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Gegenwartskultur als methodologische Herausforderung der Kulturwissenschaft(en)

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Jürgen Joachimsthaler

Was ist das überhaupt: Gegenwartskultur? Und wie lässt sie sich erfassen? Mit diesen nur scheinbar einfachen Fragen begegnet eine als interdisziplinäres Projekt begriffene Kulturwissenschaft dem Problem ihrer Gegenstandskonstitution. Auf wechselnder Abstraktions- und Konkretisationsebene fächern die Beiträge dieses Bandes ein Feld auf, das von grundsätzlicher methodologischer Erwägung bis zu detaillierter Deskription einzelner Phänomene reicht, von der Reflexion rechtlicher wie ökonomischer Rahmenbedingungen bis zu gezielten Blicken über die Ränder national eingeschränkter Wahrnehmungsräume hinaus; unterschiedlich tief wird zur Erklärung aktueller Phänomene in Vergangenheiten geblickt, die wiederum als Geschichts- oder Erinnerungskultur selbst Teil der Gegenwartskultur sein können.
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Die totale Gegenwart. Aktuelle Kultur als methodologisches Problem

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Jürgen Joachimsthaler

Die totale Gegenwart

Aktuelle Kultur als methodologisches Problem

I.

„Gegenwartskultur“ hat Konjunktur1 – nicht erst heute. Seit Beginn der Moderne nehmen wissenschaftliche, künstlerische und bürokratische Praktiken zeitnaher Selbstaufnahme und -beobachtung exponentiell zu. Vom Selfie über den Mitschnitt der elektronischen Kommunikation ganzer Gesellschaften bis zum Satellitenbild, von ausdrücklich ihrer eigenen Gegenwart zugewandten künstlerischen Strömungen über Einrichtungen zur Archivierung der Gegenwartskultur2 und wissenschaftlichen Periodika für Gegenwartsliteratur3 bis zu den auf die Gegenwart orientierten Fächern ← 267 | 268 → Soziologie und Politologie: Individuen, Institutionen und ganze Gesellschaften blicken gerne auf sich, um ihren aktuellen Zustand erfassen zu können. Beträchtliche geistige wie materielle Ressourcen fließen in Selbstbetrachtung, Selbstentwurf und, darum geht es letztlich, Selbstgestaltung. Dies verleiht dem für Selbstbeobachtung von Gesellschaften zuständigen Bereich der „Kultur“ in einem mittelbreiten Sinne des Wortes, der Wissenschaft, Künste und Medien umfasst, eine privilegierte Position, wird in ihm doch die jeweilige Gegenwart repräsentiert, reflektiert und analysiert sowie spielerisch oder ernsthaft variiert und im Modus der Fiktion experimentell auf ihre Möglichkeiten und Grenzen hin abgetastet.4 Kultur schafft sich ihr Bild von sich selbst – und orientiert sich dann (womöglich) daran. Dieser Vorgang der Selbst-Formung, dieses „doing culture“5, ist eine der Funktionen von Kultur. Legt man sie seiner Definition zugrunde, beinhaltet der Begriff „Gegenwartskultur“ jede Form menschlichen Tuns, mit dem eine Kultur sich und ihren aktuellen Zustand zum Objekt reflektierenden bzw. gestaltenden Tuns macht.

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