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Ethik der Dissidenz

Kritische Theorie und öffentliche Kritik

Stefan Marx

Die öffentliche Kritik verlangt die immanente Kritik der Theorien der Öffentlichkeit. Indem sie nachvollzieht, wie politische Herrschaft in die öffentlichen Diskurse einwandert, ist sie kritische Theorie der Öffentlichkeit. Indem sie eine Kritik am deliberativen Demokratiekonzept entwickelt, ist sie eine Ethik der Dissidenz. Die These ist, dass die agonale Beschaffenheit des Politischen Anforderungen an die Politik stellt, die sich nicht durch permanenten Diskurs bearbeiten lassen, sondern nur durch ein Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit politischer Praxis. Dissidenz muss dem, was sich beständig diskursiv als Selbstverständlichkeit etabliert, immer auf neuem Stand opponieren. Sei es die Öffentlichkeit im Nationalsozialismus oder die diskursive Verflüssigung von Souveränität im World Wide Web.
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Einleitung

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass überall, wo mittels Kritik am vorgeblich moralischen Schein gekratzt wird, tatsächlich Moral zum Vorschein kommt. Das Versprechen, das Kommunikation gibt, wenn sie als Mittel der Verständigung angepriesen wird, lässt sich politisch nicht einlösen. Politik ist radikaler Konflikt, der sich zwar parlamentarisch moderieren, aber letztlich nicht in kommunikatives Wohlgefallen auflösen lässt, weil konfligierende Interessen zwar als konsensfähig und vermittelbar gelten mögen, aber sich doch ständig auch entgegen der Interessen der so genannten Allgemeinheit durchsetzen lassen. Letztlich bleibt es, was die Ergebnisse politischer Auseinandersetzungen betrifft, immer bei einer „Kommunikation des Unterschiedenen“ (AGS 10.2: 743), die, wenn sie auch scheinbar Versöhnung in der Interessensallgemeinheit findet, doch stets nur die partikularen Ansprüche von Gruppen zum Ausdruck bringt. Die damit verbundene Tendenz der politischen Kommunikation die kategoriale Diversität ihrer eigenen Ausdrucksformen abzuschneiden, trägt zu einer Stillstellung der politischen Handlungsfähigkeit der Individuen bei.1

Theodor W. Adorno spricht von der Öffentlichkeit als polemischem Wesen, das nicht fest umrissen ist (AGS8: 533). Er betrachtet sie als Ort des Meinungsstreits, an dem sich die Verselbständigung diskursiver Auseinandersetzung und die Abhebung des Geschäfts der Kritik von den politischen Subjekten ereignen. Die Beschaffenheit der Öffentlichkeit tendiert zur Objektifizierung ihrer Subjekte im Modus konkurrierender Meinungen und zugleich wird an ihren Grenzen das Potential eines Besseren (AGS8: 536) ablesbar das dieser Manipulation der politischen Urteilskraft nicht bedarf.

Die Theorie des kommunikativen Handelns suggeriert es...

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