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Medienkollisionen und Medienprothesen

Literatur – Comic – Film – Kunst – Fotografie – Musik – Theater – Internet

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Edited By Gudrun Heidemann and Susanne Kaul

Mediale Bezugnahmen wie Intertextualität, Metamedialität, Translation, Umschrift oder Umkodierung von Text- und Bildformaten können als Medienprothetik aufgefasst werden: Wenn Marshall McLuhan Medien grundsätzlich als extensions of man versteht, so beinhaltet dies die zunehmende Ausweitung körperlicher oder medialer Begrenztheit mittels technologischer Innovationen. Als derart verstandene Prothesen können Medien Defizite indes nicht nur kompensieren, es kann auch zu Widerständen gegen die mediale Übertragung kommen. Die Beiträge dieses Bandes beleuchten den kulturkritischen Hintergrund der McLuhanschen Medientheorie (Freuds Prothesenlogik), und in zahlreichen Fallstudien loten sie die Bandbreite der medialen Kollisionsmöglichkeiten an Beispielen aus Literatur, Comic, Film, bildender Kunst, Fotografie, Musik, Theater und Internet aus.
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Apparate aus Kalkül. Spiegel- und Fotoprothesen in Rainer Werner Fassbinders Effi Briest

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1. Konstellationen von Medienprothesen

Die Fotografie ist unser Exorzismus. Die primitive Gesellschaft hatte ihre Masken, die bürgerliche Gesellschaft ihre Spiegel, wir haben unsere Bilder. Wir glauben, die Welt mit der Technik bezwingen zu können. Durch die Technik aber zwingt sich die Welt uns auf, und der Überraschungseffekt dieser Umkehrung ist beträchtlich.1

Was Jean Baudrillard 1990 für die Transparenz des Bösen geltend macht, trifft auf Rainer Werner Fassbinders Verfilmung (1974) von Fontanes Roman Effi Briest (1894f.) insofern zu, als hierin Spiegel, Bilder und Fotografien gleichsam als ‚Apparate der Austreibung‘ vorgeführt werden.2 Zum einen dienen sie einer blickenden Selbst- und Fremdkontrolle hinsichtlich potentieller Normabweichungen, zum anderen bezeugen sie die oben zitierten Mediensprünge – allerdings in einer diachronen Umkehrung und damit als epochaler Rückblick auf die gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Wandel begriffenen ‚Techniken des Betrachtens‘.3 Medienhistorisch kommt der Fotografie zu, was der Spiegel zuvor unterband, ← 135 | 136 → bannte oder beschwor. So bezeichnet Oliver Wendell Holmes Daguerreotypien bereits 1864 als „Spiegel mit einem Gedächtnis“.4 Wenn Umberto Eco das Spiegelbild gar als „Duplikat des Reizfeldes, in das man gelangen könnte, wenn man das Objekt anstelle seines reflektierten Bildes betrachten würde“,5 auffasst, so gilt dies erst recht für die fixierten Spiegelbilder der Kamera. Diese Parallelen und Übergänge werden von Fassbinder auch in metadiskursiver und metamedialer Hinsicht filmisch gezeigt, indem das laufende Bild – vielfach als Spiegelbild – immer wieder stillgestellt oder als fotografischer Quasi-Stillstand inszeniert...

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