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Heimatverlust in historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen der Gegenwart über Auswanderung, Flucht und Vertreibung

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Sibylle Nagel

In historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen über Auswanderung, Flucht und Vertreibung, soweit in den letzten Jahren erschienen, spielt das Thema des Heimatverlustes eine zentrale Rolle. Es geht in diesen Texten allerdings um mehr als nur den äußeren Vorgang des Reisens oder der Migration; sie lassen sich auch als verkappte Schilderungen eines inneren Vorgangs, einer psychischen Entwicklung lesen. Sie handeln nicht zuletzt auch vom Verlassen der Kindheit, von der Bewältigung der Adoleszenz und von der Erreichung bzw. der Verfehlung eines reifen Erwachsenenstatus. Wir haben es in gewissem Ausmaß stets auch mit psychologischen, mit Entwicklungsromanen zu tun. Der wie immer sentimental aufgeladene Rückblick auf die Heimat gilt im Grunde genommen der verlorenen Kindheit. Die Arbeit deckt einen Mechanismus der doppelten Bedeutung auf, der für viele andere Jugendromane charakteristisch ist, die auf den ersten Blick frei von aller (Entwicklungs-)Psychologie sind.
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12. Fazit und abschließende Bemerkungen

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Das Fazit lautet: In historischen Jugendromanen mit dem Thema der Auswanderung lässt sich ohne Weiteres eine sekundäre Bedeutung der Reise im Sinne eines Reifungsprozesses herauslesen. Die Krise des Heimatverlusts und die Erfahrungen der sich anschließenden Migrationsphase in Auswanderungsromanen kann als Adoleszenzkrise gelesen werden – selbst dann, wenn auf der Handlungsebene von einem Reifeprozess der Figuren nicht ausdrücklich die Rede ist wie auch unterschiedliche Möglichkeiten der Bewältigung (aktiv-progressiv oder regressiv) nicht zur Sprache gelangen. In zeitgeschichtlichen Jugendromanen wird die Entwurzelung durch Heimatverlust nach Flucht und Vertreibung und damit verbundene Traumata in den Fokus gerückt, ohne den sich anschließenden Entwicklungs- oder Trauerprozess zu berücksichtigen. Stattdessen wird eine vergangenheitsorientierte Blickrichtung vorgegeben. Die Reisenden nehmen in sich das Bild der Heimat mit. Auch in zeitgeschichtlichen Romanen ist die zweite Bedeutungsebene angelegt und wird durch die in Kapitel 10 beschriebenen Signale erkennbar gemacht. Dennoch geht es hier nicht um Adoleszenz, sondern um Kindheit. Die rückblickende Ausrichtung der Erzählungen bedingt, dass die (verlorene) Kindheit gegenüber der Adoleszenz hervorgehoben wird. Rückblickend erscheint die Kindheit im Vergleich mit der erzählten Gegenwart der Flucht und Vertreibung als sicherer, geschützter und paradiesischer Ort. Hier eröffnet sich eine weitere, mögliche, nämlich religiöse Lesart der Reiseromane, die auch für historische Romane gelten gelassen werden kann. Nicht nur wird die Heimat der Kindheit zum verlorenen Paradies erklärt, auf das der Migrant sehnsüchtig zurück schaut. Auch das Kind-Sein selbst wird mit einem...

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