.un.org/unsd/demographic/sconcerns/tuse/.

215 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 427.

216 Vgl. Eurostat (2008), S. 7ff, 141 ff.

217 Die Ergebnisse der dritten Zeitbudgeterhebung in Deutschland werden für Dezember 2015 erwartet (vgl. Statistisches Bundesamt (2013d), S. 131).

218 Vgl. Bundestag (2013), S. 29. Des Weiteren wird im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der Aufbau eines Haushaltssatellitenkontos versucht, dessen Grundlage die Zeitbudgeterhebung 2012/13 bilden soll. Somit will das Statistische Bundesamt verstärkt Aktivitäten im Bereich „Wohlstandsmessung, BIP und Glück“ ergreifen (vgl. https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/home/pdf/kolloquien/2012/5_Fritsch-AktuelleVGREntwicklungen.pdf).

219 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 431.

220 Vgl. Merz (2001), S. 7.

221 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 427.

222 Die Forschungsdatenzentren der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder stellen die korrespondierenden Daten der Zeitbudgeterhebung 2001/2002 zur Verfügung. Nähere Informationen und Zugangsmöglichkeiten finden sich unter www.forschungsdatenzentrum.de.

223 Vgl. Ehling (2004), S. 14.

224 Vgl. Ehling (2004), S. 14.

225 Vgl. Ehling (2004), S. 14.

226 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 433.

227 Vgl. Ehling (2004), S. 15.

228 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 428.

229 Vgl. Hufnagel (2004), S. 280.

230 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 433.

231 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 430.

232 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 430.

233 Vgl. Ehling et al. (2001), S. 435.

234 Vgl. Ehling (2004), S. 12.

235 Vgl. Statistisches Bundesamt (2001).

236 Das Statistische Bundesamt hat beispielsweise die Beiträge der Ergebniskonferenz zur Zeitbudgeterhebung in einem Band „Alltag in Deutschland – Analysen zur Zeitverwendung“ herausgebracht. Dieser zeigt einige Auswertungsmöglichkeiten der Daten der Zeitbudgeterhebung.

237 Vgl. Statistisches Bundesamt (2013c), S. 12.

238 Das heißt, die für die LWR anzuwerbenden Haushalte werden aus der letzten Befragung der EVS ausgewählt. Diese Haushalte bilden grundsätzlich zur nächsten EVS-Befragung die Stichprobe der LWR. Statistisches Bundesamt (2012c), S. 4.

239 Die hier dargestellte Einteilung spiegelt bereits die harmonisierten Altersgruppen aus der ZBE, des Mikrozensus und der LWR wider. Die Anpassungsschritte werden in Kapitel 4.3.2 beschrieben.

240 Vgl. Hawrylyshyn (1977), S. 90f.

241 Die Zuteilung der relevanten Tätigkeiten der Zeitbudgeterhebung zu den drei Teilkomponenten Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt sowie das Matching mit statistisch erfassten Berufen (marktliche Tätigkeitsäquivalente) erfolgt in Kapitel 4.2.

242 Vgl. Bundesagentur für Arbeit, online abrufbar unter: http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Beschaeftigung/Entgeltstatistik/Entgeltstatistik-Nav.html.

243 Vgl. Statistisches Bundesamt (2013e).

244 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2010), S. 5.

245 Als Bruttoarbeitsentgelt werden die Arbeitsentgelte vor Abzug von Steuern (Lohnsteuer, Solidaritätsbeitrag, ggf. Kirchensteuer) und Sozialversicherungsbeiträgen (i.d.R. Rentenversicherung, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Pflegeversicherung) verstanden (Vgl. Entgeltstatistik – Begriffserklärungen).

246 Die Stichprobe wird zweistufig gezogen. Auf der 1. Stufe werden maximal 34.000 Betriebe ausgewählt. Für eine hohe Repräsentativität erfolgt die Auswahl der Betriebe geschichtet nach Bundesland, Wirtschaftszweig und Betriebsgrößenklasse. Auf der 2. Stufe werden innerhalb der Betriebe Arbeitnehmer per Zufallsverfahren ausgesucht. Für das Berichtsjahr 2010 wurden die Daten von 32.000 Betrieben und 1,9 Millionen Arbeitnehmern erfasst und ausgewertet.

247 Vgl. Statistisches Bundesamt (2013e), S. 606.

248 Vgl. Statistisches Bundesamt (2013e), S. 6.

249 Vgl. ebenda, S. 6.

250 Vgl. Schäfer (2004a), S. 260.

251 Vgl. Schäfer (2004b), S. 966.

252 Vgl. Schäfer (2004b), S. 966f.

253 Vgl. Feld, Larsen (2012b), S. 18.

254 Vgl. Weinkopf (2005), S. 15, 24.

255 Vgl. Chadeau (1992), S. 90ff.; Goldschmidt-Clermont (1993), S. 421ff. In der Literatur werden die Ansätze primär für die Bewertung der Haushaltsproduktion beschrieben. Aufgrund der gewählten Abgrenzungen und Charakterisierung der drei Teilkomponenten, können diese Bewertungsansätze auch für die nicht-marktlichen Tätigkeiten der Schwarzarbeit und des Ehrenamtes angewandt werden.

