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Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
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Johann Christoph Rost – ein zu Unrecht vergessener Verserzähler

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Originelle Schäfererzählungen

1742 erschien in Berlin ein kleines Buch von gerade einmal 70 Seiten mit dem Titel Schäfererzälungen.274 Das Bändchen bot den Zeitgenossen reichlich Gesprächsstoff – nicht allein den Männern; auch viele Frauenzimmer sollen es sich heimlich beschafft und immer wieder gelesen haben.275 Der Zuspruch war so groß, dass bereits zwei Jahre nach dem Erstdruck eine neue Ausgabe nötig wurde.276

Was war das Neuartige und Aufsehenerregende an den Texten und wer deren Verfasser? Obgleich das Buch anonym erschien, hatte man den Autor bald ermittelt. Es handelte sich um Johann Christoph Rost. Er war 1741 ← 71 | 72 → kurzzeitig der verantwortliche Redakteur der Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen gewesen,277 hatte jedoch Preußen bereits wieder verlassen, als die Gedichte veröffentlicht wurden. Dabei war er erst 1740 von Leipzig nach Berlin gekommen. Sein Lehrer Johann Christoph Gottsched, der berühmte sächsische Literaturprofessor, hatte ihm die Redakteursstelle an der Spenerschen Zeitung vermittelt.278 Mit dem Umzug in die preußische Hauptstadt begann sich der Schüler von seinem Meister nicht allein lokal zu entfernen; insbesondere aufgemuntert durch einige in Berlin lebende Gegner Gottscheds, die Schriftsteller Jacob Friedrich Lamprecht und Johann Matthias Dreyer, die selbst in Leipzig studiert hatten, entwickelte er sich in nur kurzer Zeit vom Schüler zum Antipoden,279 was sich schon allein darin ausdrückte, dass er in Berlin eine Oper von Giovanni Gualberto Bottarelli mit dem Titel Rodelinda übersetzte, was unter den Augen...

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