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Alter, neuer Kalter Krieg?

Eine philosophiegeschichtliche Analyse des Zusammenhangs von «Sozialismus» und Frieden

Ulrich Knappe

Ist es nicht verwunderlich, mit welcher Präzision der Kalte Krieg an der Ukrainekrise wieder aufbricht? Die alten, eingeübten, systemischen, konfrontativen Denk- und Handlungsmuster sind nicht überwunden, sondern scheinbar nur zurückgedrängt worden. Wenn Verstehen und Verständigung, als Überlebensprinzip im Nuklearzeitalter, jedoch dauerhafter werden sollen, dann lohnt es sich, tiefer zu gehen und nach den überkommenen Ursachen für den neuen Ausbruch der Konfrontation zu suchen. Diese Schrift analysiert das Entstehen, die Existenz und den Untergang des «Sozialismus» und entwirft von daher die Konturen unterschiedlicher Friedenszustände, die diese Gesellschaftsordnung mitgeprägt hat. Ohne diesen weit gefassten philosophisch-historischen Bogen blieben sowohl Umfang und Tiefe der Auseinandersetzung im Kalten Krieg als auch die Wege für einen Annäherungsprozess im Dunkeln.
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Zweites Kapitel: Der Sozialismus in der jungen Sowjetunion (1917 bis 1928)

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Zweites Kapitel: Der Sozialismus in der jungen Sowjetunion (1917 bis 1928)

2.1 Die Entwicklung von unterschiedlichen Eigentumsformen

Das Eigentum im vorrevolutionären Rußland

Im Jahre 1861 wurde im zaristischen Rußland die Leibeigenschaft aufgehoben24. Die ehemals Leibeigenen mußten sich bei ihren Herren, dem ländlichen Adel, den Großbauern und den Klöstern25 der russisch orthodoxen Kirche, freikaufen. Daraus entstand ein System der Abarbeit26, der Fronarbeit, der Arbeit gegen Pacht und die Auszahlung der ehemaligen Besitzer der bäuerlichen Arbeitskraft durch Naturalleistungen. Diejenigen, die sich diese Freiheit erarbeiten konnten, waren frei in dem Sinne, dass sie nicht mehr wie eine Sache verkauft werden konnten27. Ein Freisetzungsprozeß der Bauern im Sinne der durch K. Marx beschriebenen ursprünglichen Akkumulation, ein brutales Trennen der Bauern vom Privateigentum am Boden und ein Hineinschleudern dieser Menschenmassen in einen kapitalistischen industriellen Produktionsprozeß, war das jedoch nicht. Im Jahr 1903 existierten in Rußland 10 Millionen Bauernhöfe28. 83% der Bevölkerung waren 1897 in der Landwirtschaft tätig.29 Die Masse der Bauern, ca. 5,5 Millionen Höfe30, waren Mittelbauern, die ein bis zwei Pferde besaßen, häufig weder lesen noch schreiben konnten und streng gläubig waren.31 Im Jahr 1865 gab es in ← 23 | 24 → Rußland 706.000 Industriearbeiter, vierzig Jahre später waren es 2,8 Millionen. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung waren das weniger als 3 %.32 Durch den Bau der Transsibirischen Eisenbahn von 1891 bis 1901 und den Bau der Transmandschurischen Eisenbahn...

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