256 Vgl. Chadeau (1992), S. 90.

257 Vgl. Chadeau (1992), S. 91.

258 Vgl. Chadeau (1992), S. 91.

259 Vgl. Goldschmidt-Clermont (1993), S. 423f.; Schäfer (2004b), S. 968.

260 Vgl. Goldschmidt-Clermont (1993), S. 423; Schäfer (2004b), S. 968.

261 Vgl. Goldschmidt-Clermont (1993), S. 421f.; Schäfer (2004b), S. 968.

262 Vgl. Schäfer (2004b), S. 963.

263 Vgl. Sesselmeier, Ostwald (2011), S. 19.

264 Vgl. Enste (2009), S. 2f., Feld, Larsen (2012b), S. 30ff.

265 Vgl. Enste (2009), S. 2ff.

266 Vgl. Sesselmeier, Ostwald (2011), S. 19.

267 Vgl. u.a. Enste et al. (2009), S. 17.

268 Vgl. u.a. Weinkopf (2005), S. 23f., Feld, Larsen (2012b), S. 70. Die Auswahl der Beispielberufe erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sie spiegelt jedoch das vielfältige Tätigkeitsspektrum der nicht-marktlichen Tätigkeiten wider.

269 Siehe hierzu die entsprechenden Ausführungen in Kapitel 3.2.1 und Kapitel 4.1.1. Durch das Erhebungsdesign der Zeitbudgeterhebung in Form von Tagebucheinträgen kann ein durchschnittlicher Tag in einer 10-Minuten-Taktung nach Tätigkeiten differenziert werden. Daher kann angenommen werden, dass bestimmte Tätigkeitsbereiche auch Angaben zur Schwarzarbeit beinhalten. Diese werden jedoch nicht gesondert erfasst bzw. ausgewiesen.

270 Vgl. Feld, Larsen (2012a), S. 60.

271 Vgl. Bundestag (2013), S. 336.

272 Vgl. Feld, Larsen (2012a, b).

273 Vgl. Feld, Larsen (2012b), S. 20.

274 Vgl. Feld, Larsen (2012b), S. 21.

275 Vgl. Feld, Larsen (2012b), S. 65.

276 Vgl. Feld, Larsen (2012a), S. 64.

277 Vgl. Brücker et al. (2012); Bundesagentur für Arbeit (2013).

278 Vgl. Feld, Larsen (2012), S. 70. Die Liste ist eine leicht modifizierte Aufzählung der möglichen Wirtschaftszweige und Tätigkeiten, die bei Feld und Larsen zu finden sind.

279 Vgl. Feld, Larsen (2012a), S. 60. In diesem Zusammenhang sei vor allem auf die Behebungsproblematik im Bereich der Schwarzarbeit hingewiesen.

280 Es werden die durchschnittlichen Werte pro Person betrachtet, d.h. es gibt Gruppen, in denen die Schwarzarbeit ausgeprägter sein wird, beispielsweise die Gruppe der Beschäftigten. Diese Differenzierung wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit jedoch nicht getroffen.

281 Vgl. Schäfer (2004b), S. 968.

282 Im Anhang sind in Tabelle 0-1 die Bruttostundenlohnsätze der einzelnen Berufe dargestellt, die zur Berechnung der hier abgebildeten durchschnittlichen Lohnsätze auf Basis des Spezialistenansatzes verwendet werden.

283 Vgl. Feld, Larsen (2012a), S. 50.

284 Vgl. Boockmann et al. (2010), S. 29.

285 Vgl. Feld, Larsen (2012a), S. 39.

286 Im Anhang sind in Tabelle 0-1 die geschlechtsspezifischen Bruttostundenlohnsätze der einzelnen Berufe dargestellt, die zur Berechnung der hier abgebildeten durchschnittlichen Lohnsätze auf Basis des Spezialistenansatzes verwendet werden.

287 Im Anhang (Tabelle 0-3) befindet sich eine Übersicht, die die Zeitangaben der Tätigkeiten nach Altersgruppen darstellt.

288 In Kapitel 4.1.1 wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Werte der Zeitbudgeterhebung nicht beliebig aggregierbar sind, da unterschiedliche Gewichtungsfaktoren bei der Hochrechnung der Daten herangezogen wurden. Das bedeutet, dass die Summe der einzelnen Altersgruppen nicht der Summe der Gesamtergebnisse entsprechen (muss).

289 Vgl. Feld, Larsen (2012a), S. 47.

290 Im Anhang (Tabelle 0-5) befindet sich eine Übersicht, die die Zeitangaben der Tätigkeiten nach Haushaltstypen darstellt.

291 In Kapitel 4.1.1 wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Werte der Zeitbudgeterhebung nicht beliebig aggregierbar sind, da unterschiedliche Gewichtungsfaktoren bei der Hochrechnung der Daten herangezogen wurden. Das bedeutet, dass die Summe der einzelnen Haushaltstypen nicht der Summe der Gesamtergebnisse entsprechen (muss).

292 Die laufende Wirtschaftsrechnung (LWR) wird als Unterstichprobe der vorangegangenen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) realisiert. Das heißt, die für die LWR anzuwerbenden Haushalte werden aus der letzten Befragung der EVS ausgewählt. Diese Haushalte bilden grundsätzlich zur nächsten EVS-Befragung die Stichprobe der LWR. Statistisches Bundesamt (2012c), S. 4.

293 Vgl. Statistisches Bundesamt (2012c), S. 37.

294 Vgl. Statistisches Bundesamt (2013f), S. 35.

295 Auf die Darstellung der geschlechts- und haushaltstypspezifischen Zeitangaben wird an dieser Stelle verzichtet. Im Anhang (Tabelle 0-3 und Tabelle 0-5) befindet sich jedoch eine Übersicht der entsprechenden Zeitangaben der Tätigkeiten.

296 Vgl. u.a. Gensicke, Geiss (2004), Kahle, Schäfer (2005).

297 Vgl. Statistisches Bundesamt (2006).

298 Auf die Darstellung der geschlechts- und altersgruppenspezifischen Zeitangaben wird an dieser Stelle verzichtet. Im Anhang (Tabelle 0-3 und Tabelle 0-4) befindet sich jedoch eine Übersicht der entsprechenden Zeitangaben der Tätigkeiten.