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Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit?

Jüdische Wohlfahrt in der Weimarer Republik zwischen privaten Initiativen und öffentlichem Engagement am Beispiel der Berliner Gemeinde

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Simona Lavaud

Wohltätigkeit, Wohlfahrt und Fürsorge sind Begriffe, die im Judentum eine bedeutende und zentrale Rolle spiel(t)en, da sie das umschreiben, was sich als konstitutiv für die jüdische Gemeinschaft erwies: eine traditionell gewachsene Unterstützungspflicht von Menschen für Menschen – in jeder Lebenssituation – von der Geburt bis zum Tod. Diese Spannweite jüdischer Wohltätigkeit ist der Untersuchungsgegenstand dieses Buches. Es wird gezeigt, wie sich das wohltätige Arbeiten in den jüdischen Gemeinden, speziell in der Berliner Gemeinde, in den 1920er und beginnenden 1930er Jahren entwickelte, als, basierend auf der Weimarer Reichsverfassung und diversen Wohlfahrtsgesetzen, Begriffe wie Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit für die deutschen Juden eine neue Signifikanz bekamen.
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3.1.3 Lösungsmöglichkeiten: Ehe- und Sexualberatung

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Der Anteil der jüdischen Männer, die eine Mischehe eingingen, betrug im Jahr 1921, wo er noch am geringsten war, 24,1%, im Jahr 1924 stieg er aber auf 35,4%, das heißt, dass durchschnittlich jeder dritte jüdische Mann eine Frau anderen Glaubens heiratete. Die Zahl der Mischehen nahm insbesondere zu, da die jüdischen Bürger vermehrt aus Liebe Beziehungen eingingen, sie sich assimilierten und emanzipierten – vor allem die Frauen – und weil ihnen die Aufrufe zur „Reinhaltung der Rasse“ oft zu obskur vorkamen. Einen weiteren vermeintlichen Grund, warum sich die Mischehen, auch bei Ostjuden, häuften, führt Leon Sklarz an: ← 126 | 127 →

„Es ist auch heute noch Aufgabe der jüdischen Fürsorge, diese ostjüdischen Frauen nach Möglichkeit zu guten Wirtschafterinnen zu erziehen. Der nach Deutschland gekommene ostjüdische Mann, der sehr oft möbliert wohnt, fand meist Gefallen an der Wirtschaftlichkeit der deutschen Hausfrau, mit der er seine ostjüdische Ehefrau sehr zu ihrem Nachteile verglich.“252

Viele ostjüdische Paare waren zwar nach jüdischem Ritus verheiratet, diese Eheschließung wurde zivilrechtlich nicht anerkannt, so dass in Deutschland die Ehepartner sofort eine neue Ehe schließen konnten. Im Allgemeinen lässt sich aber festhalten, dass die ausländischen Juden ehefreudiger waren, weniger Mischehen eingingen und eine viel höhere Kinderzahl hatten. Sie halfen damit, die Durchschnittskinderzahl Mitte der zwanziger Jahre, als die Zahl der Ostjuden in Deutschland am höchsten war, auf zwei pro Ehe zu erh...

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