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Ethik der Dissidenz

Kritische Theorie und öffentliche Kritik

Stefan Marx

Die öffentliche Kritik verlangt die immanente Kritik der Theorien der Öffentlichkeit. Indem sie nachvollzieht, wie politische Herrschaft in die öffentlichen Diskurse einwandert, ist sie kritische Theorie der Öffentlichkeit. Indem sie eine Kritik am deliberativen Demokratiekonzept entwickelt, ist sie eine Ethik der Dissidenz. Die These ist, dass die agonale Beschaffenheit des Politischen Anforderungen an die Politik stellt, die sich nicht durch permanenten Diskurs bearbeiten lassen, sondern nur durch ein Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit politischer Praxis. Dissidenz muss dem, was sich beständig diskursiv als Selbstverständlichkeit etabliert, immer auf neuem Stand opponieren. Sei es die Öffentlichkeit im Nationalsozialismus oder die diskursive Verflüssigung von Souveränität im World Wide Web.
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Das Internet: Undurchschaubarer und unumgehbarer Kommunikationsraum

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Der „Handelsgeist“ (IKW11: 226), der die Staaten in Kants „Entwurf zum Ewigen Frieden“ dazu drängt, entgegen ihrer Natur untereinander friedlich zu bleiben, besteht wegen des Postulats der pazifizierenden Wirkung des Verkehrs von Nachrichten, Personen und Waren. Die internationale Freiheit des Individuums sollte durch die Internationalisierung des Rechts der ErdenbürgerInnen, „die Gemeinschaft mit allen zu versuchen, und zu diesem Zweck alle Gegenden der Erde zu besuchen“, (IKW8: 476) ohne Anspruch darauf zu erheben, sich permanent niederzulassen, verwirklicht werden. Das Internet verspricht die Struktur zu sein, innerhalb derer sich dieser Vorschlag auf eine eigentümliche Weise verwirklichen ließe, indem im Virtuellen ein neuer Markt „für die freie Distribution und grenzüberschreitende Zirkulation von Personen, Waren und Dienstleistungen in Echtzeit“ (Maresch/Rötzer 2001: 11) entsteht. Der Begriff der globalen Öffentlichkeit scheint sich zu konkretisieren und versieht im virtuellen Raum das kantische Weltbürgerrecht mit der Eigenschaft sich an die Stelle der Souveränität zu setzen. Mit kosmopolitischer Rücksicht behauptet Kant gegen Hobbes: „Was aus Vernunftgründen für die Theorie gilt, das gilt auch für die Praxis.“ (IKW11: 172), dass also eine Struktur, die „kein Zentrum, keine Mitte“ (Lem 2002: 265) hat, sich den Anschein von politischer Substanz geben kann, ohne deren Garantien einzufordern.74

Die Form der Struktur verbreitet sich als unsichtbares Gewebe über die Welt und umspinnt die in ihm stattfindenden Diskurse mit einem feinen Netz, das sich auch auf die ihm korrespondierenden Diskurse überträgt. Das politische Gespräch wird...

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