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Alter, neuer Kalter Krieg?

Eine philosophiegeschichtliche Analyse des Zusammenhangs von «Sozialismus» und Frieden

Ulrich Knappe

Ist es nicht verwunderlich, mit welcher Präzision der Kalte Krieg an der Ukrainekrise wieder aufbricht? Die alten, eingeübten, systemischen, konfrontativen Denk- und Handlungsmuster sind nicht überwunden, sondern scheinbar nur zurückgedrängt worden. Wenn Verstehen und Verständigung, als Überlebensprinzip im Nuklearzeitalter, jedoch dauerhafter werden sollen, dann lohnt es sich, tiefer zu gehen und nach den überkommenen Ursachen für den neuen Ausbruch der Konfrontation zu suchen. Diese Schrift analysiert das Entstehen, die Existenz und den Untergang des «Sozialismus» und entwirft von daher die Konturen unterschiedlicher Friedenszustände, die diese Gesellschaftsordnung mitgeprägt hat. Ohne diesen weit gefassten philosophisch-historischen Bogen blieben sowohl Umfang und Tiefe der Auseinandersetzung im Kalten Krieg als auch die Wege für einen Annäherungsprozess im Dunkeln.
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Viertes Kapitel: Aufbäumen und Abstieg des sowjetischen und Aufstieg des chinesischen Sozialismusmodells

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Viertes Kapitel: Aufbäumen und Abstieg des sowjetischen und Aufstieg des chinesischen Sozialismusmodells

Der widersprüchliche Übergang vom sowjetischen Totalitarismus zur Diktatur

Am 8. Mai 1945 unterzeichnete der deutsche General Keitel, dem sowjetischen General Shukow gegenübersitzend, die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht241. Für alle Welt war es sichtbar, daß eine „sozialistische“ Ordnung, basierend auf „sozialistischen Produktionsverhältnissen“, maßgeblich zu diesem weltgeschichtlich bedeutsamen Sieg beigetragen und jetzt ihren Einfluß bis in das Heimatland von Karl Marx ausgedehnt hatte. Dieser 8. Mai 1945 setzte neben den 7. November 1917 ein zweites, ebenso epochales Ergebnis. Die Sowjetunion schöpfte daraus ihren zweiten Gründungsmythos. Das Abkommen von Jalta sanktionierte seitens der Westalliierten die Gebietsansprüche der Sowjetunion, die sie in Bezug auf die Pufferstaaten nach dem Überfall Deutschlands erhob und eröffnete ihr die Möglichkeit, einen von ihr geprägten Herrschafts- und Wirtschaftsraum in Ost- und Mitteleuropa zu schaffen. Die ungeheuren Lasten, die die Sowjetunion im zweiten Weltkrieg trug und ihr wesentlicher Beitrag zum Sieg über die Achsenmächte legitimierte vor der internationalen Öffentlichkeit stillschweigend die in den 1930er Jahren gewaltsam geschaffenen Macht- und Eigentumsverhältnisse. Abgesehen davon, daß Stalins Tod am 5. März 1953 seinen Plan vereitelte, die Kolchosen zu enteignen, da sich angeblich eine neue Schicht von Kulaken zu bilden begonnen hatte, änderte sich an der inhaltlichen Bestimmung der ökonomischen Grundlagen in der Sowjetunion bis zum Ende der Perestroika nichts. Allerdings änderte sich die Form ihrer politischen Realisierung. Das sogenannte „gesellschaftliche Eigentum...

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