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Ethik der Dissidenz

Kritische Theorie und öffentliche Kritik

Stefan Marx

Die öffentliche Kritik verlangt die immanente Kritik der Theorien der Öffentlichkeit. Indem sie nachvollzieht, wie politische Herrschaft in die öffentlichen Diskurse einwandert, ist sie kritische Theorie der Öffentlichkeit. Indem sie eine Kritik am deliberativen Demokratiekonzept entwickelt, ist sie eine Ethik der Dissidenz. Die These ist, dass die agonale Beschaffenheit des Politischen Anforderungen an die Politik stellt, die sich nicht durch permanenten Diskurs bearbeiten lassen, sondern nur durch ein Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit politischer Praxis. Dissidenz muss dem, was sich beständig diskursiv als Selbstverständlichkeit etabliert, immer auf neuem Stand opponieren. Sei es die Öffentlichkeit im Nationalsozialismus oder die diskursive Verflüssigung von Souveränität im World Wide Web.
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Schluss

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Ideengeschichtlich betrachtet verbindet sich mit der Wende vom platonischen Einheitsdenken zur Praxis der partizipativen Vielfalt die Möglichkeit, die politische Macht Einzelner durch die politische Praxis Vieler zu relativieren. Bei Aristoteles tritt der Gedanke der Partizipation gegenüber der Qualifikation in den Vordergrund. Nicht mehr Experten treffen Entscheidungen auf dem Gebiet der Politik, sondern jeder Bürger, der die Zeit und Muße dafür aufbringt. Diese politische Gemeinschaft ist männlich und großbürgerlich, aber in einem anderen Sinne elitär als die der Philosophenkönige. Bei Hannah Arendt wird der föderale, republikanische, vollinklusive Verfassungsstaat zur notwendigen Konzession der Moderne an die Vorstellung politischer Partizipation. Ihr Vorwurf an die deutsche Philosophie seit der französischen Revolution lautet, sie habe mittels Theorie die Praxis stillgestellt. Nicht mehr das Handeln der Menschen, sondern historische Dialektiken bestimmten ihr Bild von der Geschichte. Die politische Urteilskraft verkomme zum „Standpunkt des Betrachters, der dem Gehandelten wie der Zuschauer eines Schauspiels beiwohnt“ (Arendt 2011: 64).189 Der theoretisch von Hegel dargelegte Determinismus historischer Notwendigkeit überträgt sich auf die politische Praxis. Dabei sollte der Endzweck der Revolution doch „die Errichtung der Freiheit bzw. die Konstituierung eines öffentlichen Raumes“ (Arendt 2011: 326) sein, in dem bewusst wird, dass „niemand frei ist, der nicht aus Erfahrung weiß, was öffentliche Freiheit ist, und dass niemand frei oder glücklich ist, der keine Macht, nämlich keinen Anteil an öffentlicher Macht“ (Arendt 2011: 327) hat.

Die griechische Antike bezeichnet jemanden, der weder ein...

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