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Heimatverlust in historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen der Gegenwart über Auswanderung, Flucht und Vertreibung

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Sibylle Nagel

In historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen über Auswanderung, Flucht und Vertreibung, soweit in den letzten Jahren erschienen, spielt das Thema des Heimatverlustes eine zentrale Rolle. Es geht in diesen Texten allerdings um mehr als nur den äußeren Vorgang des Reisens oder der Migration; sie lassen sich auch als verkappte Schilderungen eines inneren Vorgangs, einer psychischen Entwicklung lesen. Sie handeln nicht zuletzt auch vom Verlassen der Kindheit, von der Bewältigung der Adoleszenz und von der Erreichung bzw. der Verfehlung eines reifen Erwachsenenstatus. Wir haben es in gewissem Ausmaß stets auch mit psychologischen, mit Entwicklungsromanen zu tun. Der wie immer sentimental aufgeladene Rückblick auf die Heimat gilt im Grunde genommen der verlorenen Kindheit. Die Arbeit deckt einen Mechanismus der doppelten Bedeutung auf, der für viele andere Jugendromane charakteristisch ist, die auf den ersten Blick frei von aller (Entwicklungs-)Psychologie sind.
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9. Blickrichtung Heimat: Migrationsverläufe und Migrantenziele

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„Metaphorisch könnten wir die Entwicklung eines Menschenlebens als eine Abfolge von ‚Migrationen‘ betrachten, durch die der Mensch sich fortschreitend von seinen Primärobjekten entfernt“, sagen Grinberg/Grinberg (Grinberg/Grinberg 1990, 223). Danach entspricht bereits die Geburt einer „ersten ‚Migration‘ im Leben jedes Menschen“ (ebd.). Auf dieser Grundlage wird von den Grinbergs eine „Analogie zum Geschehen beim Immigranten“ hergestellt: „Nachdem [der Migrant] sich von seinem Land - dem Mutterschoß - getrennt hat, muß er in der neuen Umwelt Kontakt mit einem passenden Objekt aufnehmen.“ (ebd., 224) Analog dazu können wir sagen: Nachdem der noch kindliche Protagonist in jugendliterarischen Werken sich von seiner Heimat gelöst hat, beginnt für ihn die unsichere Zeit der Wanderung und Adoleszenz und darauf folgend die abschließende Phase der Einrichtung in der neuen Heimat, in der u. U. auch zukünftige Partner auf ihn warten. Die in der These angenommene Abfolge der Handlung in Zuordnung zu einzelnen Entwicklungsphasen kann somit - was den zeitlichen Ablauf anbelangt - eindeutig bejaht werden. Der Handlungsverlauf lässt sich in drei zeitliche Abschnitte gliedern, deren Beginn und Ende durch Aufbruch und Ankunft bestimmt werden:

a)Aufenthalt in der alten Heimat

b)Aufbruch und Reise: Auswanderung, Flucht und Vertreibung

c)Ankunft und Einrichtung in der neuen Heimat

Dem Handlungsverlauf entsprechen die Entwicklungsstadien:

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