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Kirche nach Auschwitz zwischen Theologie und Vergangenheitspolitik

Die Auseinandersetzung der evangelischen Kirchen beider deutscher Staaten mit der Judenvernichtung im «Dritten Reich» im politisch-gesellschaftlichen Kontext

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Tetyana Pavlush

In ihrem Buch zeichnet Tetyana Pavlush den Wandel der Holocaust-Reflexion in den evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik und in der DDR. Zentral sind Fragen nach dem Anteil der Kirchen am gesamtgesellschaftlichen Lernprozess hinsichtlich des Holocaust und nach der Auswirkung der offiziellen Vergangenheitspolitik auf die kirchliche Erinnerung. Durch vergleichende Analyse der öffentlichen Kontroversen und Gedenktage erfasst die Autorin die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den kirchlichen Diskussionen auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze im engen Zusammenhang mit den politisch-gesellschaftlichen Faktoren. Die Auswertung der Stellungnahmen der Amtskirchen sowie der Arbeitsergebnisse von Kirchentagen und evangelischer Presse ergibt ein differenziertes und dynamisches Bild der kirchlichen Erinnerungsarbeit zwischen dem Ende der NS-Zeit und der Wiedervereinigung.
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3. Die kirchliche „Vergangenheitsbewältigung“ im Kontext der öffentlichen Kontroversen

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3.  Die kirchliche „Vergangenheitsbewältigung“ im Kontext der öffentlichen Kontroversen

3.1 Der Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann als politisches Ereignis und Provokation zur Erinnerung

Als Heinrich Grüber260 – ein evangelischer Pfarrer, Mitglied der Bekennenden Kirche und Leiter einer Hilfsstelle für Rassenverfolgte in der NS-Zeit – beim Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 als einziger deutscher, nichtjüdischer Zeuge auftrat, wertete der Bischof Otto Dibelius261 seine Zeugnis mit folgenden Worten: „Das ist ein Dienst gewesen, der für ganz Deutschland, vor allem für die Kirche, geschah. Dieser Dienst wird Grüber nicht vergessen werden“262.

Im Hinblick auf die Aussage des Berliner Bischofs bleibt unklar, was hier mit „ganz Deutschland“ gemeint wurde. Vor allem, wenn man nicht nur den deutsch-deutschen „Kampf um die Erinnerung“ und die unterschiedlichen Erwartungen beider deutschen Staaten vom Prozess in Jerusalem im Auge behält, sondern auch die Tatsache, dass Heinrich Grüber – der nach 1945 als Propst an der Marienkirche in Ostberlin und bis 1958 als Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Regierung der DDR agierte – und Otto Dibelius – seit 1945 Mitglied der CDU und seit 1949 Ratsvorsitzender der EKD – kirchenpolitische Opponenten in einer, Berlin-Brandenburgischen, Landeskirche waren. Dieses Zitat zielt zugleich auf den Zusammenhang, der für die in diesem Kapitel anvisierte Klärung der Reaktionen der evangelischen Kirchen auf den Eichmann-Prozess von zentraler Bedeutung ist. Gemeint ist die Wechselbeziehung zwischen der politischen, öffentlichen und kirchlichen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und mit dem Holocaust. Es stellt sich...

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