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Gegenwartskultur als methodologische Herausforderung der Kulturwissenschaft(en)

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Jürgen Joachimsthaler

Was ist das überhaupt: Gegenwartskultur? Und wie lässt sie sich erfassen? Mit diesen nur scheinbar einfachen Fragen begegnet eine als interdisziplinäres Projekt begriffene Kulturwissenschaft dem Problem ihrer Gegenstandskonstitution. Auf wechselnder Abstraktions- und Konkretisationsebene fächern die Beiträge dieses Bandes ein Feld auf, das von grundsätzlicher methodologischer Erwägung bis zu detaillierter Deskription einzelner Phänomene reicht, von der Reflexion rechtlicher wie ökonomischer Rahmenbedingungen bis zu gezielten Blicken über die Ränder national eingeschränkter Wahrnehmungsräume hinaus; unterschiedlich tief wird zur Erklärung aktueller Phänomene in Vergangenheiten geblickt, die wiederum als Geschichts- oder Erinnerungskultur selbst Teil der Gegenwartskultur sein können.
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Gegenwartsnahe Zeitgeschichte: Zählen der Bäume oder Vermessen des Waldes?

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Es ist eine wunderbare Anekdote, oft erzählt, und viele haben sie vermutlich schon einmal gehört und kennen sie: Ob die Französische Revolution denn nach seinem Dafürhalten ein Erfolg gewesen sei, erkundigte sich der amerikanische Außenminister Henry Kissinger einmal bei Chinas kommunistischem Premierminister Zhou Enlai. Die berühmte Antwort des Chinesen lautete: „Zu früh, um das zu beurteilen“.1

Zu diesem Zeitpunkt war das Ereignis „Französische Revolution“ bereits 200 Jahre her. Nun wäre es billig zu sagen, chinesische Kommunisten verstünden sowieso nichts von der Geschichte. Solche Urteile, die Zeitgeschichte betreffend, sind ja auch bei uns gang und gäbe. Ohne einen gehörigen zeitlichen Abstand, so hört man immer wieder, lasse sich die Vergangenheit gar nicht deuten, verstehen, interpretieren. Aber wann ist es dann so weit? Wann ist ein gebührender zeitlicher Abstand erreicht? Nach 200 Jahren, 500 oder tausend? Müssen alle Akteure lange tot sein, damit Geschichte beginnt? Und wem soll dann bis dahin Forschung und Erkenntnisgewinn überlassen bleiben?

Geschichte, ob weit oder nah zurückliegend, ist immer revisionsanfällig, dies gehört zu ihrem Wissenschaftscharakter, und wann Vergangenheiten abgeschlossen oder noch nicht abgeschlossen sind, lässt sich nicht leicht entscheiden. Wenn jedoch der Zeitgeschichte als „Epoche der Mitlebenden“ und ihrer wissenschaftlichen Behandlung auch die Aufgabe zufällt, „fortlaufende Orientierung“ zu liefern und den Streit darüber zu generieren, wie es der Nestor der Disziplin in Deutschland, Hans Rothfels, bereits 1953 ← 11 | 12...

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